Süddeutsche Zeitung

Gespräch mit Regisseur Dany Boon:"Es gibt zu viel Zynismus"

Das elitäre Pariser Kino mag die "Sch'ti" nicht. Trotzdem ist Dany Boons Provinz-Blockbuster der erfolgreichste französische Film aller Zeiten. Der Regisseur weiß, warum.

Dany Boon sieht richtig gut aus, in der Bibliothek des Berliner Hotels Louisa's Place am Kudamm, und erinnert überhaupt nicht an den schildbürgerhaften Antoine, den er spielt. Er lacht und redet viel, und imitiert, dem Anlass entsprechend, diverse französische Dialekte.

SZ: Wie fühlen Sie sich denn, nachdem Sie den erfolgreichsten französischen Film aller Zeiten gedreht haben?

Dany Boon: Es ist überwältigend, dass mein Film so viele Menschen berührt - dabei hatte ich nur das Ziel, eine einfache Geschichte zu erzählen, über die die Leute lachen können und die sie bewegt.

SZ: Warum meinen Sie, kam Ihr Film beim Publikum so gut an ?

Boon: Mein Film ist eine sehr menschliche Komödie, die weder vulgär noch zynisch wirkt. Es gibt heute zu viel Zynismus. "Willkommen bei den Sch'tis" erzählt, wie Menschen ein schönes Leben leben können und zwar nicht, weil sie im Geld schwimmen, sondern weil sie sich um den anderen sorgen. Um diesen Begriff der Großzügigkeit geht es, ohne dass er dabei aber religiös wäre.

SZ: Ihr Vater war ein atheistischer Kabyle, Sie sind katholisch erzogen worden und als Erwachsener zum Judentum konvertiert. Wieso haben Sie ausgerechnet die Nordfranzosen ausgewählt, um einen Film über Vorurteile zu drehen?

Boon: In den achtziger Jahren konnte man sich noch über alles lustig machen - auf eine elegante Weise natürlich. Heute kann man nicht mehr über Religionen spotten, weil mit dem Finger auf einen gezeigt wird. In jeder Religion existiert heute dieser furchtbare Radikalismus einer Minderheit. Außerdem macht man sich heute zu oft auf bösartige Weise lustig.

SZ: Es ist also heute schwieriger, die Leute zum Lachen zu bringen?

Boon: Es ist auf jeden Fall schwieriger geworden, als Komiker Bestand zu haben. Man bietet den Leuten heute so viel auf einmal an. Gleichzeitig ist es leichter als zu Zeiten von Louis de Funès, weil viel mehr Komiker die Chance haben, überhaupt nach oben zu kommen.

SZ: Ihr Film verrät eine große Zuneigung zu den Ch'tis. Haben Sie die schon immer so geliebt oder haben sie sich erst später mit Ihrer Herkunft versöhnt?

Boon: Ich habe selbst mit diesem Akzent der Ch'tis gesprochen, als ich ein Kind war. Und damals wurde das ziemlich schief angesehen. Die Ch'tis, das waren die Proleten, die Armen. Es ist tatsächlich eine Art Revanche, aus dem Dialekt Ch'ti eine Mode zu machen und eine Komödie im Norden zu drehen. Normalerweise werden in Frankreich ja nur Dramen im Norden angesiedelt. Natürlich übertreibt man ein wenig in einer Komödie, aber wenn Sie in den Norden gehen würden, rund um Lille, würden Sie erleben, was ich in meinem Film erzähle.

SZ: Ihr Film zeigt eine postindustrielle und intelligente volkstümliche Kultur, in der die Menschen solidarisch miteinander umgehen. Ist das auch eine französische Realität oder nur Ihre Utopie?

Boon: Das ist ganz klar eine Realität. Ich kann Ihnen ein Beispiel geben: Als wir im Süden in einer Geschäftsstraße gedreht haben, kam eine Frau aus ihrem Laden gestürzt und hat sich total aufgeregt: "Das ist unmöglich hier. Ich werde Ihretwegen heute keinen Umsatz machen." Im Norden haben die Techniker, als wir am Abend vor dem ersten Drehtag angekommen sind, ihre Geräte für die Ausleuchtung vor einem Geschäft abgelegt. Der Besitzer kam auf die Straße, und die Techniker sagen noch: "Mist, jetzt werden wir wieder zusammengestaucht". Der Mann hat aber nur gefragt: "Wollen Sie vielleicht alles in meinen Laden legen. Das ist doch besser, als es draußen zu lassen!" Die Techniker waren total überrascht und haben erst einmal abgelehnt: "Wir fangen sehr früh an, da haben Sie noch nicht offen." Und wissen Sie, was der Mann gesagt hat? "Kein Problem, ich lasse Ihnen den Schlüssel da."

SZ: Häufig wird dem französischen Film vorgeworfen, zu nostalgisch oder zu intellektuell zu sein. Beides trifft auf Ihren Film nicht zu. Was halten die Pariser Kollegen von Ihrer Komödie?

Boon: Nun, das elitäre Pariser Kino kann mich nicht leiden und mag auch meinen Film nicht. Es gab einige krasse Reaktionen, die erst aufhörten, als mein Film auch im Ausland gut ankam. Er sei zu "franzmännisch", zu regional, dabei transportiert er universelle Werte. In Paris gibt es viele, die behaupten, der Norden sei gar nicht so wie in meinem Film, dabei würden die sich nicht einmal mit einfachen Menschen unterhalten . . . Es gab eine Diskussion, ob einige Worte aus dem Film ins Wörterbuch der Académie Française aufgenommen werden sollten. Daraus ist aber nichts geworden.

SZ: So ein Spiel mit Dialekten gab es zuletzt in der Commedia dell'arte. Haben Sie daran gedacht bei Ihrem Film?

Boon: Nein. Aber ich habe meine Künstlerkarriere auch auf der Straße begonnen. Ich habe Gitarre gespielt, war Straßenclown. Das war eine harte Schule, aber vielleicht auch die leidenschaftlichste. Dann trat ich in Cafés auf und in der Music Hall. In meinen Inszenierungen spiele ich noch immer viel mit Sprache, mit Pantomine und Musik - alles Elemente aus dem Theater, dem Zirkus.

SZ: Die erfolgreichsten französischen Komiker sind heute Jamel Debbouze und Fellag - die es schaffen, mit ihrer Immigrantenherkunft komisch umzugehen . . .

Boon: Unter unseren Komikern hat es immer Franzosen mit Immigrantenherkunft gegeben. Einer der größten Stars, Coluche, war Italiener. Und das zu einer Zeit, als die Italiener die Proleten waren, die nicht mal Französisch schreiben und lesen konnten. Frankreichs Pluralismus war immer seine Stärke. Viel mehr als meine Herkunft hat meine Erziehung meine Arbeit beeinflusst. Noch heute. Als ich meine Mutter anrief, um ihr zu sagen, dass wir wohl den größten Kinoerfolg Frankreichs geschafft haben, war sie erst einmal still. Und dann hat sie gesagt: "Kauf dir aber kein neues Auto."

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SZ vom 29.10.2008/jb
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