"Ginger & Rosa" im Kino Geburt einer Krise

Während über Hiroshima die Atombombe detoniert, kommen Ginger und Rosa zur Welt. Es folgt eine Jugend in Zeiten des Kalten Krieges, die eine politisiert sich, die andere hofft auf die große Liebe. "Ginger & Rosa" klingt nach Lehrstück, doch so einfach ist dem sympathischen Film nicht beizukommen.

Von Martina Knoben

Hand in Hand gebären die Mütter von Ginger und Rosa ihre Babys, just an dem Tag, an dem über Hiroshima die Atombombe detoniert. Auf die Bilder des explodierenden Himmels und der verwüsteten Erde folgt ein Londoner Kreißsaal, in dem die Frauen (Jodhi May und Christina Hendricks, die Joan aus Mad Men) nebeneinander liegend ihre Mädchen zur Welt bringen; Django-Reinhardt-Geschrammel ist zu hören. Den großen historischen Knall mit dem kleinen privaten einer Geburt zu verbinden, ist so pathetisch, dass das Pathos wie von selbst das Ironische berührt.

Eine Jugend im Zeichen der Bombe wird hier exponiert. "Ginger & Rosa" erzählt die scheinbar simple Geschichte zweier Mädchen, die beste Freundinnen sind und zu Frauen werden in den Zeiten des Kalten Krieges und der sexuellen Revolution. Die Mädchen werden von der 13-jährigen Elle Fanning (Ginger) und Alice Englert, der Tochter der neuseeländischen Regisseurin Jane Campion (Rosa), großartig verkörpert. Zwischen den Kindern am Anfang, die hustend ihre erste Zigarette rauchen, und den jungen Frauen am Ende des Films scheinen Jahre der Erfahrung zu liegen.

Nicht ganz so leicht

So unzertrennlich die Mädchen wirken, reagieren sie doch höchst unterschiedlich auf die Ängste und Freiheitsversprechen ihrer Zeit. Während Ginger, die ihrem Namen alle Ehre macht mit ihrer flammend-kupferroten Haarmähne, sich zunehmend politisiert, gegen die Bombe demonstriert und Gedichte schreibt, betet die dunkelhaarige, reifer wirkende Rosa und hofft auf die große Liebe. Die Pubertät bedeutet ja eine persönliche Zeitenwende; Ginger & Rosas Erwachsenwerden hat Sally Potter passend ins Jahr der Kubakrise, 1962, verlegt. Die drohende politische Katastrophe spiegelt eine private, als Rosa sich in Gingers freigeistigen Vater Roland verliebt.

Das klingt nach einem Lehrstück, ganz so leicht ist diesem sympathischen, musikalischen Film aber nicht beizukommen, was schon an der Perspektive liegt, die fast durchgängig die von Ginger ist. Es ist der Blick eines verspielten, dann wieder bitter-ernsten Mädchens, mit dem die Weltlage, aber auch der gut aussehende Studentenführer betrachtet werden; mit dem auch die Kamera von Robbie Ryan (der für Ken Loach und Andrea Arnold arbeitete) das London der Nachkriegszeit sieht: die Arbeitersiedlung, in der die Mädchen leben, oder die Industriebrachen mit den Bombennarben, wo sie heimlich rauchen. Atmosphärisch ist "Ginger & Rosa" stark.

Vor allem die Eltern aber werden mit Gingers Blick gesehen: Die vom Leben enttäuschte Mutter, die von der Tochter verachtet wird. Und der bewunderte Vater, der als Pazifist während des Krieges im Gefängnis saß, dessen Rücksichtslosigkeiten Ginger lange übersieht. Seit ihrem Erstling "Orlando", 1992, der Virginia-Woolf-Adaption mit Tilda Swinton, gilt Sally Potter als Frauenfilmerin; auch in "Ginger & Rosa" schlägt sie dezent feministische Töne an. Das ist deshalb sympathisch, weil die Widersprüche der Fiuren nie unterschlagen werden. So glaubt der Vater wohl selbst daran, dass er mit seiner Affäre mit der 17-jährigen Rosa gegen eine Diktatur der Spießer protestiert.

Ginger & Rosa, GB, Kanada, Dänemark, Kroatien 2012 - Regie, Buch: Sally Petter. Kamera: Robbie Ryan. Schnitt: Anders Refn. Mit: Alice Englert, Elle Fanning, Alessandro Nivola, Christina Hendricks, Annette Bening. Concorde, 90 Minuten.

Viel Taille und wenig Vergnügen

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