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Goethe und das Judentum:Biblische Form als Symbol

Karin Schutjer: Goethe und das Judentum. Das schwierige Erbe der modernen Literatur. Wallstein Verlag, Göttingen 2020. 288 Seiten, 39,90 Euro.

Karin Schutjer hat die bisher umfassendste Studie über Goethes Verhältnis zum Judentum vorgelegt. Wenn sie sich mehr mit seinen Beziehungen zu jüdischen Zeitgenossen beschäftigte, fiele dies düsterer aus.

Von Gustav Seibt

Im Winter 1808 haderte Goethe wieder einmal mit den Deutschen. "Deutschland ist nichts, aber jeder einzelne Deutsche ist viel, und doch bilden sich letztere gerade das Umgekehrte ein", erklärte er im Gespräch mit dem Weimarer Kanzler Friedrich von Müller. "Verpflanzt und zerstreut wie die Juden in alle Welt müssen die Deutschen werden, um die Masse des Guten ganz und zum Heile aller Nationen zu entwickeln, das in ihnen liegt." Der Vergleich ist nach 1945 oft zitiert worden, nicht selten im Gefolge von Thomas Manns Roman "Lotte in Weimar". Er wurde verstanden als Absage an nationalstaatliche Bestrebungen zugunsten jener "Kultur des Einzelnen", die Goethe in individueller Bildung ebenso fand wie im kleinstaatlichen Polyzentrismus der deutschen Geschichte.

Die Parallele war mehr als ein Einfall. Im Sommer 1808 hatte Goethe im Auftrag der bayerischen Kultusverwaltung Entwürfe für ein didaktisches Volksbuch zur Weltgeschichte erarbeitet. Es sollte historischer Abriss und Anthologie von Quellen zugleich sein, und es konzentrierte sich auf zwei Völker: Fürs Altertum standen die Juden, für Mittelalter und Neuzeit die Deutschen.

"Biblische Form als Symbol" lautete ein Stichwort in Goethes Schema. Damit war der zusammengesetzte, vielstimmige Charakter der hebräischen Bibel gemeint, der Goethe ein deutsches Pendant an die Seite setzen wollte, als Text aus Texten der Geschichte. In der gleichzeitig fertig werdenden "Farbenlehre" fasste Goethe den Hintergrund seiner Überlegungen zusammen. Die Bibel sei "nicht etwa nur ein Volksbuch, sondern das Buch der Völker, weil sie die Schicksale eines Volks zum Symbol aller übrigen aufstellt".

Die amerikanische Germanistin Karin Schutjer, die die bisher umfassendste Darlegung zu Goethes Verhältnis zum Judentum vorgelegt hat, verfolgt dieses Motiv bis in die pädagogische Provinz von "Wilhelm Meisters Wanderjahren". Dort zeigt ein Freskenzyklus Szenen aus der altisraelitischen Geschichte. Auch sie dienen als Beispiel, nicht als Heilsgeschichte. Die Juden seien nicht das vortrefflichste, aber das beharrlichste Volk: "Wir haben es daher als Musterbild aufgestellt, als Hauptbild, dem die anderen nur als Rahmen dienen." Im Schulbuchprojekt von 1808 waren Griechen und Römer zwar auch in den Blick gekommen, jedoch nur in ihren Beziehungen zu den antiken Juden - diese werden als so offen gegenüber Fremdeinflüssen gezeigt, wie es später die Deutschen gewesen seien.

Das Buch eröffnet einen neuen Zugang zu Goethe, hinter den man nicht mehr zurückkann

Dass zu Beginn der "Wanderjahre" Wilhelm Meister wie der Ewige Jude zu permanentem Ortswechsel verpflichtet ist, und dass am Ende ein Auswanderungsprojekt beispielhaft jene Zerstreuung der Deutschen in die Welt vorführt, die Goethe 1808 erwog, zeigt die Ernsthaftigkeit seiner Überlegungen. Nur: Zeitgenössische Juden wollen die Wanderer hier gerade nicht dabeihaben, denn sie hätten mit der Ablehnung von Christus die Grundlage der modernen Kultur ausgeschlagen. Sie und ihr Buch bleiben Symbol, gleichberechtigte Mitbürger sollen sie nicht sein. Diese Grenze des überkommenen Antijudaismus hat der Weltbürger Goethe hier nicht überschritten.

