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Arabische Literatur:"Plötzlich kam die Vergangenheit - scharf wie ein Messer"

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Ghassan Kanafani: Rückkehr nach Haifa. Roman aus Palästina. Aus dem Aarabischen von Hartmut Fähndrich. Lenos Verlag, Basel 2018. 96 Seiten, 9,90 Euro.

Von Kampf und Heimat: Der Romanklassiker "Rückkehr nach Haifa" des palästinensischen Autors Ghassan Kanafani neu aufgelegt.

Das Werk Ghassan Kanafanis kreist um ein zentrales Ereignis: die Nakba, jene für die Palästinenser bis heute fortwirkende Katastrophe der Vertreibung. Der Unabhängigkeitskrieg im Jahr 1948 kurz nach der Staatsgründung Israels bedeutete für Hunderttausende Araber die Flucht aus Palästina. Kanafani war damals zwölf. Zusammen mit seiner Familie gelangte er über Libanon in die syrische Hauptstadt Damaskus, wo er Lehrer wurde und palästinensische Kinder in Flüchtlingscamps unterrichtete. Später folgte er zweien seiner Geschwister nach Kuwait, begann zu schreiben und sich im kommunistischen Untergrund zu engagieren. Kanafani stand der Bewegung der Arabischen Nationalisten nahe, bewunderte den ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser, der sich für die panarabische Einheit einsetzte und dem eine ganze Generation hoffnungsvoll zujubelte.

Seine Erzählungen und Kurzromane sprechen von diesem Kampf der Araber; er verstand sich als engagierter Autor - Kanafanis Agitprop-Texte, Bücher und Zeitungsartikel sollten aufrütteln, die palästinensische Sache voranbringen. 1960 ging er nach Beirut, wo er als Journalist arbeitete. Nach der Niederlage der arabischen Armeen im Sechstagekrieg 1967 schloss sich Kanafani der "Volksfront zur Befreiung Palästinas" an und arbeitete als Chefredakteur für deren Parteizeitung. 1972 fiel er einem Attentat zum Opfer, das vermutlich vom Mossad in Auftrag gegeben worden war. Er wurde 36 Jahre alt.

Kanafani gilt noch heute als einer der bedeutendsten Autoren Palästinas - das hatte durchaus mit seiner politischen Unbedingtheit zu tun, vor allem aber mit seiner die arabische Literatur erneuernden, modernen Sprache. Zu seinen Vorbildern gehörte William Faulkner, und in seinen Büchern arbeitete er mit Rückblenden und Perspektivwechseln, ausgefeilten Motivverknüpfungen und einer direkten Sprache. Der Erzählungsband "Das Land der traurigen Orangen" machte ihn bekannt.

Ein intimes Drama, das die Zerrissenheit des palästinensischen Volkes darstellt

Seine Werke liegen in blendenden Übersetzungen von Hartmut Fähndrich vor, der zu den umtriebigen und kenntnisreichen Vermittlern arabischer Literatur im deutschsprachigen Raum gehört. Kanafanis vielleicht eindrücklichster Roman "Rückkehr nach Haifa", zuletzt 1992 im Lenos-Verlag erschienen, ist nun neu aufgelegt worden - knapp fünfzig Jahre nach seiner Entstehung. Das bis heute fortdauernde Dilemma des Nahostkonflikts ist hier in die biblische Geschichte des salomonischen Urteils gebettet. Kanafani hat "Rückkehr nach Haifa" als intimes Drama angelegt, das die Zerrissenheit und die Wut des palästinensischen Volkes rückhaltlos darstellt und zugleich auf erstaunliche Weise die Komplexität des Geschehenen kenntlich macht.

"Plötzlich kam die Vergangenheit - scharf wie ein Messer", heißt es auf den ersten Seiten dieses Buches. Zwei Jahrzehnte nach ihrer Flucht aus Haifa dürfen Said und seine Frau Safija als Besucher in ihre Heimatstadt zurückkehren. Es ist das Jahr 1967, der Sechstagekrieg ist eben zu Ende gegangen, Israel hat die Sinai-Halbinsel, den Gazastreifen und das Westjordanland mit der historischen Altstadt von Jerusalem und die Golanhöhen unter seine Kontrolle gebracht. Gleich nach Abschluss der Besetzung werden die Grenzen geöffnet, und Said hat eine Erklärung dafür: "Das ist ein Teil des Krieges. Sie sagen uns: Bitte sehr, schaut her, wir sind besser und fortschrittlicher als ihr. Ihr müsst es akzeptieren, unsere Diener und Bewunderer zu sein ..."

