Gipfeltreffen der Gesamtkunstwerker Diktatur der Damenstrumpfhose

Verhüllte Frauen, ein mächtiger Zuchtbulle und ein Wachsphallus: Die Performancekünstler Matthew Barney und Jonathan Meese inszenieren in New York ihr Paralleluniversum.

Von Tobias Haberl

In New York findet eines der erstaunlichsten Kunstereignisse des Jahres statt - und weil es gleichzeitig auch eines der geheimsten ist, muss man sich auf eine eher lausige Wegbeschreibung verlassen: "Mit der U-Bahn nach Queens, den Vernon Boulevard nach Norden, bei der 44. Straße links rein und am Ufer des East River durch ein Loch im Zaun. Dort unten am Pier muss es irgendwo sein."

Und da steht man dann vor einer düsteren Lagerhalle im Regen und fühlt sich dermaßen fehl am Platz, dass dies eigentlich nur das ersehnte Ziel sein kann: Matthew Barney, der gefeierte Schöpfer des insgesamt neunstündigen "Cremaster"-Filmzyklus, hat den deutschen Künstler Jonathan Meese zu einer Live-Performance in sein Atelier eingeladen, zusammen mit ein paar Kumpels, Künstlern und Sammlern. Eine Art Gipfeltreffen: Beide, der 39-jährige Barney wie der 37-jährige Meese, zählen zu den erfolgreichsten Künstlern ihrer Generation.

Björk im Knut-Kostüm

Was ihn erwarten würde, wusste der Gast aus Deutschland nicht: "Ich weiß nur, dass Tiere eine Rolle spielen - lebende Tiere", hatte Jonathan Meese vor seiner Abreise nach New York gesagt und gelacht. Tatsächlich parkt dann an einem Maschendrahtzaun dieser riesige Truck mit der Aufschrift "Hausner Cattle Company".

In Barneys Atelier hängen Industrielampen von der Decke, in der Mitte steht ein mintgrünes, geschrottetes Auto, aus dessen Kofferraum ein riesiger Wachsphallus ragt. Um ihn herum bilden die vielleicht 200 Zuschauer einen Kreis: langbeinige Frauen in Leggins und Gummistiefeln, junge Männer mit dichten Bärten und dicken Brillengestellen, angesagte New Yorker Nachwuchskünstler wie der Milliardärssohn Dash Snow und die Malerin Dana Schutz, außerdem Popsängerin Björk, Barneys Ehefrau, in einem XXL-Polarmantel, der sie so eskimohaft aussehen lässt, dass man ganz kurz, ob man nun will oder nicht, an Knut, den Eisbären, denken muss.

Das Programm: Erst performt Barney, dann Meese. Beide arbeiten seit Jahren mit konträren Methoden am selben Ziel, einem Paralleluniversum, einer zweiten Welt, die neben der wirklichen existiert, aber strikt nach den Gesetzen der Ästhetik funktioniert. Einer zweiten Welt, zusammengesetzt aus Fragmenten der ersten, gespickt mit Querverweisen aus Geschichte und Popkultur, die durcheinandergewirbelt, neu zusammengesetzt und mythologisch überhöht werden.

Während Barney, der Körperfanatiker und intellektuelle Perfektionist, seine Filme und Performances minutiös durchchoreographiert, um Bilder für sexuelle Lust und die Verwandlungsfähigkeit des Körpers zu finden, arbeitet Meese seine sprachlichen Weltverschwörungszusammenhänge aus dem Stegreif heraus, bespielt glücksritterhaft und naiv wie ein Kind eine Situation, einen Ort, immer nach dem Motto: "Irgendwas wird schon passieren. Es kann nicht sein, dass nichts passiert."

Part 2: Wie Barney und Meese mit viel Gebrüll und einem inkontinenten Zuchtbullen die Weltrevolution herbei beschwören.

