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Golden Globes 2021:Bitte den Ton etwas lauter

Golden Globes 2021: Die Moderatorinnen Tina Fey und Amy Poehler

Als berühre sie sie wirklich: Tina Fey moderiert die Verleihung aus New York, Amy Poehler aus Beverly Hills.

(Foto: NBC/AP)

Die Golden Globes haben Schwierigkeiten mit der Videotelefonie. Aber das ist noch ihr kleinstes Problem.

Von Verena Harzer und Tobias Kniebe

Im ersten Moment ist es kaum zu bemerken, dass die beiden Moderatorinnen nicht gemeinsam auf einer Bühne stehen. Fast 5000 Kilometer liegen zwischen dem Rainbow Room im Rockefeller Center in New York und dem Beverly Hilton in Beverly Hills, doch ein Splitscreen rückt Tina Fey und Amy Poehler direkt nebeneinander. Fey tut dann auch gleich mal so, als würde sie nach ihrer Kollegin greifen, und eine sehr entfernte Hand kommt auf der anderen Seite ins Bild und streichelt tatsächlich über Poehlers Haar.

Bei der diesjährigen Pandemie-Ausgabe der 78. Verleihung der Golden Globes reden die beiden Moderatorinnen, die zum vierten Mal durch den Abend führen, nicht lange um den heißen Brei herum - die Globes stehen unter Beschuss. Sie werden bekanntlich von der Hollywood Foreign Press Association (HFPA) vergeben, einem Verband von derzeit 87 eigentlich unbedeutenden Auslandskorrespondenten, die allein durch den Glamour ihrer Preisgala eine Macht gewonnen haben, vor der Stars und Studios zittern. Die nutzen sie schon immer, um sich hemmungslos pampern und korrumpieren zu lassen, was zu fragwürdigen Nominierungen führt - diesmal etwa für die weithin verlachte Netflix-Serie Emily in Paris.

Tina Fey sagt dann auch gleich, der Verband habe "ungefähr 90 Mitglieder", weil einige von ihnen wahrscheinlich Geister seien. Es gäbe sogar das Gerücht, dass "das deutsche Mitglied nur eine Wurst ist, auf die jemand ein Gesicht gemalt hat". Toller Gag - aber auch die Wirklichkeit ist komisch. Ein HFPA-Mitglied ist zum Beispiel laut Hollywood Reporter real dafür bekannt, einen Blindenausweis zu besitzen. Noch schwerer als solche Absurditäten und der kollektive Griff in die prall gefüllte, formal aber gemeinnützige Vereinskasse wiegt der Vorwurf, den die Los Angeles Times zuletzt erhob - kein einziges der Mitglieder ist schwarz.

Chadwick Bosemans Witwe nimmt den Preis unter Tränen entgegen

Auch das macht Poehler gleich zum Thema: Jeder sei verständlicherweise sauer auf die HFPA, die viel herausragenden Mist nominiert habe, aber dafür "viele schwarze Schauspieler und von Schwarzen geführte Projekte übersehen hat". Und Fey fügt noch an, alle wüssten, dass diese Art der Preisverleihungen "dumm" sei, aber auch für "dumme Dinge" sei Inklusion wichtig. So hat es dann fast vielsagende Symbolik, dass der erste Globe des Abends an einen schwarzen Schauspieler vergeben wird, der dann bei seiner Dankesrede zunächst stumm bleibt - eine technische Panne.

Als Daniel Kaluuya, als "Best Supporting Actor" für "Judas and the Black Messiah" ausgezeichnet, schließlich zu hören ist, sagt er: "You are doing me dirty" - ihr lasst mich hier hängen. Im weiteren Verlauf lässt sich dagegen nicht behaupten, dass schwarze Kreative missachtet wurden: Die Sängerin Andra Day, die in "The United States vs. Billie Holiday" die Jazz-Ikone Billie Holiday porträtiert und für diese erste größere Filmrolle gleich den Globe gewinnt, setzt sich gegen sehr starke Konkurrentinnen wie Frances McDormand und Vanessa Kirby durch. Und der vergangenes Jahr viel zu früh gestorbene Chadwick Boseman gewinnt posthum für seine Rolle in "Ma Rainey's Black Bottom". Seine Witwe Simone Ledward nimmt den Preis unter Tränen entgegen. Boseman hätte jetzt sicherlich schöne und inspirierende Worte gefunden, sagt sie, ihr aber falle nur eins ein: "Wir müssen alle Momente nutzen, um die zu feiern, die wir lieben."

Simone Ledward Boseman nimmt die Auszeichnung für ihren verstorbenen Ehemann Chadwick Boseman entgegen.

(Foto: NBC/AP)

Insgesamt lässt sich der Preisregen wie folgt zusammenfassen: Mit "Nomadland" setzt sich ein klassischer, komplett unglamouröser, die innere Stärke des prekären Amerika feiernder Independent-Film durch, der nicht von Streaming-Giganten finanziert wurde, aber jetzt auch bei den Oscars uneinholbar erscheint. Die Amazon Studios dagegen können mit "Borat Subsequent Movie Film" groß punkten, und in der Fernsehsparte zeigt sich noch einmal die globale Zugkraft, die das royale Traumpaar Charles und Diana einst vor dem großen Bruch hatte: Es gibt wichtige Preise für die vierte Staffel von The Crown, darunter für die Darsteller von Charles und Diana, Josh O'Connor und Emma Corrin.

