Goldener Löwe für Lucia Pietroiusti Überraschungssiegerin mit Gespür für die Umwelt

Die Performancearbeit 'Sun & Sea (Marina)' gewinnt überraschend den Goldenen Löwen in Venedig.

(Foto: dpa)
  • Die junge italienische Kuratorin Lucia Pietroiusti gewinnt mit drei litauischen Künstlerinnen den Goldenen Löwen in Venedig.
  • Ihre Performance-Arbeit über die Vergänglichkeit der Natur wurde bei der Biennale auf Anhieb zum Publikumsliebling.
  • Pietroiusti hat berühmte Eltern, ein Goldener Löwe fehlte der Familie jedoch noch im Trophäenschrank.
Von Catrin Lorch

Der Goldene Löwe der Biennale in Venedig gilt in der Kunst so viel wie die Oscars in der Filmbranche. Vor allem die Auszeichnung für den besten Pavillon ist eine der bedeutendsten der Welt. Obwohl Künstler und Kuratoren immer wieder betonen, wie überholt das Konzept des Nationenwettstreits in einer so internationalen Szene sei, drängeln sie sich zur Verleihung am ersten Wochenende der Biennale auf den Plätzen des Palastes, in dem die bis dahin geheim gehaltenen Namen verkündet werden.

In diesem Jahr gab es eine Überraschung. Gewinner war Litauen, ein Land, das an der Lagune als echter Außenseiter antritt und nicht einmal einen eigenen Pavillon in den Giardini besitzt. Dass mit "Sun & Sea (Marina)" das Werk eines Kollektivs triumphierte, zu dem die Regisseurin Rugilė Barzdžiukaitė, die Drehbuchautorin Vaiva Grainyté und die Komponistin Lina Lapelytė gehören, ist auch das Verdienst der Kuratorin, der erst 34-jährigen Lucia Pietroiusti.

(Foto: David M. Benett/Getty)

Sie hat für Litauen ein abgetakeltes Lagerhaus am Rand eines Militärhafens angemietet und dort einen Strand aufgeschüttet. Mit künstlicher Sonne aus UV-Lampen, mit Wärme aus Heizstrahlern, Sand, Plastikspielzeug, Korbtaschen und Dutzenden von Statisten in Badehosen und Bikinis. Dazwischen sind Sänger auf den Badelaken verteilt, deren Partituren vom Müll im Treibgut erzählen und die in langen Soli das Ausbleichen von Korallenriffen bedauern. Das Publikum kann das Geschehen aus der Vogelperspektive von einer umlaufenden Galerie verfolgen, ist den Kindern an ihren Sandburgen, den Lesenden und Dösenden so nah wie eine Möwe im Sinkflug.

"Oper" über die Vergänglichkeit

Das Meer war in diesem Jahr Motiv unzähliger Kunstwerke. In großen Pavillons wie dem französischen simulierte man Unterwasserwelten, Künstler thematisieren den steigenden Meeresspiegel, das Artensterben in der Tiefsee, Vermüllung und Flüchtlingsboote.

Doch die erstmals vor zwei Jahren in Vilnius aufgeführte Inszenierung "Sun & Sea (Marina)" überstrahlte die Konkurrenz, war schon vor der Verleihung des Goldenen Löwen der Publikumsliebling. Vor dem Eingang standen die Besucher stundenlang an, es heißt, die Liste, in die sich Besucher als Statisten eintragen können ("Bringen Sie Badekleidung und Handtuch mit"), sei schon längst geschlossen.

Lucia Pietroiusti traf als Kuratorin genau den richtigen Ton. Die als "Oper" bezeichnete Performance geriet in unmittelbarer Nähe zu einem modderigen Hafenbecken gleichermaßen unterhaltsam wie unbehaglich. Was sicher auch daran liegt, dass Lucia Pietroiusti an der Serpentine Gallery in London als "Kuratorin für Ökologie" arbeitet; es gibt kein zweites Ausstellungshaus, das überhaupt eine vergleichbare Position vergibt.

Berühmte Mutter, berühmte Tochter

Lucia Pietroiusti verantwortete so aber nicht nur Ausstellungen und Performances, sondern auch ein Festival wie "Die Form eines Kreises im Bewusstsein des Fischs" oder eine weltweit beachtete Konferenz zum Thema "Aussterben", und koordiniert die Zusammenarbeit des Ausstellungshauses mit Forschern und Wissenschaftlern.

Lucia Pietroiusti, die in Rom geboren wurde und unter anderem Literatur- und Kulturwissenschaften in London und Dublin studiert hat, kann aber vielleicht auch deshalb so selbstverständlich die Grenzen der Kunst erweitern, weil sie tief vertraut ist mit der Szene, weil sie sozusagen mit Kunst aufgewachsen ist. Ihr Vater ist der italienische Performance-Künstler Cesare Pietroiusti. Ihre Mutter Carolyne Christov-Bakargiev, die künstlerische Leiterin der Documenta 13, gilt als eine der bedeutendsten Kuratorinnen der Gegenwart. Deren Vita kann unter "Ehrungen" bislang noch keinen venezianischen Löwen verzeichnen - aber es heißt, niemand habe sich über die unerwartete Auszeichnung für Lucia Pietroiusti so gefreut wie sie.

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