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Berlinale:Gedeckter Missbrauch in der katholischen Kirche

Im Wettbewerb wurde es derweil auch beim anderen großen Autorenfilmstar dieser Festivalausgabe nicht heiterer. Denn der französische Regisseur François Ozon ("8 Frauen"), der wie Akin ein regelmäßiger Gast bei der Berlinale ist, hat sich in "Grâce à Dieu" ebenfalls eine traurige, wahre Geschichte vorgenommen: den sexuellen Missbrauch von Minderjährigen in der katholischen Kirche von Lyon.

Der Lyoneser Priester Bernard Preynat hat dort zwischen 1986 und 1991 Dutzende Jungen im Pfadfinderlager missbraucht. Obwohl er seine Taten intern zugab, deckte der Erzbischof von Lyon, Kardinal Philippe Barbarin, ihn jahrelang. Mittlerweile steht Barbarin ebenfalls vor Gericht, ihm wird Vertuschung vorgeworfen. Das Verfahren läuft seit Januar 2019, ein Urteil soll im März gefällt werden. Weshalb es für Festivalchef Dieter Kosslick natürlich ein Coup ist, diesen Film im Wettbewerb zu haben, denn so aktuell ist das Kino, das oft recht lange Produktionszeiten hat, selten.

Ozon hat lange mit den Missbrauchsopfern gesprochen, die sich im Verein "La Parole Libérée" (Das befreite Wort) zusammengeschlossen haben. Aus diesen Recherchen hat er eine Spielfilmhandlung konstruiert, die aber für seine Verhältnisse - Ozon ist berühmt für seine formalen Spielereien - sehr nah am Dokumentarischen ist. Alle Beteiligten tragen ihre Klarnamen. Er erzählt die Geschichte dreier Männer, die von Preynat missbraucht wurden, anhand von Briefen, E-Mails, Telefonaten, Gerichtsakten, die größtenteils im Original zitiert werden. Ein harter Stoff, der sich in dieser journalistischen Erzählform den klassischen Bewertungskriterien für einen Spielfilm eher entzieht, aber als verfilmte Skandalrecherche eine beeindruckende Leistung ist.

Nur wenige Menschen wollten Ozon bei diesem Vorhaben unterstützen, selbst alte Verbündete wie der Fernsehsender Canal+, der fast alle seine Filme kofinanziert hat, zogen sich zurück. Deshalb war die Finanzierung für den Regisseur diesmal eine schwierige Angelegenheit. Auf der Pressekonferenz sagte der 51-Jährige: "Wir haben gar nicht versucht, eine Finanzierung in Lyon zu bekommen, weil die Stadt sehr katholisch ist und die Mächtigen in Lyon sehr eng mit der Kirche verwoben sind. Wir wollten uns keine Zensur auferlegen und frei arbeiten können." Alle Szenen in und um Kirchen habe er extra nicht am Originalschauplatz Lyon, sondern in Belgien und Luxemburg gedreht.

Aus Angst, die Kirche könnte gegen den Film vorgehen, wurde "Grâce à Dieu" als Geheimprojekt gedreht, unter einem anderen Titel, wie der Produzent Nicolas Altmayer in Berlin berichtet: "Darin war überhaupt nicht die Rede von diesen barbarischen Taten." Trotzdem gibt es spätestens jetzt, mit der Premiere in Deutschland, Ärger für die Filmemacher. Der Anwalt des Priesters, Frédéric Doyez, will den französischen Kinostart am 20. Februar laut Medienberichten mit einer einstweiligen Verfügung verhindern. Sein Argument: Der Film würde zu einer Vorverurteilung seines Mandanten führen. Ozon sagte dazu in Berlin, dass die meisten, die den Film in Frankreich angreifen würden, ihn ja noch gar nicht gesehen hätten: "Das sind Attacken aus Prinzip." Er habe den Film schon vor Geistlichen gezeigt und von vielen Bischöfen eine positive Resonanz bekommen.

"Ne, du nicht": David Dietl porträtiert in "Berlin Bouncer" drei berühmte Berliner Türsteher

Damit das Berlinale-Wochenende aber nicht nur als große Mörder-Missbrauchs-Depression in Erinnerung bleibt, muss am Schluss noch kurz der wunderbare und heitere Dokumentarfilm "Berlin Bouncer" erwähnt werden, der am Sonntag außerhalb des Wettbewerbs Premiere hatte. Gezeigt wurde er in der Reihe "Perspektive Deutsches Kino", gedreht hat ihn David Dietl. Er ist der Sohn des Regisseurs Helmut Dietl und dreht schon seit einigen Jahren selber Filme ("König von Deutschland", "Ellas Baby").

In "Berlin Bouncer" porträtiert David Dietl drei berühmte Berliner Türsteher, die seit Jahrzehnten die Schwelle zu den aufregendsten Orten des Nachtlebens bewachen. Zum Beispiel Frank Künster, der 1989 nach Berlin ging, um BWL zu studieren, dem aber die Clubszene so sehr dazwischenkam, dass er bis heute nicht wieder aus ihr herausgefunden hat. Er bezeichnet sich selbst als "Exzessbetreuer".

Auch Sven Marquardt ist einer der Protagonisten des Films, der gefürchtete Zerberus des Techno-Clubs Berghain. Der 57-jährige gebürtige Ostberliner gibt auf Nachfrage des Regisseurs reumütig zu, dass er manchmal "so 'n Mitjefühl" mit den Leuten hat, die er nicht reinlässt. Und dass er wegen dieser Zurückweisungen Angst hat, nach dem Tod "in so 'ne Hieronymus-Bosch-Zwischenhölle zu kommen". O-Ton Marquardt: "Da muss ich dann als Strafe immer an die Tür klopfen, aber es heißt nur: Nee, du nicht!"

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