Goethe Institut Unter Kartoffeln

In New York hat das Goethe-Institut eine neue Adresse - und wirbt sogleich mit einer sehr seltsamen Ausstellung für Deutschland als Oase der Entschleunigung. Dazu dienen gurrende Tauben und Kartoffeln, die man abzeichnen muss.

Von Peter Richter

Das Goethe-Institut in New York hat eine neue Adresse, mal wieder. Nach Jahrzehnten gegenüber dem Metropolitan Museum auf der Upper East Side (Brandschutzprobleme) und fünf Jahren in einer Hochhausetage in SoHo (Übergangslösung) befindet es sich ab sofort hier: 30 Irving Place, zwischen dem rummeligen Union Square, dem exklusiven Gramercy Park und dem immer noch bei jungen Menschen beliebten East Village. Unter den Aspekten der kulturellen Stadtgeografie kann man kaum zentraler liegen in New York. Und wie ist es nun im Auge des Taifuns?

Nach zwei absoluten Touristengegenden jetzt also eine erstaunlich stille Straße. Dabei beherbergt sie eine berühmte Halle für Rockkonzerte und Pete's Tavern, New Yorks älteste Bar. Christoph Bartmann, der Leiter des New Yorker Goethe-Instituts, weist Besucher auch gern auf das hübsche alte Originalwohnhaus des Schriftstellers Washington Irving hin, nach dem die Straße benannt ist. Nun ist auf einer relativ stillen Straße in New York immer noch mehr Betrieb als in Berlin auf dem Ku'damm, und direkt neben einem prähistorischen Schuster wartet nun seit dieser Woche in einem großen Ladenlokal ein deutsches Kulturinstitut auf Laufkundschaft.

Im Erdgeschoss wurde von den Architekten Sebastian Kaempf und Anke Roggenbuck ein Hybrid aus Bibliothek und Veranstaltungsraum eingebaut. In einem oberen Geschoss liegen die Büros und die Seminarräume für die Deutschkurse, die neuerdings auch in New York angeboten werden.

Es gibt einen Ort auf der Welt, der total aus der Zeit gefallen ist: Deutschland

Die New Yorker, die an diesem Mittwoch, an einem der allerersten für das Publikum offenen Tage, hereinschauen, bekommen zur Begrüßung gleich einmal vermittelt, dass es auf der Welt einen Ort gibt, der sogar noch mehr aus der Zeit gefallen ist als die Straße Irving Place: Deutschland, vor allem dessen Hauptstadt.

Man hatte Wanda Golonka gewinnen können, Abteilungsleiterin Tanz an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch Berlin. Ihre "Participatory Performance" für New York heißt "Exit/Wasting Time". Die in New York allgegenwärtigen "Exit"-Schilder über den Notausgängen werden dabei als Aufforderung zum klassischen "Aussteigen" gedeutet. Die Leute sollen ihre Mobiltelefone an der Garderobe abgeben. Sie sollen sich große Videos von gurrenden Tauben aus dem Mauerpark in Berlin anschauen. Es gehe dabei um Heimat, die Tiere flögen ja immer zurück. Außerdem sei Brieftauben-Wettfliegen eine sehr deutsche Sportart. Weiter hinten liegen Kartoffeln auf einem Tisch - Sinnbild des erdverwachsenen Deutschen. Die Kartoffeln darf man abzeichnen. Manche Besucher meinen, Kartoffelzeichnen sei entspannend. Anschließend sollen die Blätter in Kartoffelstärke getaucht und an die Wand geklebt werden, wodurch es im Institut nun aussieht wie in einem Kindergarten für Erwachsene.

Andererseits: Hätte es je eine bessere Beschreibung für die kulturelle Anziehungskraft Berlins gegeben? Wanda Golonka sagt, Berlins kreative Qualität sei die Langsamkeit, das Getrödel, das Verbummelte. Da können sie in den anderen Goethe-Instituten lange so tun, als sei Berlin ein New York mit günstigeren Mieten. Den in ihre eigene Betriebsamkeit verknallten Bewohnern des echten New York wird das Deutsche hier vielmehr als das kulturell radikal andere vorgestellt. Als Oase der Entschleunigung. Das ist nach all dem Effizienz-Geschnarre auch mal ganz schön. Und gemessen am Erfolg, den Yoga-Klassen und Ayahuasca-Sessions in dieser Stadt haben, wird sich das Goethe-Institut, wenn es so weitermacht, vielleicht schon bald größere Räume suchen müssen.