Gewalt in den Medien "Der beste Filter sind Sie selber"

Manche Urteile der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) wirken geradezu bizarr. Warum ist "Lone Ranger" ab 12 Jahren freigegeben, wenn im Film Herzen verspeist werden? Inzwischen ist das Kino aber das geringstes Problem, denn im Internet gibt es alles ab 0 Jahren.

Von Alex Rühle

Wieder so ein Tag, an dem man als Erwachsener die Welt nicht mehr versteht. "The Lone Ranger". Der neue Film mit Johnny Depp feiert am 8. August Deutschland-Premiere, die 12-Jährigen werden in Scharen begeistert in die Kinos strömen. Und viele Erwachsene werden kopfschüttelnd rausstolpern.

Johnny Depp spielt einen ähnlich bizarren Typen wie in "Fluch der Karibik", nur dass er diesmal dabei nicht komisch ist, sondern man hat zwei Stunden Zeit, sich Gedanken über die Tragik der Selbstparodie zu machen. Wilde Schminke, tote Krähe auf dem Kopf, eine Mischung aus Clown und Schamane, ein halbautistischer Indianer, der einem Weißen dabei hilft, seinen toten Bruder zu rächen. Es ist die typische Selbstjustiznummer: Eigentlich hat der Held ja edle Motive, aber dann wird leider der geliebte Verwandte getötet, was willste machen, da muss man gründlich Rache nehmen.

Auf dem tarantinösen Feldzug der beiden werden ein Indianerstamm ausgerottet und Dutzende Ranger erschossen. Gut, kann passieren in einem Western. Aber muss denn jede Erschießung einer elaborierten Hinrichtung gleichen? Ausnahmslos alle Protagonisten sind hinterhältig, dreckig und gemein. Und dann kommt diese Szene, in der einem Mann bei lebendigem Leib das Herz herausgeschnitten und gegessen wird.

"Keinohrhasen" klingt ja auch erst mal niedlich

Es wird zwar nicht gezeigt, wie das Messer in den Körper schneidet, der Sounddesigner aber hat sich alle Mühe gegeben, dass man sich als Zuschauer wunderbar ausmalen kann, wie die Klinge durch Fleisch und Sehnen schneidet und dann das glitschig pumpende Organ herausgerissen wird. "The Lone Ranger" wurde von der FSK freigegeben ab 12 Jahren.

Die FSK (Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft) wurde 1949 gegründet, damals mit dem Ziel zu prüfen, ob Filme nationalsozialistische Inhalte propagieren. Heute prüft sie, ob ein Film geeignet ist, die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen oder ihre Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit zu beeinträchtigen. So steht's im Jugendschutzgesetz, nach dem sich die FSK zu richten hat. Sie gehört zur Spitzenorganisation der Filmwirtschaft e.V. (Spio), die aus 16 filmwirtschaftlichen Verbänden besteht, und sie finanziert sich über die Prüfgebühren der Antragsteller. Für einen Zweistundenfilm muss der Verleiher rund 2000 Euro zahlen. Weil Filme, die nicht geprüft werden, automatisch "ab 18" sind, lässt die Filmindustrie die meisten Filme prüfen.

Warum denn gleich sterben

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Nach dem Depp-Film, auf dem Heimweg vom Kino, fallen dem Erwachsenen all die anderen Fälle ein, bei denen er sich in letzter Zeit an den Kopf gegriffen hat. "Harry Potter und die Heiligtümer des Todes". Endloses Gemetzel - freigegeben ab 12. "Coraline", eine Art Zombiemärchen, ein verstörender Horrortrip, die Wesen mit den toten Knopfaugen, das vernachlässigte Kind, sicher eine meisterhafte Allegorie auf die Macht der Drogen, aber ab 6? Geht's noch?! "Hautnah" von Mike Nichols mit all den Gesprächen über Ficken, Fotzen, Sperma: FSK 12. "Keinohrhasen" von Till Schweiger. Frei ab 6. Klingt ja auch erst mal niedlich. Auf den deutschen Pausenhöfen schwadronierten dann aber Zweitklässler über Lecken und Blasen, und die FSK sah sich genötigt, nach massiven Protesten auf 12 hochzustufen.

Einzelszenen oder Kontext?

Statt hier weiter Einzelfälle aufzuzählen, lieber nur eine Zahl: 46 von 100. Die Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung schaute sich in einem groß angelegten Versuch vor drei Jahren 100 Filme mit dem FSK-12-Siegel an und urteilte danach, 46 der Filme seien aufgrund ihres Sex- und Gewaltgehalts sowie obszöner Sprache schädlich für zwölf Jahre alte Kinder.

Die FSK verwahrte sich scharf gegen dieses Urteil und warf der FAS vor, Einzelszenen aus dem Kontext der Filme herausgerissen zu haben. Filme würden in ihrer Gesamtheit geprüft. Aber funktioniert so der seelische Haushalt eines Kindes? Wenn ein 12-Jähriger in "Das Leben des David Gale" Zeuge wird, wie einer nackten Frau die Hände mit Handschellen auf den Rücken fixiert werden; wie ihr eine Plastiktüte über den Kopf gezogen wird; wie sie sich auf dem Boden krümmt und vergeblich gegen ihren Erstickungstod ankämpft - wird dieser 12-Jährige abends im Bett sagen: Wohlan, bevor ich mich fürchte, will ich diese Szene erst einmal in ihren Kontext einbetten und mir noch mal genaue Gedanken über die Intention des Filmes machen? Wird er nicht. Vielmehr werden die Bilder zumindest bei sensibleren Kindern jäh, unvermittelt, isoliert wieder hochkommen.