Götz George Schatzl

Hochland ist mittlerweile Sardinien, wo sich George zwischen seinen Engagements Ruhe antrainiert. Wo er morgens Sardinien riecht und abends beobachtet, wie sich der Horizont in der Dunkelheit auflöst. Doch man braucht ihn bloß ein wenig mit dem Thema "Deutsche aus Ost und West" zu beschäftigen, und schon riecht er Deutschland, und es entsteht so eine Berlin-Monolog-Situation.

"Ich bin gnadenlos ehrlich"

Das ist so bei Götz George. Er ist bereit, über alles zu sprechen. Sofort. Er sagt: "Ich bin gnadenlos ehrlich." Er ist auch gnadenlos schnell. Man gibt ihm ein Stichwort, und im selben Augenblick öffnen sich Gefühlspforten zu Gedankenräumen.

Es ist dann wie Fernsehen. Man zappt sich durch die Programme. In den George-Programmen sind beispielsweise der kolossale Vater Heinrich enthalten, die humorvolle Mutter Berta Drews und seine ehemalige Freundin, die ihn in niederträchtige Schlagzeilen des Boulevards brachte. Außerdem kommen vor: "Schimanski", "Schtonk", "Rossini" sowie Hauptrollen als Massenmörder Haarmann, KZ-Arzt Mengele und als Alzheimer-kranker Vater.

Der Berlin-Monolog: "Ich habe Berlin nie verlassen, habe alles mitbekommen, den 17. Juni, den Mauerbau. Ganz viele Kollegen haben nach dem Mauerbau alles verkauft und sind weg. Die sagten, man verliere nicht nur die Existenz, sondern werde einbezogen in ein System, in dem man nicht bleiben kann. Diese Stadt hat mich nie fest engagiert, trotzdem bin ich ihr treu geblieben."

Es folgen Schilderungen aus dem deutsch-deutschen Grenzverkehr, "tausend Vopos", die ihn vorgeführt haben bei seinen tausend Fahrten von West-Berlin nach Köln und Duisburg. Als Tatort-Kommissar Horst Schimanski ließ er sich von niemandem vorführen, jedenfalls nicht ungestraft.

Auf einmal geht es um Ossis und Wessis. Solidarzuschlag, Steuerlast und Wirtschaftskraft. George stellt fest, dass die Wessis die Ossis überschwemmen, dass der Stärkere das Sagen habe. So sei das auch auf Sardinien: "Sardinien ist eine archaische Insel. Seit ein paar Jahren haben Römer und Mailänder sie entdeckt, und jetzt ist das ihre Insel. Und da hat der Sarde, der eigentlich still und bescheiden und ruhig ist, nichts mehr zu sagen. Die anderen haben alles gekauft, und der Sarde wird an die Seite gedrängt. Und das passiert hier auch."

Ständiger Transit

Hier in Gesamtdeutschland. Und hier auf Sardinien, wo er unter Sarden bleibt und ein paar Leuten, bei denen er sein "Italienisch nicht strapazieren muss".

Er lebt im ständigen Transit: "Du darfst nicht mehr mit Gepäck reisen. Überall Zahnbürsten, das muss der Luxus sein. Das ist der Ehrgeiz." Er besitzt eine Villa in Berlin. Er hat eine Wohnung in Hamburg, weil Marika, seine Partnerin, aus Hamburg stammt. Und in Sardinien steht das Haus auf einem Hügel überm Meer: "Nischt Großes", sagt er. Groß genug, um damit Glück zu verbinden.

Wenn man das erste Mal vor so einer Gesprächswendung steht, die direkt vom Mauerbau nach Sardinien und zurück in die geteilte deutsche Gesellschaft findet, ist man erstaunt. Und geschafft. Man lernt, dass Götz George ein geselliger Mensch ist, der die Menschen allerdings fürchtet. Der sich nicht verstellt, der nie falsch verstanden werden und respektiert werden möchte. Wobei es so ist, dass seine gnadenlose Ehrlichkeit manchmal zu Liebesentzug führt. Was ihn dann wiederum jedes Mal umhaut.

Der starke Mann ist verletzlich, allerdings stark genug, um das zu erkennen. Über sich sagt er: "Ich bin ein Heißsporn." Über seine Lebensgefährtin sagt er: "Sie ist mein Mediator. Das sind die Frauen eben."

Quälerei

So ist Marika Ulrich. Beim Drehen ist George der Erste, der kommt und der Letzte, der geht. Er mischt sich ein. Er ist kompliziert. Er kann übertrieben genau sein, und das allerdings auch, weil er seinem Ensemble so viel Spielkunst anzubieten hat. Wenn er die Qual der Wahl hat, eine Figur auszufüllen, müssen sich die anderen mitquälen.

Er verlangt viel, weil er viel gibt. Er verlangt, dass man genau weiß, warum er welche Figur in welchem Projekt übernommen hat.

In diesem Jahr haben Leander Haußmann und Götz George zusammengearbeitet. Haußmann hat "Kabale und Liebe" fürs Fernsehen inszeniert. Haußmann, der "Verrückte", sagt George: der Verrückte. Ihre Preise haben sie noch nicht gewechselt. "Das machen wir opulent. Da kannste nicht mal eben sagen: So, hier haste deinen Preis. Nee, nee. Das muss schon einen würdigen Rahmen haben."

Wenn sie sich in Hamburg treffen, werden sie zu Paulino gehen, einem Sarden, der italienisch kocht am Alsterufer. Sie werden deutschen Fisch essen und sardischen Wein trinken, und Paulino wird dabei sein und bei seinen letzten beiden Gästen aushalten. George ist als Gast und Gastgeber mindestens so belastbar wie als Radfahrer.