Goethe-Wörterbuch Das Abendland und der Frosch

Die Berlin-Brandenburgische Akademie feierte am Montag den siebzigsten Geburtstag des "Goethe-Wörterbuchs". Der Festakt war, seinem Gegenstand angemessen, launig, reichhaltig, überraschend und lehrreich.

Von Stephan Speicher

Es scheint eine Eigentümlichkeit der Deutschen zu sein, vorzugsweise wenn sie im Morast stecken, sich auf Kunst und Wissenschaft zu berufen. So war es schon 1806 gewesen, nach der Niederlage Preußens gegen Napoleon, so war es nach der Niederlage 1918. Dass die Nationalversammlung sich im Februar 1919 in Weimar versammelte, war nicht nur Flucht vor den unsicheren Verhältnissen in Berlin, es sollte auch, wie Friedrich Ebert sagte, den "Übergang vom Imperialismus zum Idealismus, von der Weltmacht zur geistigen Größe" verdeutlichen. Deutschland müsse die großen Gesellschaftsprobleme "in dem Geist behandeln, in dem Goethe sie im zweiten Teil des ,Faust' und in ,Wilhelm Meisters Wanderjahren' erfasst hat."

Und so war es auch nach dem Zweiten Weltkrieg. Auf die moralische Katastrophe des Nationalsozialismus sollten die Deutschen mit der Besinnung auf ihre Klassiker reagieren, insbesondere auf Goethe. Das Unpompöse, Maßvolle, die bewusste und gewollte Beschränkung, die er immer wieder zur Sprache bringt, das schien nach dem in jeder Hinsicht exzessiven Charakter des Nationalsozialismus das Richtige.

Aus dieser Vorstellungswelt heraus entstanden Pläne für große Goethe-Projekte, vor allem der für ein umfassendes Goethe-Wörterbuch. Neu war die Idee nicht, nun aber sollte sie mit dem nötigen Ernst und apparativen Aufwand in die Tat umgesetzt werden. Der Altphilologe Wolfgang Schadewaldt hatte dazu eine Denkschrift verfasst; auf dieser Grundlage beschloss die Deutsche, vormals Preußische Akademie der Wissenschaften vor siebzig Jahren, am 12. Dezember 1946, das Vorhaben zu beginnen. Vier Arbeitsstellen wurden eingerichtet, in Leipzig und Berlin, Hamburg (getragen von der Göttinger Akademie) und Tübingen (Heidelberger Akademie). Zu Anfang machte man sich wohl noch keine rechte Vorstellung vom Ausmaß der Arbeit. In fünf Jahren, so die erste Kalkulation, sollte das Goethe'sche Werk vollständig verzettelt sein, um dann mit diesen Zetteln die Artikel verfassen zu können. Tatsächlich wurde man mit der Verzettelung erst in den Sechzigerjahren fertig, 1966 erschien die erste Lieferung des Wörterbuchs, der erste Band war 1978 komplett.

Im kommenden Jahr ist der sechste Band fertiggestellt - bis zum Stichwort "Pfröpfung"

Es war ein zeitweise recht schwergängiges Unternehmen, immer wieder stand es auf der Kippe. Dass die beteiligten Geldgeber aber nicht nachließen, hat, wie Michael Niedermeier, Leiter der Berliner Arbeitsstelle, glaubt, mit der deutschen Teilung zu tun. In dieser Lage wollte sich niemand die Blöße geben, ein so groß angelegtes Goethe-Projekt an finanziellen Nöten scheitern zu lassen, vor der gesamtdeutschen Verantwortung zu versagen. Im Geleitwort zur ersten Lieferung geben die Präsidenten der Akademien von Berlin (DDR), Göttingen und Heidelberg ihrer Hoffnung Ausdruck, das Goethe-Wörterbuch "möge zur Pflege des gemeinsamen kostbaren Gutes der Sprache beitragen, die als Mittel der Kommunikation über Landesgrenzen hinaus das lebendige Medium geistiger Gemeinsamkeiten ist". In Goethes Sprachwelt und seiner "umfassenden natürlichen Menschlichkeit" öffne sich ein Raum, "in dem sich alle Länder deutscher Zunge einander zugehörig fühlen können".

Der erste Band brauchte vom Erscheinen des ersten bis letzten Faszikels zwölf Jahre, der zweite folgte schon etwas rascher, inzwischen hat das Unternehmen Fahrt aufgenommen. Zwei bis drei Faszikel erscheinen pro Jahr, zwölf Faszikel bilden einen Band. Im kommenden Jahr kommt der 6. Band (bis "Pfröpfung") heraus, die redaktionelle Arbeit ist beim Buchstaben T angelangt. Mitte der 2020er- Jahre müsste alles erschienen sein. Die Internetversion, sehr freundlich gestaltet, hinkt noch etwas hinterher. Hier ist derzeit beim Buchstaben M Schluss, das soll aufgeholt werden.