Perfektes Chaos und Inkontinenz

Das war diesmal auch nicht anders. Barney muss für seine Performance viel Vorarbeit geleistet und geprobt haben: Vier Männer platzieren eine Bahre auf dem Autodach, auf der bewegungslos eine ganz in Nerz gehüllte Frau liegt. Dazu musizieren maskierte Männer in paramilitärischen Uniformen, zupfen an Mini-Mandolinen, die ihnen wie Kalaschnikows um den Hals hängen. Nun betritt Barney die Halle, ganz in Schwarz, ein netzartiges Tuch vor dem Gesicht und einen Hund auf den Rücken geschnallt, den er unablässig streichelt und mit Keksen füttert. Nach und nach weidet er in unendlicher Langsamkeit das Auto aus, entnimmt ihm Zündkerzen, Batterie, Auspuff, die er in wächserne Behälter versenkt, bis sich plötzlich ein Tor öffnet.

Zwei Damen in Kapuzenshirts schreiten hindurch, das Gesicht verhüllt, dafür unten ohne, in Begleitung eines mächtigen Edel-Zuchtbullen, mit Blumen bekränzt und goldenen Hörnern, der eigentlich das Auto über einen Sprung auf den Wachsphallus, nun ja, begatten soll. Als der Bulle aber selbst nach dem dritten Versuch nichts und niemanden besprungen, sondern nur eine beachtliche Pfütze auf den Boden uriniert hat, bricht Barney die Performance ab und schreitet gemeinsam mit Damen und Tier andächtig, erst zu sakraler Stille, dann unter großem Beifall hinaus in den strömenden Regen. "Totally Matthew", ertönt es aus dem Publikum, und man weiß nicht, ob das andächtig oder sarkastisch gemeint war.

"We have to change the world."

Sodann kommt Jonathan Meese auf die Bühne und putzt sich - um zu zeigen, dass es jetzt losgeht - erstmal die Zähne und spült mit Bier. Er hat, ganz anders als Barney, nur eine Reisetasche mit ein paar Utensilien aus Berlin mitgenommen, um den New Yorkern seine Vision, keuchend, rülpsend, brüllend darzutun: "Die Diktatur der Kunst". Immer wieder "Die Diktatur der Kunst". Geschrien, gehechelt, herausgequetscht, von der Kanzel herunterdoziert. Er kommt dabei auf Gleichungen, die man sie von ihm schon früher gehört hat: "Kampf plus Demut gleich Liebe. Revolution plus Neutralität gleich Paradies. Tradition plus Popularität plus Gewalt gleich Macht."

Dann geht Meese daran, in verschiedenste Masken zu schlüpfen: Er stülpt sich erst eine Monstermaske, dann eine Damenstrumpfhose über, tanzt, strippt und kritzelt sich dabei ein Steinernes Kreuz auf die Brust, bewegt sich also in seinem gewohnten Kosmos aus politischen und philosophischen Querverweisen, mit denen er die Weltrevolution herbeibetet, die endlich die Kunst als neue Instanz der Macht installieren soll.

Am Ende malt er sein Motto in riesigen Lettern auf den Hallenboden, läuft mit Hitlergruß darüber hinweg und singt "Rebel Yell" von Billy Idol dazu. Im Publikum steht inzwischen auch Barney, ganz dicht hinter Björk, und beide lachen sich, man kann es nicht anders sagen, schief über den schrägen Typen aus Deutschland. Wahrscheinlich vor lauter Begeisterung.

Am Ende dieses sonderbaren, zweifelsohne faszinierenden Abends, Meese droht vor Erschöpfung zusammenzubrechen, passiert noch etwas Schönes: Ein Schmetterling, ein Schwalbenschwanz, muss sich in die Halle verloren haben. Fast niemand bemerkt ihn, und auch Meese tritt immer genau daneben, dabei landet das Tier genau im Zentrum des Geschehens, in der "Diktatur der Kunst", wie ein Bote aus dem Reich der Wirklichkeit, mitten in New York.

Wer erwartet hatte, dass Barney und Meese interagieren würden, wurde enttäuscht, musste enttäuscht werden. Die beiden Performances waren von vorneherein getrennt voneinander angelegt. Die Welten, die die Künstler beschwören, sind zu unterschiedlich, zu selbstreflexiv, zu narzisstisch. Erst ganz am Schluss kommt es zu einem gemeinsamen Plan, ausgesprochen vom Gastgeber, als er sich von Meese verabschiedet: "Jonathan", sagt Barney, "we have to change the world". Es klingt, als würde er es ernst meinen.