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Gianfranco Rosi:"Metapher für ganz Europa"

Nur noch bestimmte Institutionen treten in Kontakt mit den Flüchtlingen: Der lampedusische Arzt Pietro Bartolo erklärt am Bildschirm die Hierarchie auf einem Flüchtlingsboot.

(Foto: Weltkino Filmverleih)

Für was genau steht Lampedusa?

Der Mikrokosmos Lampedusa ist für mich eine Metapher für ganz Europa. Und zwar in dem Sinne, dass nur noch bestimmte Institutionen in Kontakt mit den Flüchtlingen treten. In "Seefeuer" kommt das besonders durch die Figur des Arztes Pietro Bartolo zum Ausdruck, der als einer der wenigen Inselbewohner regelmäßig mit den Migranten zu tun hat. Und zwar nur deswegen, weil er die Institution Gesundheitswesen vertritt. Ansonsten ist das ein Nebeneinander zweier Welten. Vor drei, vier Jahren war das wie gesagt noch vollkommen anders. Da haben sich die Flüchtlinge auf Lampedusa noch frei bewegt.

Wenn sie es bis Lampedusa geschafft haben. Die Seerettung war damals ja noch lange nicht so gut aufgestellt wie jetzt.

Trotzdem gibt es jetzt viel mehr Tote. Es ist ein Paradoxon. Seit Mare Nostrum, Frontex und Triton die Sache in die Hand genommen haben, hat sich die Zahl der Ertrunkenen verdreifacht. Denn die Menschenschmuggler versprechen den Flüchtlingen wegen der Seerettung eine falsche Sicherheit. Sie sagen ihnen, da gibt es Schiffe, die auf uns warten und pferchen sie in Libyen auf vollkommen unzureichende Schlauchboote, die nach drei bis vier Stunden mit Wasser vollgelaufen und nicht mehr zur Navigation fähig sind. Die Flüchtlinge werden oft unter Deck wie die Sardinen gezwängt, wo es fürchterlich heiß wird, und sie den Abgasen des Schiffsmotors ausgesetzt sind. Die Luft wird schnell knapp. Die Leute sterben wie in einer Gaskammer.

Im Film zeigen Sie das in einer furchtbaren Szene. Ihnen wurde deswegen von manchen Kälte oder sogar Voyeurismus vorgeworfen.

Diese Szene ist mir wichtig, weil ich der Meinung bin: 'Die Welt muss sehen, wie wir dem Tod an der EU-Außengrenze begegnet sind.' Es war reiner Zufall, dass dieses Boot 13 Meilen vor der libyschen Küste entdeckt wurde. Es war fünf Stunden auf See gewesen und von den 150 Menschen an Bord waren 50 bereits gestorben. Zwei bis drei Stunden später wären alle tot gewesen. In den Nachrichten wurde bei uns nirgendwo über diesen Vorgang berichtet.

Sie belassen es im Film bei dieser einen Darstellung von Leichen - für einige Sekunden. Obwohl auf der Route zwischen Libyen und Europa bislang circa 20 000 Menschen ertrunken sind. Haben Sie sich für diese Beschränkung entschieden, um die Würde der Toten nicht zu verletzen?

Mir war klar, dass ich diese Szene im Film haben wollte, doch ich habe lange überlegt, ob ich sie am Anfang, in der Mitte, oder am Schluss zeigen will. Im Schneideraum habe ich mich schließlich für den Schluss entschieden, wobei mir klar war, dass der Film den Zuschauer zu der Szene in besonderer Weise hinführen muss. Denn ich wollte eben nicht, dass sie makaber, pornografisch oder voyeuristisch erscheint.

Wie haben Sie versucht, das hinzubekommen?

Der ganze Film ist so aufgebaut, dass sich der Zuschauer dieser Szene langsam nähert. Aber nicht nur das: Nachdem sie erreicht ist, wollte ich mich auch in Würde wieder von ihr entfernen. Deswegen fällt in den letzten 23 Minuten des Films kein einziges Wort, um der Trauer Raum zu geben, der Pietà und der Sprachlosigkeit.

Was wäre Ihr Vorschlag, um solche Tragödien zu verhindern? Doch wohl nicht, die italienische Marine wieder in die Häfen zurückschicken?

In Libyen sind 250 000 Migranten, die nach Europa wollen. Warum haben wir ein Problem damit, diese 250 000 Menschen direkt in die EU zu bringen, in der 500 Millionen Menschen leben? Es gibt keinen Grund dafür. Danach können wir Regularien entwickeln, wie wir mit diesen Menschen umgehen, ohne diese Frage ständig im Zusammenhang mit der Sicherung unserer Außengrenze zu betrachten. Solange wir unsere Grenz-Manie nicht überwinden, werden dort Menschen sterben. Denn die Grenze ist mitten im Meer, und damit die Menschen dahinkommen, sind sie sechs bis acht Stunden in internationalen Gewässern. Die meisten Boote, die in Libyen dafür zur Verfügung stehen, sind dafür nicht ausgelegt. Die Menschen sterben wie die Ratten.

Es gibt viele Stimmen bei uns, die Ihren Vorschlag als falsch bezeichnen würden. Sie sagen, das würde falsche Anreize erzeugen und immer noch mehr Flüchtlinge motivieren, nach Europa zu drängen.

Wir müssen uns eins klarmachen: Niemand wird sie stoppen. Wir sprechen im Augenblick vielleicht von zwei bis drei Millionen Flüchtlingen. In zehn Jahren werden wir uns mit 30 Millionen Migranten befassen müssen. Wir wären also gut beraten, wenn wir anfangen, uns mit dieser Problematik ernsthaft auseinanderzusetzen, und sie nicht mehr nur als einen Notfall zu betrachten.

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