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Gleichberechtigung:Von der digitalen Macht, bloßzustellen

Und genau so etwas bräuchten Männer und Frauen auch gerade. Es kann keine Lösung sein, die Ermächtigung der letzten Monate einfach wieder rückgängig zu machen. Viele Frauen konnten sich erstmals einigermaßen sicher sein, wenn auch nicht ganz sicher, dass sie nicht ihre eigene Zukunft in Schutt und Asche legen, wenn sie auch nur den Mund aufmachen und erzählen, wie sie missbraucht wurden oder benachteiligt, wenn sie sich nicht missbrauchen ließen. In der aufgeheizten Stimmung der letzten Monate haben viele Schauspielerinnen sich geäußert - und ob sie in zwei Jahren nicht doch feststellen, dass sie nun keiner mehr engagiert, bleibt abzuwarten.

Andererseits gibt es natürlich auch eine Macht, jemanden bloßzustellen, die erst im Internetzeitalter für jedermann zu haben ist. Die großen Geschichten, die am Anfang der ganzen Diskussion um sexuelle Übergriffe standen, sind in der New York Times, der Washington Post, dem New Yorker erschienen, nach langwieriger Überprüfung. Was den Fall Weinstein angeht, war irgendwann klar, dass ganz viele Leute Bescheid wussten - und seine Opfer sich doch nicht wehren konnten, weil Weinstein jedem das Leben zur Hölle machen konnte, der versuchte, sein Verhalten öffentlich zu machen. Wenn alles nur noch auf Twitter verhandelt wird, ein misslungenes Date dieselbe Fallhöhe hat wie eine geschmacklose Bemerkung vor 20 Jahren und eine Vergewaltigung - dann ist das auch keine Grundlage, auf der sich Männer und Frauen die Welt einvernehmlich teilen können.

Die Idee der Kommission für Wahrheit und Versöhnung in Südafrika war es, Versöhnung und Amnestie im Gegenzug für die Wahrheit anzubieten. Erzbischof Desmond Tutu war der Vorsitzende, von 1995 bis 2002 wurden von der Kommission Geständnisse angehört, als Wegbereiter für einen nationalen Dialog. Menschenrechtsverletzungen, Unterdrückung und Terror, Mord und Totschlag vor einer Kommission, die versöhnen will? Ihre Einrichtung war letztlich ein Akt der Verzweiflung - es gab keine Alternative. Tribunale in anderen blutigen Diktaturen waren auch kein voller Erfolg. Man kann einen Justizapparat nicht komplett erneuern, und es wäre naiv gewesen, darauf zu hoffen, dass dieselbe Polizei, dieselben Gerichte, die es unter der Apartheid gab, tatsächlich eine große Hilfe dabei gewesen wären, Gerechtigkeit herzustellen. Also setzte man auf öffentliche Anhörungen.

Das Ergebnis war alles andere als perfekt. Manche Angehörigen von Opfern beugten sich der Kommission nur aus Vernunft. Andere blieben hart. Die Familie des ermordeten Steve Biko war absolut nicht einverstanden damit, dass einfach vergeben werden sollte, was der Täter vor der Kommission auch noch verharmlost dargestellt hatte - denn was nun die Wahrheit ist, die Versöhnung verheißt: Darüber kann man ja dann auch noch streiten.

Der Prozess war aber natürlich besser als nichts. Jede Bürgerrechtsbewegung muss irgendwann über Protest hinausgehen. Die Bürgerrechtsbewegung der DDR mündet nicht in der Wiedervereinigung - sondern in die Arbeit der Gauck-Behörde, die die Stasi-Unterlagen eben nicht vernichtete, sondern vorsichtig zugänglich machen und zur Vergangenheitsbewältigung nutzen sollte.

Warum sollte es keinen Geschlechtervertrag geben, wie auch den Generationenvertrag?

Man kann das Verhältnis von Männern und Frauen nicht von einer Behörde verwalten lassen, aber einen gesellschaftlichen Prozess, in dem es einen Schlussstrich und einen Neuanfang gibt - den bräuchten wir trotzdem, so eine Art gesellschaftliche Entgiftung. Sonst gilt weiterhin dasselbe ungeschriebene Gesetz wie immer schon: Wer lügt, hat die besseren Karten. Man kann Vergewaltigungsfälle vor Gericht klären, und selbst das ist schwer genug; ein gesellschaftliches Klima aber ist nicht mit Urteilen zu verändern.

Warum sollte es keinen Geschlechtervertrag geben, ähnlich dem Generationenvertrag? Der ist ja auch kein schriftlich fixiertes Dokument, auf den sich jemand berufen kann, der in eine Rentenkasse eingezahlt hat - er ist Vereinbarung, bei der sich der eine Teil der Gesellschaft auf das Ehrgefühl des anderen Teils verlassen muss, nicht auf die Solidarität eines Einzelnen, aber darauf, dass die Mehrheit sich an die Vereinbarung hält, fair miteinander umzugehen. Und nur ein Dialog kann dabei helfen herauszufinden, was das im Detail bedeutet.

Die Debatte, so der amerikanische Autor Warren Farrell, sollte sich nicht nur auf "sich beklagende Frauen konzentrieren, statt darauf, einander zuzuhören". Es ist bitter, das einräumen zu müssen, aber Farrell, der Antifeminist, hat nicht ganz unrecht. Jammernde Frauen und Männer, die keine Fehler machen - das ist kein Modell für eine neue Welt. Das ist ein ganz altes Klischee.

© SZ vom 19.01.2018/cag
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