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Gleichberechtigung:Fassadenfeminismus allein bringt nichts

Filmproduzent Harvey Weinstein

Als Erklärung für die Belästigungen von Schauspielerinnen und Mitarbeiterinnen führt Harvey Weinstein an, dass er ja "in den Sechziger- und Siebzigerjahren sozialisiert" worden sei.

(Foto: dpa)

Der Filmproduzent Harvey Weinstein galt als großer Frauenförderer. Jetzt kam heraus, dass er Frauen sexuell belästigt hat.

Von den Menschen, die Harvey Weinstein kennen, waren wohl nur wenige überrascht, als sie am Donnerstag den großen, akribisch recherchierten Artikel der New York Times lasen. Schauspielerinnen und frühere Assistentinnen beschuldigen ihn darin der sexuellen Belästigung. Es geht um Fälle aus drei Jahrzehnten, Weinstein soll acht Frauen Abfindungen gezahlt haben. In der US-Filmindustrie und unter Filmjournalisten scheint sein Verhalten gegenüber Frauen seit Langem bekannt gewesen zu sein. Aber, so schreibt eine Autorin im Magazin "The Cut": Weinstein war zu mächtig, seine Opfer deshalb zu Recht ängstlich - oder gebunden durch Schweigeklauseln in Arbeitsverträgen.

Harvey Weinstein Vorwurf der sexuellen Belästigung gegen Harvey Weinstein
Hollywood

Vorwurf der sexuellen Belästigung gegen Harvey Weinstein

Die mutmaßlichen Opfer des US-Produzenten sollen junge Frauen gewesen sein, die auf eine Karriere in der Filmindustrie hofften. Weinstein entschuldigt sich - und streitet einen Teil der Vorwürfe ab.

Der Inhalt des Times-Artikels erstaunte Weinsteins Umfeld deshalb wohl weniger als die Tatsache, dass er tatsächlich veröffentlicht wurde.

Für Außenstehende war das komplett anders. Das liegt vor allem daran, dass Harvey Weinstein in der Öffentlichkeit nicht nur als Goldkönig Midas unter den Hollywood-Produzenten galt, sondern auch als einer der großen Liberalen im ohnehin sehr liberalen US-Unterhaltungsbetriebs. Er unterstützt die Demokraten, hat Preise für sein humanitäres Engagement gewonnen, Barack Obamas Tochter Malia machte nach ihrem High-School-Abschluss ein Praktikum in seiner Firma.

Vor allem aber zählt Harvey Weinstein zu denjenigen in Hollywood, die sich Frauenförderung am liebsten mit pinkfarbenen Glitzerbuchstaben auf die Visitenkarte drucken würden. Er spendet an die Familienplanungs- und Frauengesundheitsorganisation Planned Parenthood. Er war an der Einrichtung eines Lehrstuhls zu Ehren von Gloria Steinem an der Rutgers-Universität beteiligt, der berühmten Feministin. Seine Firma hat "The Hunting Ground" in die Kinos gebracht, eine Dokumentation über sexuelle Übergriffe in US-Colleges.

Förderung an der Oberfläche und Diskriminierung hinter verschlossenen Türen

Kürzlich habe er mit fünf Millionen Dollar ein Stipendienprogramm gestiftet, das Frauen das Regiestudium an der University of Southern California ermöglichen soll. Das schrieb Harvey Weinstein gestern in einer Stellungnahme zu den Anschuldigungen. Er räumt darin sein Fehlverhalten ein und gelobt Besserung. Als Erklärung für die Belästigungen führt er an, dass er ja "in den Sechziger- und Siebzigerjahren sozialisiert" worden sei. Damals sei "die Kultur eben so gewesen". Lebenslanges Lernen war offenbar bis vor sehr kurzer Zeit nicht Harvey Weinstein Motto. Von nun an aber habe er nur die besten Vorsätze. Ein Team von Geschlechterthemen-Beratern habe er schon ausgewählt, er wolle "ein besserer Mensch werden". Das Regie-Stipendium werde er nach seiner Mutter benennen - "und ich werde sie nicht enttäuschen."

Diese Diskrepanz - Frauenförderung an der Oberfläche und Frauendiskriminierung hinter verschlossenen Türen - gehört zum Status Quo der Gleichberechtigung in der westlichen Welt. Vielleicht muss man sich sogar freuen, dass zumindest das Ideal der Gleichstellung in den männerbesetzten Chefetagen angekommen ist. Dass Frauenförderung und Diversifizierung mittlerweile gut fürs Image sind, ist ja zumindest ein kleiner Fortschritt. Wenn Großunternehmen für sich werben, achten sie heute darauf, dass in ihren Imagefilmen Frauen durch Flure laufen und in Bildschirme blicken. Sogar eine Partei wie die AfD, deren Bundestagsabgeordnete zu 90 Prozent männlich sein werden, hat mit Alice Weidel eine ihrer wenigen Frauen zur Spitzenkandidatin gemacht.

Man kann nur hoffen - und sich dafür einsetzen -, dass dieser Fassadenfeminismus von Institutionen sich bald auch zu einem solchen weiterentwickelt, der in den Hinterzimmern wirkt. Dass der Schein das Sein nach sich zieht. Ansonsten dienen solche Initiativen nur dazu, dass die alten Strukturen noch länger aufrecht erhalten werden, schön windgeschützt und von außen so hübsch modern anzuschauen, dass niemand auch nur auf die Idee käme, nachzufragen.

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