Goethes Lektüre Wo die Freiheit wohnt

Das Reisetagebuch des Herzogs Bernhard von Weimar wurde nun erstmals kritisch ediert.

Von Gustav Seibt

Die Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika erschien ihm als die "heilsamste Revolution, die je gewesen war". Als er dem uralten John Adams, einem der Unterzeichner der Unabhängigkeitserklärung vom 4. Juli 1776, vorgestellt wurde, empfand er "unbeschreibliche Rührung". Kurz danach besuchte er eine Highschool in Boston und bewunderte die republikanische Erziehung: "Es waren heute Declamirübungen. Einer der Schüler recitierte die Rede eines englischen Parlamentsmitglieds zu'm Vorteil der Emancipation der irischen Catholiken mit einem Feuer und einer so richtigen Diction als ob er sich in einem Parlament befänd." Ein anderer erörtert die Vorteile der heimischen Regierungsform gegenüber einer Despotie, zum Behagen des Besuchers: "Ich finde es für ein Land wie das hiesige von der höchsten Wichtigkeit, die Knaben von Jugend auf mit der Verfaßung ihres Landes und ihren Vortheilen bekannt zu machen (...) und alle ihre geistigen Hülfsmittel anzustrengen um sie zu vertheidigen."

Ein knappes Jahr dauerte der Besuch in der Neuen Welt: der jungen USA und Kanadas

Das schreibt 1825 ein deutscher Amerikareisender, aber kein revolutionärer Auswanderer, sondern ein deutscher Fürst aus ältester Dynastie: Herzog Bernhard von Weimar, der zweite Sohn von Carl August, Goethes Großherzog. Er bereiste "Nord-Amerika" vom 4. April 1825 (Abreise von Gent) bis zum 24. August 1826 (Heimkehr nach Weimar), nicht nur die erst fünfzig Jahre alten USA, sondern auch Kanada. Der eigentliche Aufenthalt in der neuen Welt dauerte vom 26. Juli 1825 bis zum 16. Juni 1826, also ein knappes Jahr. Über diese Zeit führte Bernhard ein Tagebuch, und zwar wirklich Tag für Tag. Am Ende umfasste es in schöner Reinschrift 1036 Seiten, pro Tag deutlich mehr als zwei eng beschriebene großformatige Blätter. Es ging schon während der Reise in fünf Lieferungen nach Weimar, wo nicht nur die Familie mitlas, sondern mit dem allergrößten Interesse auch Goethe. Der 1792 geborene Prinz Bernhard war Carl Augusts begabtester Sohn, er genoss die einzigartig privilegierte Erziehung im klassischen Weimar, an der große Geister wie Herder, Wieland und Goethe beteiligt waren.

Später sorgte der Vater Carl August für preußische Mentoren aus dem antinapoleonischem Widerstand. Als Zweitgeborenem blieb Bernhard nur die militärische Laufbahn, die er zunächst in sächsischen Diensten, also doch unter Napoleon, begann. Der Kaiser der Franzosen war angetan von dem talentierten, mutigen Offizier, der ihm in der Schlacht von Wagram auffiel, und ehrte ihn mit dem Stern der Ehrenlegion.

Später trat Bernhard in holländische Dienste und nahm an der Schlacht von Waterloo teil. Der brillante Prinz war sogar im Gespräch für den Thron von Griechenland. Das hätten manche als die natürliche Krönung der Weimarer Klassik begrüßt, und vermutlich hätte der weltkluge, praktische Bernhard seine Sache besser gemacht als der unfähige Wittelsbacher, der stattdessen nach Hellas geschickt wurde. Dass Goethe genau in dieser Zeit seinen Helena-Akt im "Faust" mit zeitgeschichtlichen Anspielungen würzte, hat auch mit Bernhard zu tun.

Überhaupt konnten beide gut miteinander. Sie teilten neben der Liebe zu Griechenland und den praktischen Wissenschaften auch die Sympathie für Nordamerika und seinen republikanischen Staat. Goethe gestand im höheren Alter sogar, als junger Mann die Auswanderung nach Amerika erwogen zu haben. An deren Stelle trat eine lebenslange Beschäftigung, die in der letzten Fassung von "Wilhelm Meisters Wanderjahren" 1829 zu einem fiktiven Auswanderungsprojekt führte, für das Goethe auf viele Informationen in Prinz Bernhards Reisetagebuch zurückgriff. Zu Goethes späten Lektüren zählten dann noch die Lederstrumpf-Romane Coopers.

