bedeckt München 24°
vgwortpixel

Zum Tod von Ginger Baker:"Hardrock ist das Letzte. Ein Scheißlärm."

Cream In Concert

Eine Naturgewalt am Schlagzeug: Ginger Baker (mit Cream, etwa 1967 fotografiert)

(Foto: Getty Images)

Ginger Baker war Rockstar, Musikpionier und Schlagzeuggott für mindesten drei Generationen Musiker - und ein wahrlich epischer Wutherd. Jetzt ist er im Alter von 80 Jahren gestorben.

Man muss das Klischee vom Schlagzeuger als Naturgewalt bei Ginger Baker ganz buchstäblich verstehen. Mit einer Betonung auf Gewalt. Es gab kaum einen Musiker, der zorniger und handgreiflicher werden konnte, als der 1,93 große, rothaarige Engländer, der mit der Band Cream Musikgeschichte schrieb, weil sie der Welt mit ihren haushohen Verstärkertürmen und extremen Lautstärken den Weg zum Hardrock ebnete. Was umso wuchtiger wirkte, weil Ginger Baker am Schlagzeug das Kunststück fertigbrachte, seine virtuose Jazztechnik mit seiner ungeheuren Aggressivität im Bluesrock des Trios zu bündeln.

Vielleicht half es ja der Wucht, dass die Musik von Cream ihm selbst fast so auf die Nerven ging wie seine beiden Mitmusiker. Jack Bruce konnte er schon seit Jahren nicht leiden, aus der Zeit, als sie Anfang der Sechzigerjahre noch gemeinsam in Alexis Korners Blues Incorporated spielten. Und seine Abneigung war so groß, dass er bei einem Konzert mal über seine Trommeln sprang und den Bassisten so vermöbelte, dass gleich mehrere Bühnenarbeiter dazwischen gehen mussten.

Für Clapton hatte er nur Verachtung übrig

Aber wenn er Bruce wenigstens noch hasste, so hatte er für den Gitarristen Eric Clapton nur Verachtung übrig. Ein Weichei sei das gewesen, ein mittelmäßiger Bluesklampfer, der seine Weltkarriere ja nur seiner, also Bakers Band Cream verdankte. Clapton habe oft weinen müssen, wenn sich Baker und Bruce im Tourbus mal wieder in die Haare kriegten. Und, ach ja: "Hardrock ist das letzte. Ein Scheißlärm." Das sagte er mal bei einem Besuch bei sich zu Hause in der kalifornischen Wüste, als seine große Zeit als Rockstar bei Cream, Blind Faith und der Baker Gurvitz Army, als Musikpionier in Afrika und Schlagzeuggott für mindesten drei Generationen Musiker, eigentlich schon vorbei war.

Kino Genie und Knochenbrecher
"Beware of Mr. Baker" im Kino

Genie und Knochenbrecher

Er gilt nicht wenigen als der Beste seines Fachs - und zugleich als gemeingefährliches Ekel: Cream-Schlagzeuger Ginger Baker. Der Dokumentarfilmer Jay Bulger hat sich der Legende für seinen Film "Beware of Mr. Baker" furchtlos genähert. Und mit einer zertrümmerten Nase bezahlt.   Von Joachim Hentschel

Man spürte diesen Zorn immer noch, mit dem er sich immer wieder selbst im Weg stand, und den er lange mit dem giftigsten Gift der Rockgeschichte betäubt hatte. Denn das Schlüsselerlebnis seines Lebens war ja weder die Gründung von Cream gewesen, noch irgendeine der Bluesplatten, die bei seinen Zeitgenossen solch seelentiefe Beben ausgelöst hatten.

Bei Charlie Watts zum Beispiel (den er bei Korner ablöste - "kein besonderer Schlagzeuger") oder Mick Jagger ("ein Bürschchen, ein musikalischer Depp"), die dann die Rolling Stones gründeten. Nein, die entscheidende Nacht war, als sein Held, der legendäre Jazzdrummer Phil Seamen, 1960 in einen der Jazzclubs kam und ihm sagte, er sei einer der wenigen, die wirklich verstanden hätte, was Rhythmus bedeute. Seamen zeigte dem damals Zwanzigjährigen, wie man Heroin injiziert. Und er spielte ihm afrikanische Schallplatten vor. Beides sollte ihn lange nicht loslassen. Das Heroin bis in die frühen Achtzigerjahre. Afrika nie wieder.

Und so erzählte er auch in der kalifornischen Wüste sehr viel lieber über seine Zeit in Nigeria, als über seine Meilensteinband Cream, mit der er so immerwährende Songs einspielte wie "Sunshine of Your Love", "White Room" oder "I Feel Free" ("Vollkommen unausgereifte Musik. Und diese sinnlosen Lautstärken. Ich hatte permanent ein Klingeln in den Ohren"). Nein, seine persönlich größte Zeit waren die fünf Jahre nach 1970, als er sich aus einer Laune und der Leidenschaft zur afrikanischen Musik heraus in Nigeria niederließ.

