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Gespräch mit der Chefin der Ruhrtriennale:Labor geschlossen

Vertrag von Intendantin der Ruhrtriennale läuft aus

Die Dramaturgin Stefanie Carp leitet die Ruhrtriennale seit 2018.

(Foto: dpa)

Stefanie Carp, die Intendantin der Ruhrtriennale, über die Vorwürfe gegen Achille Mbembe und das experimentelle Not-Festival, das sie gerne veranstaltet hätte, aber nun nicht veranstalten kann.

Am 22. April sagte der Aufsichtsrat der Kultur Ruhr GmbH unter Vorsitz der nordrhein-westfälischen Kultusministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen die Ruhrtriennale wegen Corona ab. Das Festival hätte im August und September 33 Produktionen an 17 Spielstätten präsentiert. Es wäre die dritte und letzte Spielzeit unter der Ägide von Stefanie Carp gewesen, die sich im Gespräch über die frühe Absage genauso wundert wie über die Kritik an dem kamerunischen Historiker Achille Mbembe, der den Eröffnungsvortrag hätte halten sollen.

SZ: Wie empfinden Sie die Vorwürfe gegen Achille Mbembe?

Stefanie Carp: Offenkundig hat der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, die Bücher von Achille Mbembe nicht gelesen, genauso wenig wie die meisten anderen Ankläger, die drei verkürzte Zitate aus dem mehrtausendseitigen Gesamtwerk von Mbembe wiederholen. Hätten sie seine Bücher gelesen, wüssten sie, dass Mbembe sich mit Israel nicht beschäftigt. Nicht sein Thema. Er ist weder Antisemit, noch hat er Aufrufe der umstrittenen israelkritischen Bewegung BDS unterschrieben. Wenn man aus den wenigen Passagen, in denen er im Rahmen einer Argumentation über Segregationen in sich demokratisch wähnenden Gesellschaften die palästinensischen Wohngebiete in Israel beschreibt, einen Antisemitismus-Vorwurf konstruieren möchte, kann man das bei jedem Intellektuellen oder Künstler aus dem globalen Süden machen, weil afrikanische und südamerikanische Intellektuelle den Westen und Israel anders wahrnehmen als wir Deutsche.

Wie meinen Sie das?

Es scheint in dieser beispiellosen und beschämenden Diffamierungskampagne für einige Personen nur darum zu gehen, Recht zu haben. Mbembe beschäftigt sich vorwiegend mit der Geschichte des afrikanischen Kontinents, den Bedingungen der Dekolonisierung, mit den Ausschlussenergien innerhalb liberaler westlicher Demokratien und mit der Zukunft von unser aller Überleben. An vielen Orten in Deutschland hat er seit mindestens 2014 Vorträge gehalten. In Nordrhein-Westfalen im letzten Frühsommer mindestens fünf. Er hat die Albertus-Magnus-Professur in Köln inne, er hat den Geschwister-Scholl-Preis, den Ernst-Bloch-Preis, den Gerda-Henkel-Preis in Deutschland erhalten.

Ein Vorwurf lautet, die Kritik an Mbembe sei die Folge einer radikal eurozentristischen Weltsicht.

So weit haben einige gar nicht gar nicht gedacht. Da gab es einen offenen Brief von Lorenz Deutsch, dem kulturpolitischen Sprecher der nordrhein-westfälischen FDP, der mit ein paar verkürzten, aus Zusammenhängen gerissenen Zitaten von Mbembe hantierte. Felix Klein hat den Inhalt dieses Briefes wiederholt, andere haben dann versucht, Belege zu finden. Bei dieser Rechthaberei wird einer der wichtigsten und integersten Denker unserer Gegenwart beschädigt und beleidigt.

Manche vermuten, dahinter stehe die Haltung, dass ein Schwarzer, egal wie angesehen, eigentlich kein Intellektueller sein kann.

Diese Haltung konnte man deutlich aus einigen Artikeln herauslesen. Natürlich stellt Mbembe unseren westlichen, europäischen Blick auf uns und die Welt in Frage. Das passt dem westeuropäischen Blick nicht. Dazu kommt, dass Mbembe weiter ist als der post-koloniale Diskurs. Aus seiner Sicht ist es nicht mehr sinnvoll, Europa zu bekämpfen, wichtiger wäre, perspektivisch das, was an Europa gut war, für eine Zukunft zu retten. Ihm geht es um Verzeihen und Reparieren und darüber nachzudenken, was uns vereint und wie wir diesen Planeten als Lebewesen mit allen anderen teilen. Das wäre das Thema seiner Rede bei der Ruhrtriennale gewesen.

Die wird er nun nicht halten, weil die Ruhrtriennale abgesagt ist. Hat Sie die Entscheidung des Aufsichtsrats überrascht?

Es war die Entscheidung der Gesellschafter. Drei Stunden vor der Aufsichtsratssitzung erhielt ich die Beschlussvorlage vom Ministerium, dass sich die Gesellschafter dafür aussprechen, die Ruhrtriennale abzusagen. Zuvor hatte ich dem Aufsichtsrat einen Entwurf gesandt für eine kondensierte Ruhrtriennale unter den gegebenen Bedingungen für September. Sie hätte ein Labor sein können für eine Präsentationsform von Kultur in Zeiten der Pandemie.

Zu einem Zeitpunkt, als noch kaum ein Sommerfestival in Mitteleuropa abgesagt war, sollten Sie nun die Kosten für die Absage ausrechnen?