Auch Bernhard reiste nicht aus reiner Neugier nach Übersee. In den frühen 1820er-Jahren verfolgte er die Idee, "im Innern von Amerika Land urbar zu machen, und mir und meinem Sohn späterhin eine völlig freie Existenz zu bereiten". Zugleich war der ferne Kontinent ein Sehnsuchtsland der Naturwunder. Als Prinz Bernhard die Niagarafälle erreichte, "wohin ich mich seit meiner zartesten Kindheit wünschte", da versagten ihm die Worte.

Bernhards Route führt ihn in die Weiten des erst kurz zuvor von Europäern besiedelten und aufgeteilten Landes, aber doch vor allem in die aufstrebenden Groß- und Kleinstädte Boston, New York, Philadelphia, Baltimore, Washington, New Orleans, wo er sich oft wochenlang aufhielt und ein gefeierter, herumgereichter Teil der Gesellschaft wurde. Weimar und Goethe waren dort längst berühmt, zumal bei den vielen Deutschen, die Bernhard überall traf und deren Lebensschicksale er notierte.

So nutzte der sportliche, großgewachsene Prinz (die engen Kutschen waren ihm so unbequem, dass er lieber beim Fahrer auf dem Kutschbock saß und nachts dafür auch die Fackel hielt) die Vorteile seines Standes, der ihm die Türen ins Weiße Haus öffnete, auch die zu Monticello, dem Landsitz Jeffersons in Virginia, wo er mehrere Tage verbrachte. Bernhards Verehrung für den längst verstorbenen George Washington war so groß, dass er einen Umweg zu dessen arg vernachlässigtem Landgut nicht scheute.

Je weiter er nach Süden kam, desto mehr empörte ihn die Behandlung der Schwarzen

Der Leser dieses Tagebuchs wird also mit der besseren Gesellschaft vertraut, aber dabei bleibt es nicht. Bernhards Neugier ist grenzenlos, der Faktenreichtum seiner Aufzeichnungen verwirrend. Natur, Wildnis, Technik, öffentliche Einrichtungen wie Schulen und Strafanstalten, politische Gebäude, Kirchen und Sekten, nicht zuletzt das Militär, seine Organisation und Ausrüstung, alles interessiert ihn, und über alles macht er detaillierte, kundige Notizen. Er kann Maschinen beschreiben, aber auch schöne Landschaften würdigen.

Er hat ein Auge für elegante Inneneinrichtungen und für schlichte Schulgebäude mit Holztreppen. Das 1814 von den Engländern niedergebrannte Washington ist erst im Wiederaufbau, und Bernhard zeigt seinen Lesern, die er immer wieder anredet, eine Großbaustelle, mit kenntnisreicher Beurteilung des klassizistischen Stils. Er ist ein pflichtbewusster Christ, der doch die erhitzte Frömmigkeit, die er in Amerika beobachtet, mit Unbehagen sieht. Über solche Christen spricht er mit einem "wechabitischen" Sprichwort, also in einem Gleichnis aus der arabischen Welt: "Ist dein Nachbar einmal am Grabe des Propheten gewesen, so hüthe dich vor ihm; hat er aber die Pilgerfahrt zweimal vollbracht, so siehe dich nach einer andern Wohnung um."

Tastend, unsicher war zunächst seine Wahrnehmung der Rassenvielfalt, der ungewohnteste Aspekt für einen Mitteleuropäer. Als er die Staaten erreichte, in denen die Sklaverei noch herrschte, hielt er sich zunächst zurück: "Es kömmt mir nicht zu, mich über diesen delicaten Gegenstand pro oder contra zu äußern." In New York erkannte er, wie der Rassenunterschied als Standesunterschied auftrat: Die Diener sind "meistens Neger oder Mulatten". Aber sie haben auch Schulen zum Unterricht der "Negerkinder", "und diese kleinen affenartigen Geschöpfe sollen mitunter recht gut lernen."

Je weiter Bernhard aber nach Süden kommt, desto mehr empört ihn die grausame und entwürdigende Behandlung der Schwarzen. Eine Haussklavin wird wegen einer Kleinigkeit ausgepeitscht, das ist furchtbar; aber widerwärtig ist es, dass die Strafe von ihrem Verlobten ausgeführt werden muss. Den öffentlichen Verkauf von Menschen kann er nur mit Abscheu betrachten. Dass der Menschenrechtler Jefferson im schönen Charlottesville Schwarze als Sklaven hatte, entging ihm nicht.