Die Fahrt zurück in die Vergangenheit lässt alte Wunden aufbrechen. Said und Safija mussten seinerzeit nicht nur ihre Wohnung zurücklassen, sondern wurden auch von ihrem kleinen Sohn Chaldun getrennt. Wie sie erst jetzt erfahren, hatten sich damals zwei jüdische Holocaust-Überlebende des Kindes angenommen. Mirjam und ihr Mann haben das Leben Saids und Safijas in deren Wohnung weitergeführt, haben den Jungen adoptiert, jüdisch erzogen und ihm den Namen Dov gegeben.

Es gibt keinen Zweifel, dass ein Unrecht das andere nicht rechtfertigt

Die Spannung der Situation, die Ausweglosigkeit bekommt so ein Symbol. Durch Chaldun/Dov laufen mehrere Geschichten; er bewegt sich zwischen den Fronten, trägt die Erfahrungen zweier Völker in sich. Zumindest könnte man das annehmen. In Wahrheit hat er sich längst entschieden. Der jetzt erwachsene junge Mann trägt, als er seine leiblichen Eltern zum ersten Mal in deren alter Wohnung wiedersieht, die Uniform der israelischen Armee. Und so kommt noch ein anderer biblischer Mythos ins Spiel, der von Kain und Abel. Chaldun wird vielleicht irgendwann mit der Waffe in der Hand seinem jüngeren Bruder Chaled gegenüberstehen. Der, im Exil geboren, möchte sich den Fedajin anschließen und gegen die israelischen Besatzer in den Kampf ziehen.

Es ist eindeutig, welche Position Kanafani in diesem die Familie und ein ganzes Land zerreißenden Konflikt einnimmt. Und doch schildert er mit einer für die damalige palästinensische Literatur ungewöhnlichen Anteilnahme das Leid und Schicksal der Jüdin Mirjam und ihres Mannes. Er lässt allerdings keinen Zweifel daran, dass ein Unrecht ein anderes Unrecht nicht rechtfertigt, dass es eine Verständigung, ein Zusammenleben nicht geben wird: Chaldun/Dov muss wählen, auf welcher Seite er steht. Er bekennt sich nicht zu seinem "Fleisch und Blut", wie es die vom Leben hart gemachten Said und Safiya erhoffen; Chaldun/Dov wendet sich nicht von der jüdischen Welt ab, in der er aufgewachsen ist. Kanafani betont damit die politische, die soziale Seite der Auseinandersetzung - Palästinenser ist man durch die Erfahrung der Unterdrückung, nicht durch Herkunft.

Die Kommunikation zwischen Vater und Sohn misslingt auf bestürzende Weise. Weder Verständnis noch Versöhnung liegen hier in der Luft dieses kleinen, von Geschichte und Geschichten ganz stickig erscheinenden Raums der Wiederbegegnung. "Sie haben ihn gestohlen", stellt Said ohne Empathie für die Lage seines Sohnes fest, nur die Vergangenheit biete noch Heimat.

Wer begreifen möchte, wie unwahrscheinlich eine Verständigung zwischen Israelis und Palästinensern, wie utopisch eine Zwei-Staaten-Lösung ist, der kann in diesem schmalen Roman eine Ahnung davon bekommen. "Rückkehr nach Haifa" ist ein Buch der Heimatlosigkeit und Unversöhnlichkeit, das allerdings beiden Seiten Aufmerksamkeit schenkt, ohne dass dies zu einer Annäherung führt. "Dov ist unsere Schande", sagt Said, "Chaled dagegen ist unsere bleibende Ehre ... Habe ich dir nicht von Anfang an gesagt, dass wir nicht hätten gehen sollen ... und dass es hierfür eines Krieges bedarf?" Said hat leider recht behalten. Ein Frieden ist heute so fern wie damals.