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Glockenbachviertel:Flanieren und parlieren

Live-Club und Bar "Milla" in München, 2012

Weniger ein Ort für die Schönen und Reichen des Viertels als für die Experimentierfreudigen von überall: die Milla.

(Foto: Stephan Rumpf)

Das Milla-Festival "Walky Talky" setzt auf gute Nachbarschaft

Von Michael Zirnstein

Eine Lache hat sich im Treppenabgang der Milla gebildet. Die angeschwollene Isar drückt ein wenig Grundwasser in den Club. Die Stammgäste des Musik- und Partykellers wird das nicht stören, die sind eher lässig drauf. Aber wie ist es mit all den schicken Neu-Nachbarn? Die haben sich, glaubt man Werbetexten der Immobilienmakler, die luxussanierten Apartments gerade deshalb im Glockenbachviertel gekauft, um dann und wann aus ihren Designerfassaden zu treten und in den unzähligen Clubs des szenigsten Szeneviertels zu feiern. Aber gehen die reichen Zuzügler wirklich in Dunkelkammern wie der Milla aus? Cornelia Breinbauer und Mira Mann sind sich da unsicher. Die beiden sind in der Milla für die drei Ps zuständig: Programm, Produktion, Promotion. Das Gentrifizierungs-Klischee ist ihnen freilich bekannt.

Bald hat die Milla-Familie Gelegenheit, alle Glockenbachler kennenzulernen. Denn sie hat ein Nachbarschaftsfest mit allen Läden drumherum organisiert, das natürlich nicht nur für die Nachbarn sein soll. Ein "Straßenfest, das nicht (nur) auf der Straße stattfindet". Jedenfalls ein Kulturfest mit 27 Acts in 15 Läden entlang der Westermühlstraße bis zur Kirche St. Maximilian am Isarufer. Das "Milla Walky Talky" soll nun aber keins dieser urbanen Indierock-Events sein, wie sie gerade überall im Kommen sind. Wie zum Beispiel das sehr erfolgreiche Reeperbahnfestival in Hamburg, das der im Herbst im Münchner Schlachthofviertel startenden "Manic Street Parade" als Vorbild dient. Am 8. Oktober wollen da Veranstalter aus dem Umfeld der Sportfreunde Stiller lokale und internationale Bands "an der Schwelle zur Bekanntheit" in hiesige Clubs holen.

Auch feiert die mehrfach prämierte Milla nicht einfach nur selbstbewusst ein Freudenfest, weil man sich nun etabliert hat, so wie das der etwa gleich alte und ebenso bedeutende Club Strom mit "Must - München unter Strom" plant. Vom 27. Juni an will der eine Woche lang spannende Bands aus aller Welt auftreten lassen, wie sonst auch, nur eben geballter und mit der Option eines Wochentickets: von den Supersuckers aus Seattle über Shearwater aus Texas bis hin zu Radio Birdman, die großen Einfluss auf die australische Rock-Szene der Achtzigerjahre ausgeübt haben.

Auch das "Walky Talky" bringt wichtige Bands nach München: Die Skeletons, die neuen Postrock-Helden aus New York; und White Wine aus Leipzig, die mit drei Mann "klingen wie eine Brecht-Theater-Aufführung", spielen die Abendkonzerte in der Milla; und in St. Matthias legt die Südafrikanerin Alice Phoebe Lou mit ihrer sechsköpfigen Gypsy-Band los. "Wir haben so viele Facetten und Dimensionen. Um ein gutes Leben zu führen, müssen wir all unsere Fähigkeiten vereinen und dürfen keinen Teil unserer Persönlichkeit vergessen." Sagt sie und kommt damit der Vorstellung von Mira Mann und Cornelia Breinbauer für den experimentellen Milla-Mix schon sehr nahe.

Auch beim "Walky Talky" erzwingen sie Chancen zu spontaner Kreativität: Etwa wenn sie den ständig seine Form wechselnden Singer-Songwriter Angela Aux, Vertreter des "New Weird Bavaria", mit der Filmkomponistin und Theremin-Spielerin Verena Marisa (Deutscher Fernesehpreis 2013) zusammen ins Kilenz & Post und ins Maroto schicken. "Wir wissen nicht, ob die nacheinander oder gleich zusammen spielen." Vielleicht werden auch alle beteiligten Hip-Hop-Jazz-Eingreiftruppen - Donnerbalkan, Express Brass Band und Beatprotest - sich irgendwann vereinen und "gemeinsam die ganze Straße runterblasen".

Vor allem aber soll "Walky Talky" gerade mit den Gratis-Veranstaltungen von 17 bis 20.30 Uhr die Gäste zum Spazieren und Reden bewegen. "Wir wollen einen Erlebnisraum und ein Stimmungsexperiment schaffen", erklärt Mira Mann, "unsere Frage ist: Was ist Willkommenskultur? Was heißt ankommen?" Deswegen treten nachmittags nur Leuten von hier auf: Altmünchner wie bewährte Szenemusiker - der Rapper Monaco F, der "Schmalz-Punker" Daniel Murena, die Autorin Fabienne Pakleppa, Pacifico Boy alias Pico Be (der seinen alten Kumpel Murad Al Aqrabi aus dem Jemen einfliegen lässt), die Tänzer der Gruppe Quadrischepps oder Schauspielerin Wiebke Puls mit ihren Leonard-Cohen-Interpretationen - und Originale wie Wolfgang Mahn, der schreibende Hausmeister aus der Baumstraße 4, der viele Geschichten aus dem Glockenbachviertel erzählen kann. Sie treffen auf Neu-Münchner, wozu Mann und Breinbauer Zugezogene wie die portugiesische Fado-Sängerin Maria Rui zählen, die Sängerin Lilié mit kamerunischen Wurzeln, den Dancehall-Hipster Jarck Boy aus Gambia, den Songwriter Jordan Prince aus New Orleans oder Babacar Diagne, der mit Pee Frois der erste Rap-Star im Senegal war - nun wohnt er in München und betreut das Flüchtlingsprojekt "Fightal Hope".

"Neu-Münchner" ist schließlich auch Mira Manns und Cornelia Breinbauers Titel für jene hier gestrandeten Flüchtlinge, die sie wegen ihrer Musikalität auf die Bühne holen: die Trommler Diamme, Die Newcomer aus dem Projekt des Rappers Monaco Freshprinz, der Syrische Friedenschor, der schon vor dem Bundespräsidenten sang, Get Together aus der Unterkunft an der Aschauer Straße und Jisr, die über die Balkanroute nach München kamen. Dass sie willkommen sind im toleranten Club des städtischen Ober-Flüchtlingshelfers Till Hoffmann, ist gesetzt.

Spannend wird sein, wie die Verständigung mit den anderen Neu-Nachbarn klappt, den schönen und reichen. Mann und Breinbauer haben bei den Antrittsbesuchen der anderen Partner-Läden schon viele Überraschungen erlebt: So haben sie im schicken Sushi & Soul oder im Franchise-Fastfood-Filiale the Burgerhaus "sehr herzliche Teams mit viel Persönlichkeit" kennen gelernt. Oder eine Mitarbeiterin der Leder-Werkstatt Antonetty, die schon 20 Jahre länger als die Milla im Viertel ist.

Milla Walky Talky, Samstag, 18. Juni, 17 Uhr, Holzstr. 28 und in den Läden an der Westermühlstraße

© SZ vom 18.06.2016
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