Verschieben ging ja nicht, da es mein letztes Jahr ist. In der Sitzung habe ich mein Konzept vorgetragen. Man hat sich das höflich angehört und geantwortet, man wolle kein "Ruhrtriennälchen". Ich denke dagegen: Was, wenn nicht die Ruhrtriennale mit ihren riesigen Fabrikhallen und ihrem experimentellen Anspruch, hätte ein Labor für veränderte Präsentationsbedingungen sein können? Die Künstlerinnen und Künstler waren mehr als bereit. Christoph Marthaler hatte seine Ideen der Ministerin mitgeteilt. Er plante seine Kreation "Die Verschollenen" mit weniger Musikerinnen und Musikern. Anna Viebrock hätte einen Bühnenraum entworfen, der die Vereinzelung der Menschen im Raum ermöglichte. Alle Mitwirkenden hätten sich bereit erklärt, vor einem kleineren Publikum öfter und in Loops zu spielen.

Wie erklären Sie sich also, dass die Ruhrtriennale zu einem Zeitpunkt abgesagt wurde, wo etwa die Salzburger Festspiele, die einen Monat früher begonnen hätten, noch an eine Lösung glaubten?

Das Salzburg-Argument habe ich natürlich eingebracht. Vielleicht sind die Gesellschafter ja weit vorausschauende Realisten und haben Recht. Trotzdem ist es kein gutes Zeichen, so früh jeden alternativen Versuch abzusagen.

Wie viel teurer wäre es gewesen, eine Ruhrtriennale mit viel weniger Zuschauern pro Aufführung zu veranstalten?

Signifikante Einnahmen wie etwa in Salzburg werden bei der Ruhrtriennale sowieso nicht generiert, weil die Eintrittspreise viel niedriger sind. In einem September-Programm hätten wir außerdem deutlich weniger Produktionen gezeigt. Allein wegen der unwägbaren Einreisebedingungen. William Kentridge etwa sagte zu mir: "Stefanie, wenn es Dich tröstet, ich glaube nicht, dass ich Anfang September aus Südafrika hätte einreisen können." Vieles von meinem internationalen Programm hätte ich wegen der Reisebeschränkungen wahrscheinlich nicht machen können.

Die Künstler haben ja alle gültige Verträge. Werden die nun ausbezahlt?

Natürlich, ein bestimmter Anteil wird ausbezahlt, je nach Sachlage.

Da fragt man sich schon, weshalb man nicht versucht, das Festival so gut es geht stattfinden zu lassen.

Man spart sich die Infrastrukturkosten. Das ist bei der Ruhrtriennale ein sehr hoher Betrag.

Neben der zurechtgestutzten Marthaler-Produktion: Wie hätte Ihre Notausgabe des Festivals ausgesehen?

Zu proben begonnen hatte bereits eine zweite, bei uns entstehende, teils installative Musiktheater-Produktion, "Archipel", von der Komponistin Brigitta Muntendorf, der Choreografin Stephanie Thiersch und dem Architekten Sou Fujimoto. Meg Stuarts Arbeit "Cascade" wäre dabei gewesen in einem Bühnenbild von Phillipe Quesne, eine Arbeit über die Zukunft des Menschlichen. Meg hat schon begonnen via Skype-Proben ihre Choreografie auf die Corona-Situation anzupassen. Wir hätten Candice Breitz' neue Videoinstallation mit dem Folkwang Museum eröffnet. Die Arbeit "Pieces of a woman" von Kornél Mundruczó hätten wir zeigen können, wenn er aus Polen hätte einreisen dürfen. Gleiches gilt für "Wakatt" von Serge Aime Coulibaly. Er konnte aus Burkina Faso kommen und hat seine Tänzer in Brüssel versammelt. In der Produktion geht es um Angst.

An eine digitale Form des Festivals haben Sie nicht gedacht?

Vielleicht ist eine gestreamte Inszenierung nicht das, was man sich nach einer langen Phase der sozialen Isolierung wünscht. Kunst, zumal die theatrale, kann kollektive Erfahrungen in einer begrenzten Öffentlichkeit verarbeiten. Wir wissen alle, dass wir nicht einfach weiter machen können wie vorher. Damit umzugehen auf der Ebene der Gefühle, der Imagination, der Bilder, dafür ist Kunst da. Wenn live aber gar nichts gegangen wäre, hätten wir uns überlegt, ein digitales Festival zu entwerfen.

Haben Sie auch den Eindruck, dass Kultur aus dem politischen Diskurs verschwunden ist, der sich nun um Baumärkte, Fußball, Schulen und die Autoindustrie dreht?

Vielleicht auch, weil man hilflos ist und es unabsehbare Fragen gibt. Und dann ist natürlich die Lobby der Wirtschaft stärker als die Lobby der Kultur.

Sie stehen für ein avantgardistisches Programm, was den Schluss nahelegt, dass die Pandemie nur vorgeschoben wurde, um etwas abzusagen, was einige der Entscheider ohnehin nie haben wollten.

Mein Programm polarisiert, dennoch waren meine ersten beiden Ausgaben gut besucht. Aber ich möchte nicht unterstellen, dass der Aufsichtsrat deshalb abgesagt hat. Wir alle spekulieren. Ich spekuliere lieber optimistisch. Andere spekulieren pessimistisch. Meine Vorschläge konnten sich die Aufsichtsräte nicht vorstellen. Abgesehen davon fanden sie es elitär, aufwendige Produktionen zu machen, die dann vor zu wenig Publikum gezeigt werden können. Das ist nicht ganz von der Hand zu weisen, Nordrhein-Westfalen ist ein Land mit sehr großer Armut. Trotzdem hätten wir zumindest versuchen sollen, die verkleinerte September-Ausgabe zu realisieren.

© SZ vom 07.05.2020

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