Gespräche mit Zeitzeugen Was wussten die Deutschen von der Vernichtung der Juden?

Was war Demokratie? Was Kommunismus? Was Rotfront? Hirsch wusste es nicht. Dass die Juden deportiert wurden, sagt er, sei unübersehbar gewesen. "Erste verlässliche Informationen über den Mord im Osten" habe er aber erst im Sommer 1945 von einem Heimkehrer erhalten. Bis dahin sei über alles Wesentliche nicht gesprochen worden. Die Angst vor Strafen, das Misstrauen sei ja bis in die Familien hinein eingewurzelt gewesen. "Deshalb", sagt der freidemokratische Politiker, "habe ich mich ja auch über Schilys Wanzen so aufgeregt."

Wer sitzt am Nebentisch?

In manchen Haushalten wurde offen geredet. Die konservative Berliner Familie Bender nannte Hitler "den Strolch", Bekannte wurden in Nazis und Nicht nazis eingeteilt. Peter Bender, der nach dem Krieg Journalist wurde, erinnert sich daran, dass man beim Politisieren in der Kneipe oft von der Sorge überfallen worden sei: Wer sitzt am Nebentisch, war unsere Unterhaltung zu laut?

Freimütig wurde auch in der Familie Benda gesprochen, dies schon deshalb, weil ein Großvater des späteren Bundesverfassungsrichters Jude war und also in Gefahr. Dennoch, sagt Ernst Benda, hätten er und seine Familie keine Ahnung gehabt, was mit den deportierten Juden wirklich geschah. Die Namen "Auschwitz", "Buchenwald" kannte er nicht, allenfalls "Theresienstadt".

Diese Unkenntnis mutet nur aufs erste verblüffend an. Entscheidend war, in welchen Kreisen man verkehrte. Die Mörder wussten, was sie taten. Ihre potentiellen Opfer ahnten vieles; je besser sie im nationalsozialistischen Alltagsleben integriert waren, desto weniger wussten auch sie.

Victor Klemperers Tagebüchern kann man entnehmen, dass der Dresdner Romanist schon Anfang 1942 die Wörter Deportation, Juden, Arbeitslager, KZ und Tod in einem Atemzug dachte. Am 17. Januar 1942 berichtete Klemperer, ein Freund habe Angst, "dass Judentransporte bei der Ankunft abgeschossen würden". Angesichts "des ungeheuren Mangels an Arbeitskräften" hielt Klemperer das für unwahrscheinlich: "... was kann ein toter Jude arbeiten?"

Er fürchtete den Tod

Der Strom der Nachrichten riss nicht ab - "unter den sechs- bis siebenhundert noch hier befindlichen Juden gibt es x Verbindungen". Am 1. März war Klemperer schon gewisser: "Es liegt jetzt so, dass KZ offenbar identisch mit Todesurteil ist." Am 27. Juli 1942 konstatierte er: "An mir spart man nach Beseitigung eine Pension." Freilich, Klemperer fürchtete den Tod "beim Arbeitseinsatz in Polen". An schlichten Mord dachte er noch nicht.

Wie es auf dem Ostfeldzug zuging, erfuhr die Familie Ernst Bendas von einem Soldaten: Der junge Mann hatte als Monteur einige Wochen an der Heizungsanlage des Berliner Hauses gearbeitet, in dem Bendas wohnten.

Ende 1942 klingelte er an der Tür, nun war er Soldat auf Urlaub: Er sei in Russland gewesen und müsse darüber mit jemandem sprechen, ob Frau Benda Zeit für ihn habe. Frau Benda hatte, und so erzählte der Mann ihr und dem Sohn, er sei dabei gewesen, wie Juden erschossen wurden. Die Zuhörer waren erschüttert: Warum hatte der ihnen nur flüchtig bekannte Handwerker sich ausgerechnet ihnen anvertraut?