Stand das Goethe-Wörterbuch immer mal wieder zur Debatte - in den Akademien haben die Naturwissenschaften ein Übergewicht -, so scheint jetzt der gute Fort- und Ausgang gesichert. Zum Geburtstag des Wörterbuchs war am Montagabend die Stimmung in der Berlin-Brandenburgischen Akademie sehr belebt. Die Festveranstaltung im Leibniz-Saal, dem größten des Hauses, war ausgebucht. Es scheint doch noch genügend Leute zu geben, die sich Goethes Sprachwelt und vielleicht auch einander zugehörig fühlen.

"Lasst mich weinen. / Tränen beleben den Staub. / Schon grunelts" - was heißt denn das?

Goethes Wortschatz umfasst 93 000 Wörter, das ist der mit Abstand größte Individualwortschatz im deutschen Sprachraum. Vergleiche sind methodisch heikel, doch seien einige Zahlen genannt. Für Luther sind 23 000 Einzelwörter nachgewiesen, für Schiller und Shakespeare jeweils rund 30 000, für Ibsen 27 000. Goethe führte ein sehr langes Leben, sein Werk ist gut überliefert, vor allem aber hat er sich mit den verschiedensten Dingen befasst. Die Hälfte der 93 000 Einzelwörter hat er nur einmal benutzt, allein das zeigt schon, wie sehr er sich auf den Einzelfall richtete, wie genau, wie sach- und weltnah er lebte und sich ausdrückte.

Und etwas von dieser Weltkindschaft zeichnete auch die Festveranstaltung aus. Alle Vorträge waren kurz, munter, zielbedacht. Rüdiger Welter erklärte am Stichwort "Liebe", einem "Grund- und Wesenswort", wie man es in der Startphase des Projekts genannt hätte, wie ein Artikel entsteht, welche Nuancensensibilität der Bearbeiter benötigt. Olaf Müller benutzte das Stichwort Parallelepipedon, um eine Tafel aus der Farbenlehre zu erklären und die Kritik an Goethes mangelnder Tatsachenkenntnis zu entkräften. Michael Niedermeier skizzierte die Geschichte des Goethe-Wörterbuchs, als einen in mehrfacher Hinsicht sprechenden Gegenstand der Ideen- und Kulturgeschichte.

An dem Gedicht "Laßt mich weinen!" aus dem "West-östlichen Divan" zeigte Ernst Osterkamp den Gewinn, der sich aus dem Goethe-Wörterbuch ziehen lässt. Das lyrische Ich, ein Beduine, "umschränkt von Nacht", berechnet die Entfernung von seiner Geliebten, bricht in Tränen aus - "Weinende Männer sind gut" - und ruft Achill, Xerxes und Alexander als Vorbilder auf. Mit den Versen "Laßt mich weinen. Tränen beleben den Staub./ Schon grunelts" endet das Gedicht. Dass gruneln "sprossen, grün zu werden anfangen" bedeutet, wusste schon das Grimmsche Wörterbuch. Aber erst mit dem Goethe-Wörterbuch und seinen Belegen erkennt man die größere Bedeutung: "Ausdruck eines Heilungs-, Verwandlungs- und Erneuerungsvorgangs". Das Größte - in der klassischen Walpurgisnacht ist gruneln ein Teil des Ins-Leben-Treten (des Homunculus) - wird mit einer Verkleinerungsform gefasst.

Die Rettung aus einem moralischen Zusammenbruch von der Kunst zu erwarten, wie es 1946 formuliert wurde, kommt uns heute eher vermessen vor. Aber bei Versen wie "Laßt mich weinen. Tränen beleben den Staub./ Schon grunelts" will man doch glauben, dass im Ineinander des Größten und Kleinsten etwas Humanes liegt. Und eben dies, das Größte neben dem Kleinsten, ist das Prinzip der Wörterbuchlektüre. A wie "Abendland" und Stimmton: "Frosch: A! Tara lara da! / Altmeyer: A! Tara lara da! / Frosch: Die Kehlen sind gestimmt." (Faust I, Auerbachs Keller). Man sucht etwas, findet es, rutscht von einem Beleg zum nächsten und hat die "beste Zerstreuung", wie Goethe mit Fischers physikalischem Lexikon, 1792 in Frankreich.