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Gewalt in den Medien:Massive Verschiebung der Maßstäbe

Vielleicht ist man besonders empfindlich für das Thema, wenn man einen Sohn hat, der an der Schwelle zur Pubertät steht: Plötzlich muss man das Kind, das langsam keines mehr ist, ziehen lassen und kriegt nicht mehr mit, was es den ganzen Tag so treibt. Der Sog des Internets. Computerspiele. Die Freunde, die DVD-Player in den Zimmern haben und nachmittags alleine zu Hause sind. Umso dringlicher, mal nachzufragen bei der FSK, wie die zu ihren schrägen Urteilen kommt.

Zwei Möglichkeiten: ein Besuch bei der entfernten Bekannten, die in Oberbayern lebt, seit Jahren als Ehrenamtliche für die FSK Filme sichtet, aber nicht namentlich in der Zeitung stehen will.

Schade, denn sie sagt wirklich interessante Sachen: Dass sie die Bedenken des Erwachsenen nur zu gut verstehe. Dass sich "in den Filmbeurteilungen in den vergangenen zehn Jahren so viel verändert hat wie in all den Jahrzehnten zuvor." Dass die Altersbeschränkungen 6, 12, 16 und 18 "entwicklungspsychologisch gesehen völliger Unsinn sind, eigentlich müsste man das doch umdrehen: Feine Abstufungen in den frühen Jahren, also 6, 8, 10, statt 16 und 18." Und die FAS, klar, die habe vereinfacht, und das seien alles einzelne Laienmeinungen von Journalisten, "aber grundsätzlich war das völlig berechtigt."

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Schon wieder Vollrausch

Die andere Möglichkeit: ein Anruf bei Christiane von Wahlert. Wahlert ist seit 2002 zusammen mit Helmut Poßmann Geschäftsführerin der FSK. Sie ist extrem eloquent und kann erste Nachhilfe leisten: Es gibt bei der FSK 272 ehrenamtliche Prüfer. Die sichten jeweils in Fünfergruppen. Da pro Jahr mehr als 8000 Freigaben gegeben werden müssen, treffen sich täglich bis zu fünf Ausschüsse gleichzeitig. Unter den Prüfern sind Lehrer, Psychologen, Studenten, Sozialarbeiter, Richter. Die fünf Prüfer müssen jeweils mit einfacher Mehrheit ein Votum abgeben.

Freigaben sind nur Erlaubnisse, keine pädagogischen Empfehlungen

Aber sind diese Prüfer nicht enormem Druck der Industrie ausgesetzt? Für die Verleiher geht es ja bei dem Siegel um Millionen: FSK 16 bedeutet, dass ein großer Teil der Zielgruppe wegbricht. Und es bedeutet später bei der Zweitverwertung im Fernsehen, dass der Film erst ab 22 Uhr gezeigt werden darf (Filme ab 18 eine Stunde später, ab 23 Uhr). Nein, sagt Wahlert, von Seiten der Verleiher werde keinerlei Einfluss genommen. "Jeder Antragsteller, ob groß oder klein, kann einen Anwalt oder eine andere sachkundige Person in die Prüfung schicken. Ob der Ausschuss den Argumenten des Antragstellers folgt, ist allein die Entscheidung des Ausschusses." Jeder Verleiher hätte das Recht, seine Filme umzuschneiden und sie erneut vorzulegen.

Als es dann um einzelne Filme und deren Beurteilungen geht, sagt Wahlert: "Die Prüfer entscheiden unabhängig und weisungsfrei. Sie sind sehr erfahren, dem Grundgesetz und dem Jugendschutzgesetz verpflichtet. Und ganz wichtig: Freigaben sind nur Erlaubnisse, keine pädagogischen Empfehlungen, das missverstehen viele. Die FSK kann nur darüber befinden, ob ein Film geeignet ist, die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen oder ihre Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit zu beeinträchtigen. So steht's im Jugendschutzgesetz, und danach haben wir uns zu richten."

Zu "Lone Ranger" möchte sie sich nicht äußern, da ist die Prüfung noch nicht abgeschlossen. Sie sagt aber, es gebe regelmäßig Testscreenings von Filmen mit 500 Jugendlichen. Die würden danach jedes Mal mehrheitlich dieselbe Alterseinschätzung abgeben wie die FSK.

"Ich mach mir richtig, richtig Sorgen."

Apropos Jugendliche - einige der Jungs, mit denen der Sohn des Autors täglich zusammen ist, haben all die oben aufgezählten Filme gesehen und wachsen trotzdem gerade zu munteren Jugendlichen heran. Sollte also nicht jeder selbst entscheiden, was er seinem Kind zumutet? In Frankreich gibt es so gut wie gar keine Altersbeschränkungen für Filme, wegen der Kunstfreiheit. Bringen generelle Verbote überhaupt etwas? Ist es nicht eher sogar reizvoll für Jugendliche, wenn das rote 18-Signal auf einem Videospiel oder Film prangt? Bushido hätte man kommerziell gesehen gar keinen größeren Gefallen tun können, als sein neues Hassvideo zu indizieren. Kurzum: Ist es nicht äußerst spießig, nach dem Gesetzgeber zu rufen?

"Finde ich gar nicht", sagt Verena Weigand. "Im Gegenteil, wir fühlen uns in Sachen Jugendschutz oft ziemlich allein gelassen." Weigand arbeitet bei der Bayerischen Landeszentrale für Neue Medien (BLM). Die BLM, die ihren Sitz in München-Neuperlach hat, genehmigt und beaufsichtigt als eine von 14 Landesmedienanstalten in Deutschland die privaten Hörfunk- und Fernsehangebote in Bayern. Was auch bedeutet, dass sie die FSK-Vorgaben im Fernsehen zu beurteilen hat:

Oftmals versuchen die Sender, durch einige Schnitte oder andere Änderungen im zweiten Anlauf das Mindestalter zu senken. Was FSK 12 hat, darf prinzipiell den ganzen Tag über laufen, "und da", sagt Weigand, "kann man in letzter Zeit eine massive Verschiebung der Maßstäbe feststellen. ,Gladiator' wäre vor zehn Jahren niemals im Nachmittagsprogramm gelaufen."