Aus all dem wurde keine Theorie, anders als wenige Jahre später bei Alexis de Tocqueville. Dafür ist Bernhard zu empirisch und praktisch eingestellt - man ist versucht zu sagen: zu amerikanisch. Jedenfalls bewegte er sich mit großartiger, unbefangener Selbständigkeit in der neuen Welt. Goethe gefiel das gut und noch vor der Rückkehr des Prinzen verfasste er eine liebevolle Privatrezension des Tagebuchs für den Vater Carl August: "Man sieht einen überall willkommenen Welt- und Lebemann, einen wohlunterrichteten geprüften Militär, einen Theilnehmenden an Staats- und bürgerlichen Einrichtungen, bey Gastmahlen und Tänzen an seinem Platz, gegen Frauen-Anmuth nicht unempfindlich. Ferner sehen wir ihn bey öffentlichen Gelegenheiten beredt aus dem Stegreife, in der Conversation unterhaltend, mit Anstand frey gesinnt, seiner Würde sich bewußt und die Vortheile seines hohen Standes zu einem leichtern und rascheren Leben benutzend."

Goethe war es dann auch, der auf eine rasche Publikation einer bearbeiteten, von Privat-, Militär- und Geldangelegenheiten bereinigten Fassung drang. Diese wurde von dem liberalen Jenaer Historiker Heinrich Luden erstellt und dabei um die Hälfte gekürzt. Der Erfolg von Ludens stilistisch aufpolierter Version - kein einziger Satz blieb unverändert -, die schon 1828 erschien, hat allerdings verhindert, dass von dem im Weimarer Staatsarchiv erhaltenen Original später viel Notiz genommen wurde.

Nun liegt eine zeichengetreue Transkription vor, erstellt von Alexander Rosenbaum vom Weimarer Goethe-und-Schiller-Archiv auf Initiative des in Princeton lehrenden Germanisten Walter Hinderer. Es ist ein gewaltiger Brocken, mit zwei lesenswerten Nachworten der beiden Gelehrten, mit Dokumenten, Chronologie und Registern, aber ohne Kommentar. Das ist begreiflich, denn ein solcher zwangsläufig sehr umfangreicher Kommentar müsste ohnehin in den USA erstellt werden, wo die historischen und topografischen Hilfsmittel bereitstehen, aber es bleibt bedauerlich.

"In dem Baßin sah ich auf einem Canalschiff eine schwimmende Buchhandlung ..."

Überhaupt ist das Tagebuch keine durchgehend leichte Lektüre. Der sinnverwirrende, vom Tagesablauf vorgegebene Faktenreichtum kann, wenn man nicht aufpasst, gerade die schönsten Beobachtungen ertränken. Zum Beispiel diese auf dem Erie-Kanal: "In dem Baßin sah ich auf einem Canalschiff eine schwimmende Buchhandlung, seit 2 Jahren von einem Herrn Wilcox auf dem Erie-Canal etablirt, mit der er einigemal des Jahres die Reise hin und zurück macht und sich recht gut dabei stehen soll. Er war eben von einer solchen Reise zurückgekommen um sein Magazin wieder zu erneuern."

Auf diesem Schiff kamen die griechischen und lateinischen Klassiker in die Rodungsgebiete, wo dann Städtchen mit Namen wie Manlius, Marcellus oder Utica an den altrömischen Republikanismus erinnerten. Prinz Bernhard war so begeistert von dem einfallsreichen Unternehmer (dieser hatte zuvor als Kaufmann "Banquerout" gemacht), dass er ihm gleich "eine recht gute Charte vom Staate New-York" abkauft. Der letzte Satz seines Tagebuchs enthält sein "Glaubensbekenntniß" und ist unterstrichen: "Where liberty dwells, there is my country!": Wo die Freiheit wohnt, da bin ich zu Hause: "Weimar, im September 1826."

Herzog Bernhard von Sachsen-Weimar-Eisenach: Das Tagebuch der Reise durch Nord-Amerika in den Jahren 1825 und 1826. Hrsg. von Walter Hinderer und Alexander Rosenbaum. Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2017. 910 Seiten, 78 Euro.