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Gewalt in den Medien:"Kopfschuss, aber wohin genau?

Weigand ist eine sehr ruhige Frau. Sie hat lange als Erzieherin gearbeitet und dann Pädagogik und Buchwissenschaften studiert. Heute ist sie nicht nur Leiterin des Bereichs Medienkompetenz und Jugendschutz bei der BLM, sondern auch noch Leiterin der KJM-Stabsstelle. Die KJM ist die Kommission für Jugendmedienschutz der Landesmedienanstalten.

Es ist beeindruckend, wenn jemand, der so still ist, der so bedächtig formuliert, den Satz sagt: "Ich mach mir richtig, richtig Sorgen." "Was? Wegen der FSK?" "Ach, Ihre FSK-Sorgen verstehe ich gut. Aber das ist doch gar nicht mehr das eigentliche Problem." Sondern? "Kommen Sie mal mit."

"Ich will einfach nicht allein sein mit diesen Bildern."

Ein Container im Garten der BLM. Vier Bildschirme. Auf dem einen massieren zwei Frauen ihre Brüste. Auf dem zweiten steht in Fraktur etwas Rechtsextremes. Auf dem dritten sieht man Unfallbilder, so grausam, dass dem Erwachsenen schlecht wird, ein abgerissener Kopf, ein verkohlter Babykopf, eine Penisamputation . . . Und auf dem vierten Rechner wird der Frage nachgegangen: "Kopfschuss, aber wohin genau?" Ein Selbstmordforum mit wissenschaftlich akkuraten Grafiken, wie man die Pistole zu halten hat, damit auch ganz bestimmt das Stammhirn getroffen wird.

Vor den Bildschirmen sitzen zwei junge Männer und zwei Frauen, die ihre Namen auf keinen Fall in der Zeitung sehen wollen. Sie sind studierte Sprachwissenschaftler, Historiker, Pädagogen, Soziologen, vier von acht, die hier für die BLM Tag für Tag pornografische, gewaltverherrlichende, extremistische oder sonst wie gefährliche Seiten prüfen.

Erfolg von Computerspielen

Taktieren, boxen, ballern

Bei Verstößen gegen den Jugendschutz schreiben sie einen Indizierungsantrag. Wird dem dann von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien stattgegeben, verschwindet die Seite aus den Suchmaschinen. Aus dem Netz natürlich nicht, wer sie kennt, kann die Seiten weiterhin gezielt ansteuern. Neuester Trend: Foren mit Atemreduktionsmethoden. SM-Seiten mit zugeklebtem Mund. Plastiktüte überm Kopf. So Sachen.

Was für eine Wucht all diese Seiten haben, wird klar bei der Antwort der vier Erwachsenen auf die Frage, ob das nicht zu eng sei, so viele Leute in einem derart kleinen Raum: "Machen wir freiwillig", sagt der Mann vor dem Selbstmordforum. "Ich will einfach nicht allein sein mit diesen Bildern." Und warum tun sie sich das an? Täglich acht Stunden als digitaler Streetworker durch die dunkelsten Hinterhöfe des Netzes stromern? "Jede Seite, die ich hier sehe, wird meine Tochter nicht sehen", sagt die Chefin der vier Prüfer.

Blitzableiter elterlicher Sorgen

Klar, sie müssen auch ab und zu einen Film anschauen wegen eventuell neuer FSK-Kennung, "das ist dann aber eine angenehme Pause", sagt die Chefin und Weigand lacht leise. Dann sagt sie: "Verstehen Sie? Die Empörung über FSK-Urteile kommt mir vor wie eine Art Blitzableiter elterlicher Sorgen. Endlich eine Organisation, die mal etwas klipp und klar einordnet für uns!

Das mag ja auch alles berechtigt sein, aber die eigentliche Verschiebung findet doch hier statt." Dem Erwachsenen fällt ein Satz von Christiane von Wahlert wieder ein: Die FSK sei "ein Fels in der Brandung", sagte sie. "Natürlich werden Sie mit einzelnen Urteilen nicht übereinstimmen. Aber das Kino ist im öffentlichen Leben der am besten durchgeregelte Raum in Sachen Jugendschutz." Nach zehn Minuten in diesem Raum kommt dem Erwachsenen sein ganzes FSK-Geschimpfe vor wie ein mutiger Monolog im Streichelzoo.

Okay. Was also tun? "Bleiben Sie in Kontakt mit Ihren Kindern", sagt Weigand. "Die werden das Netz ohnehin erkunden. Das sind Mutproben, die wollen in die Welt der Erwachsenen rüberschauen." Deren Welt ist teilweise so scheußlich, dass Weigand Probleme hat, Mitarbeiter zu rekrutieren. "Wir legen den Bewerbern eine Giftmappe vor, Bilder von Fäkalsex, Folter, Wunden, und fragen, ob sie das ertragen, jeden Tag. Da springen die meisten ab."

Gut. Danke. Was kann man sonst noch tun? Filter einbauen? Die Chefin der vier Netzdurchwater dreht sich von ihrem Bildschirm um und sagt: "Natürlich. Aber der beste Filter sind Sie selber."