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Gleichberechtigung:Die stolze Unschuld ist zu gleichen Teilen rührend und traurig

Und doch bleibt "Wonder Woman" auch dort auf diese merkwürdige, überraschende Weise anrührend, die all diese Frauen in den Kinosälen zum Heulen bringt. Denn diese Heldin, die Amazonenprinzessin Diana, ist ein Kind dieser Insel. Und sie bleibt es, auch nachdem sie sie verlassen hat. Auf Themyscira aufzuwachsen, entspricht offenbar ungefähr dem Pädagogikkonzept dieser geschlechtergerechten Kindergärten in Schweden, wo die Pronomen neutral und die Puppen-Spielecken für Jungs und Mädchen gleichermaßen gedacht sind.

Und offenbar wirkt das: Stolz und königlich läuft Wonder Woman jedenfalls durch London - bis zu einem Treffen von Politikern und Generälen. Und als die Schnauzbartherren staunen und tuscheln, weil da eine Frau mit im Raum ist, guckt sie nur weiter stolz und königlich. Sie kommt schlicht nicht auf die Idee, dass sie hier, wo die Mächtigen sich versammeln, wegen ihres Geschlechts nicht dabei sein darf.

Und genau das, dieser Zustand stolzer Unschuld, ist zu gleichen Teilen rührend und traurig. Es erreicht einen solchen Zustand schließlich nur, diesen Schluss legt der Film zumindest nahe, wer auf einer Amazoneninsel aufgewachsen ist.

Niemand hat Wonder Woman als Mädchen je gesagt, subtil vermittelt oder vorgelebt, dass Frauen irgendetwas nicht können. Dass sie ängstlicher sind, und vor allem anderen schön zu sein haben. Dass Wonder Woman aussieht wie Gal Gadot, eine frühere Miss Israel, ist ihr ziemlich egal. Sie weiß gar nicht, dass es eine Rolle spielen könnte für die Art, wie sie sich durch die Welt bewegt.

Noch so eine Szene also, von der viele Frauen berichten, sie hätten geweint: Als Diana hört, dass hinter dem Todesstreifen an der Front Menschen gefangen sind, steigt sie aus dem Schützengraben. Knapp bekleidet. Das kann man nun blöd finden (aber sieht man nicht auch an männlichen Superheldenkörpern unter dem hautengen Bodysuit jede Minimuskelwölbung?), aber es ist trotzdem unfassbar beeindruckend, wie sie sich dem Kugelhagel entgegenstemmt. Natürlich schafft sie es. Wonder Woman durchbricht die Front.

Trotzdem, und das ist vielleicht das größte Verdienst dieses Films, ist Wonder Woman kein Superman mit Brüsten geworden. Wie einfach wäre es gewesen, die männlichen Comicsuperheldenklischees einfach auf eine Frau zu übertragen - die Abgeklärtheit, die ironischen Sprüche, die Technik-Begeisterung.

Aber nichts davon. Wonder Woman ist ernsthaft, idealistisch - aber ohne stählern zu sein. Als Wonder Woman auf der Straße in London eine Mutter sieht, die ihr Baby stillt, ruft sie strahlend: "Ein Baby!" Dass sie auch weibliche Klischees erfüllt, macht sie nicht "schwach", es ist Teil ihrer Identität. Und wieso sollte es überhaupt ein Widerspruch sein, dass man die Welt retten will und gleichzeitig Babys süß findet?

Ja, warum eigentlich? "Wonder Woman" hätte sehr leicht aussehen können wie diese angestaubten Karriereratgeber klingen. Die, in denen steht, dass Frauen mit Ambitionen den Dienstwagen fordern sollen, weil sie sonst nicht respektiert werden. Auch wenn der Dienstwagen sie nicht interessiert. Dass sie tiefer sprechen und bloß nicht von der Familie erzählen sollen. Aber Diana von Themyscira ist rebellisch, ohne dabei wie ein Mann sein zu müssen.

Deshalb darf sie sich auch in ihren charmanten Co-Helden verlieben. Und der darf sie bewundern, ohne deshalb gleich an seiner Männlichkeit zweifeln zu müssen. Und sie darf mit "Liebe" argumentieren, bevor sie am Ende den bösen Kriegsgott, der für das Elend des Ersten Weltkriegs mitverantwortlich ist, kaputtblitzt.

Wobei, das ist nicht ganz richtig. Wonder Woman darf das nicht. Sie tut es einfach.

© sz.de/biaz/doer
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