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Glücksgriffe:Topfschlagen mit Nathan, dem Weisen

Kirsten Boie

Vorstreiterin der Leseföderung: Kirsten Boie, 1950 in Hamburg geboren.

(Foto: dpa)

Alles, was sie bewegt, wird zu Geschichten: Die Kinderbuchautorin Kirsten Boie wird 70.

Als Kirsten Boie einmal nach ihrem Lieblingsbuch gefragt wurde, für eine kleine SZ-Serie unter dem Titel "Warum ich es nicht lassen kann", kam als Antwort: "Pippi Langstrumpf", "Pünktchen und Anton", Karl May, Enid Blyton, eine anscheinend endlose Liste all der Titel folgte, die sie als Kind in der Stadtbücherei oder bei Freunden ausleihen konnte, quer durch alle Genres und Altersstufen. Darunter auch, ein Gewinn beim Topfschlagen als sie elf Jahre alt war, das Reclamheft "Nathan der Weise", von dessen Sprache sie fasziniert war.

In ihrer Autobiografie "Monis Jahr" erzählt sie, dass Bücher ihr schon ab fünf Jahren zum Lebenselixier wurden, denn in ihnen erlebte sie, die 1950 in Hamburg geboren wurde, eine Faszination, die sie aus dem tristen Alltag der Nachkriegszeit entführte, und die sie ihr ganzes Leben nicht mehr verließ. Und aus der begeisterten Leserin eine der erfolgreichsten deutschen Autorinnen machte, obwohl der Start fast ein zufälliger war. Denn als sie zwei Kinder adoptiert hatte, wurde sie vom Jugendamt gezwungen, ihre Arbeit als Lehrerin zu beenden. Also schrieb sie 1985 zu Hause "Paule ist ein Glücksgriff", das erste Kinderbuch über den Alltag mit einem schwarzen Adoptivkind, das gleich ein großer Erfolg wurde.

"Bei mir verwandelt sich alles, was mich bewegt, schnell in Geschichten", ist ihre Erklärung dafür und auch für ihr unermüdliches Schreiben, das zu einem Oeuvre führte, das inzwischen so breit gefächert ist, wie die Titelliste ihrer anfänglichen Leselust. So findet sich neben hart realistischen, gesellschaftskritischen Titeln, "Erwachsene reden. Marco hat was getan" oder "Nicht Chicago, nicht hier", die von ihren Erfahrungen als Lehrerin an einer Brennpunktschule erzählen, auch märchenhaft Sagenhaftes, wie die Reihe "Der kleine Ritter Trenk". Immer wieder ist in ihren Geschichten der kindliche Alltag zu entdecken, in der wunderbar ironischen Lena-Reihe oder der Möwenweg-Serie. Und auch in der Krimi-Reihe "Thabo", die einen toughen schwarzen Jungen und seine Freunde in Swasiland zeigt, die die Autorin bei ihrer Arbeit für ihre Aids-Waisen-Stiftung dort kennenlernte.

Auf ihren Lesereisen hat Kirsten Boie vielfach erfahren, wie wenig gerade die Grundschulkinder heute lesen. So wurde sie zu einer unermüdlichen Streiterin für die Leseförderung. Sie verfasste 2018 "Die Hamburger Erklärung", die als Petition große öffentliche Unterstützung fand, politisch bis jetzt jedoch wenig bewirkte. Der Digitalpakt für die Schulen war da viel erfolgreicher. Unermüdlich kämpft sie weiter und fordert, dass sich alle stärker einmischen müssen: "Wirtschaftsverbände, Gewerkschaften, Kirchen und andere Gruppierungen müssen sich zusammenschließen und Lobbyarbeit fürs Lesen machen." Ein Wunsch zu ihrem Geburtstag heute wäre, dass sie diesen Lesepakt bald schließen kann: "Kinder lesen, um Spaß zu haben, Abenteuer zu erleben, sich bei der Identifikation mit der Heldin schön und begehrenswert, mutig und stark zu fühlen. Und manchmal auch, um sich zu trösten".

© SZ vom 19.03.2020

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