Schutjers Buch behandelt allerdings nicht Goethes gut dokumentierte Ablehnung der jüdischen Emanzipation, die in auffallendem Kontrast zu seinem Interesse am zeitgenössischen jüdischen Leben steht. Es geht ihr fast ausschließlich um die literarischen Bezüge zum Alten Testament, zur hebräischen Bibel und ihren Auslegungen. Nur Seitenblicke gehen hilfsweise zur Rezeption von Spinoza und der jüdischen Mystik. Die Bibel war das erste Werk der Literatur, das den jungen Goethe erreichte, lange vor den ähnlich lebensbestimmenden Eindrücken von Shakespeare und Homer. Und so übertreffen die biblischen Parallelen an Konstanz und Dichte auch alles andere, was der viellesende Goethe aufgenommen hat.

Das patriarchalische Wanderleben der Erzväter in der Genesis wurde für den jungen Dichter zum Symbol existenziellen Freiheitsstrebens so wie Moses und seine Gesetzlichkeit ihm als Folie für die Kritik an religiöser Orthodoxie diente. Moses konnte auch das Modell eines Volksführers sein, wie ihn der Richter in Goethes Flüchtlingsepos "Hermann und Dorothea" darstellt. Dass Faust am Ende auch ein Moses ist, der kurz vor dem Erreichen seines Kanaan stirbt, wurde schon vor mehr als hundert Jahren von Konrad Burdach ausführlich entwickelt. Die Wette zwischen Gott und Mephisto um Faust nimmt die Geschichte Hiobs auf; wie diese auch im ironisch katholisierenden Schluss des Weltdramas zurückkehrt, gehört zu Schutjers subtilsten Befunden.

Der vorgebliche Heide, erweist sich als tief verwurzelt in der historisierten religiösen Kultur seiner Epoche

Bis in den Kern von Goethes Weltanschauung verfolgt sie kabbalistische Einflüsse, die sie in der Vision eines pulsierend-atmenden, sich ausdehnenden und zusammenziehenden Kosmos am Ende des achten Buchs von "Dichtung und Wahrheit" wiedererkennt. Zuweilen nimmt ihre Subtilität selbst talmudische Züge an, so wenn sie das "Zerbrechen der Gefäße" der jüdischen Mystik mit dem Zerschlagen des häuslichen Geschirrs durch den dreijährigen Goethe im Hirschgraben, darüber hinaus mit den "Bruchstücken einer großen Konfession" in Verbindung bringt, als die Goethe seine poetischen Werke charakterisierte.

So gäbe es im Einzelnen manches einzuwenden. Am gravierendsten fällt ins Gewicht, dass Schutjer auf eine Abgrenzung des nachchristlichen Judentums von seinem israelitischen Vorläufer verzichtet, die für die moderne Wissenschaft vom Judentum konstitutiv ist. Dass diese Trennung für Goethe und seine Zeitgenossen noch nicht bestand, hätte markiert werden sollen. Aber das ändert nichts an dem enormen Verdienst des nicht immer leicht zu lesenden Buchs. Es eröffnet einen neuen Zugang zu Goethes Gesamtwerk, hinter den man nicht mehr zurückkann.

Der Klassiker, der vorgebliche Heide, erweist sich als tief verwurzelt in der durch die Aufklärung, nicht zuletzt durch Goethes Freund Herder historisierten religiösen Kultur seiner Epoche. Noch Goethes Abscheu vor dem "Marterholz" der Kreuzigung, sein später Bescheid "Gott ist keine Person" lassen sich nicht nur auf Spinoza, sondern auch auf das Bilderverbot der hebräischen Bibel zurückführen.

Was nun noch folgen müsste, wäre eine gleich umfassende Darstellung von Goethes Beziehungen zu jüdischen Zeitgenossen und Mitmenschen, zu ihren Rechtsverhältnissen und ihren Bestrebungen im revolutionären Umbruch der Epoche. Dieses Bild würde dunkler geraten.

© SZ vom 12.08.2020

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