Die stille Kraft von "Nomadland" wiederum sorgt auch dafür, dass es ein guter Abend für Frauen im Regiestuhl und für Frauen of Color wird: "Nomadland"-Schöpferin Chloé Zhao, eine Chinesin, die in den USA arbeitet, gewinnt erst als zweite Regisseurin bei den Globes -davor gab es den Sieg von Barbra Streisand für die Regie von "Yentl", das ist fast vierzig Jahre her. Und es wär auch gelacht gewesen, wenn sich in dieser Kategorie wieder ein Mann durchgesetzt hätte, denn Zhao war mit rekordverdächtigen zwei Kolleginnen nominiert: Emerald Fennell für "Promising Young Woman" und Regina King für "One Night in Miami".

Chloé Zhao, eine Chinesin, die in den USA arbeitet, gewinnt als zweite Regisseurin überhaupt bei den Globes.

(Foto: NBC/AP)

Dafür hat dann David Fincher für seinen tollen "Mank" das Nachsehen, der trotz sechs Nominierungen keinen Preis holen kann, und Aaron Sorkin mit "The Trial of the Chicago 7", der aber immerhin noch fürs Drehbuch gewinnt. Den Golden Globe für den besten fremdsprachigen Film erhielt "Minari" von Lee Isaac Chung. Mit seiner kleinen Tochter im Arm sagt der Regisseur, dass es in "Minari" um eine Sprache gehe, "die tiefer als jede amerikanische und jede fremde Sprache" ginge. Es sei "die Sprache des Herzens".

Mit der Technik geht dennoch einiges schief, vieles wirkt dazu seltsam undurchdacht

Damit spielt er auf eine Kontroverse um seinen Film an. Obwohl er US-Bürger ist, sein Film in den USA gedreht und von amerikanischen Firmen finanziert wurde, wird er in der Kategorie "Fremdsprachiger Film" geführt, weil in dem Drama um koreanische Einwanderer weniger als fünfzig Prozent englisch gesprochen wird. Dafür hat dann ein wirklicher Film aus der Fremde das Nachsehen, der hochgehandelte Film "Druk / Der Rausch" aus Dänemark. Und eine weitere Fremdsprachlerin, die erst zwölfjährige Deutsche Helena Zengel, kann ihrer überraschenden Nominierung als Nebendarstellerin keinen Sieg folgen lassen - stattdessen gewinnt Jodie Foster als Anti-Folter-Anwältin in "The Mauritanian".

Die meisten zugeschalteten Nominierten haben sich, wenn auch nur im eigenen Wohnzimmer, festlich gekleidet. Mit der Technik geht dennoch einiges schief im Laufe des Abends. Vieles wirkt dazu seltsam undurchdacht. Die Dankesrede von Josh O' Connor für die "Best Performance by an Actor in a Television Series - Drama" wird verfrüht abgebrochen - gerade als er für mehr Verständnis für psychische Kranke wirbt. Häufig ist der Ton zu leise, wenn Preisträger zugeschaltet werden. Beim Jubel über die Preise werden die leer ausgegangenen Mitnominierten immer wieder recht lange eingeblendet. Einigen von ihnen fällt es sichtbar schwer, ihre Enttäuschung zu verbergen. Das ewige Problem mit den Videozuschaltungen hatten die Emmys zuvor jedenfalls deutlich besser hingekriegt.

Und natürlich geloben mittendrin auch die viel gescholtenen Hausherren der Golden Globes, die HFPA-Mitglieder, endlich Besserung. Das muss auch sein, wenn ihnen doch selbst die Ehrenpreisträgerin Jane Fonda noch einmal die Leviten liest. In ihrer Dankesrede für den Cecil B. DeMille Lifetime Achievement Award fordert sie mehr Inklusion in ihrer Branche ein. "Die Geschichte, die wir in der Filmindustrie lange nicht sehen und nicht hören wollten, ist die Geschichte von den Stimmen, die respektiert und herausgehoben wurden - und jenen, die ausgeblendet werden," sagt sie.

Die drei HFPA-Vertreter, die sich nach all dem Druck vor die Kamera trauen, beschränken ihren Aufritt auf eine Minute. Aber sie wollen in Zukunft alles besser machen. Helen Höhne, die Vizepräsidentin der Organisation sagt, dass "schwarze Journalisten in ihrer Organisation vertreten sein müssten". Meher Tatna, die ehemalige Präsidentin und Vorstandsvorsitzende, fügt hinzu, dass sie daran arbeiten würden, dass "alle unterrepräsentierten Minderheiten einen Platz an ihrem Tisch bekommen". Aber das wird man jetzt erst einmal sehen müssen - wie viele neue Kollegen diese seltsamen Pressevertreter tatsächlich in ihren exklusiven Zirkel hereinlassen, um sich mit ihnen an den Futtertrögen Hollywoods zu laben.

© SZ/cag
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