Der Saxofonist und Sänger Fela Kuti öffnete ihm dort die Türen zur Musik, zum Leben und zur Macht in Lagos. Kuti hatte in London studiert. Man kannte sich. Und mit Kuti nahm er auch die vielleicht beste Platte seines Lebens auf, eine Live-Aufnahme aus dem Jahr 1971, auf der Baker mit der vierzehnköpfigen Band The Africa '70 seines Freundes spielte. Ein Monster von Platte, auf der Kuti Band und Menge mit seiner aggressiven Stimme anheizte und Bakers Schlagzeug unter den Polyrhythmen der Perkussionisten, Gitarristen und Bläser explodierte.

Ginger Baker war ein Pionier damals. Er gründete mit einem anderen ehemaligen Exilstudenten aus London, dem Schlagzeuger Remi Kabaka, das erste Mehrspurstudio auf dem afrikanischen Kontinent. Irre Geschichten erzählte er aus dieser Zeit. Wie sein Ex-Rockstar-Kollege Paul McCartney mit seiner Band Wings nach Lagos kam, weil es unfassbar hip war, dort aufzunehmen.

Es war gar nicht so einfach gewesen, für Ausländer einzureisen. Aber Bakers Partner Kabaka hatte Verwandte und Beziehungen in der Armee und der Regierung. So verschafften sie dem ehemaligen Beatle Visa, drei Häuser mit zwölf Hausangestellten, zwei Range Rover, alles umsonst. Allerdings hatte die Plattenfirma EMI da schon das Geschäft auf dem Kontinent gewittert und ein Konkurrenzstudio aufgemacht. Und weil McCartney damals dort unter Vertrag war, musste er gleich schon am zweiten Tag umziehen. "Blöd wie ich bin, fahr' ich auch noch das ganze Zeug rüber", erinnerte sich Baker. "Mein Partner ist ausgerastet." Am nächsten Tag ein Anruf bei Baker. Ob er McCartney retten könne? Kabaka hatte mit der Garde des Präsidenten das Studio besetzt und die Aufnahmen mit aufgepflanzten Bajonetten gestoppt.

Er gründete eine Transportfirma, die ihm die Algerier abjagten

Baker holte die Wings da raus. Die buchten zum Dank für die Aufnahmen zu "Band on the Run" noch ein paar Studiostunden bei ihm, die sie nie bezahlten. Und auch der Rest der afrikanischen Jahre klingt wie ein Dauerfeuer aus Irrsinn und Abenteuer. Baker fuhr Rallyes, wurde von der Polizei aus Lagos in den Busch gejagt. Im Norden des Landes gründete er eine Transportfirma, die ihm die Algerier abjagten. 1975 kehrte er nach London zurück, wo er die Baker Gurvitz Army gründete, auf die er keinen rechten Bock hatte. Er spielte Polo, gab sehr viel Geld dafür aus und wurde schließlich, wie so viele britische Rockstars seiner Zeit, von der Steuerfahndung verfolgt. Erst setzte er sich nach Italien ab, dann nach Amerika.

Der Rest seines Lebens war eine rastlose Abfolge von Kapiteln, an die sich kaum einer erinnert. Auch wenn er Rockgeschichte geschrieben hatte, sah er sich doch eigentlich immer als Jazzdrummer - spielte dann aber doch noch mit Hawkwind, Atomic Rooster und Johnny Lydons PIL.

Mit dem damaligen Superproduzenten Bill Laswell nahm er Platten auf, bei denen er einfach Schlagzeugspuren ablieferte, die Laswell dann mit Instrumenten von Musikern ergänzte, die Baker nie zu Gesicht bekam. Er gründete Jazzrockgruppen und spielte mit jungen Bands. Er zog nach Südafrika. 2005 schlossen sich Cream noch einmal für ein paar Konzerte in der Londoner Royal Albert Hall und im New Yorker Madison Square Garden zusammen.

Aber die Spannungen waren immer noch zu groß, als dass das eine Zukunft gehabt hätte. 2016 zog sich Baker aus der Öffentlichkeit zurück. Das wilde Leben hatte ihn eingeholt. Herz und Lunge machten ihm das Leben zur Hölle und das Trommeln unmöglich. Am Sonntagmorgen ist Baker nach langer Krankheit im Alter von 80 Jahren gestorben.

Kultur Der erste große Bassist des Rock

Zum Tod von Jack Bruce

Der erste große Bassist des Rock

Jack Bruce war der Mann, der den Jazz in die Rockmusik brachte. Er schlug die Töne mehr, als dass er sie zupfte. Er war ein hervorragender Bassist, Sänger, Komponist und Autor.   Von Thomas Steinfeld