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Gespräch: Filmemacher Ulrich Seidl:Das Grauen des Alltags

SZ: Oft wurde darüber spekuliert, was es wohl über das Land Österreich aussagen könnte, dass dort innerhalb von nur so kurzer Zeit zwei derartige Fälle bekannt geworden sind.

Seidl: Was stimmt, ist, dass es gerade bei uns Österreichern eine Mentalität gibt, Dinge zuzudecken und unter den Teppich kehren zu wollen. Ich habe keine Ahnung, ob dieser Verschleierungsdrang aus einer Art Minderwertigkeitskomplex resultiert, aus einem Kaiserreich zu einem kleinen, gewöhnlichen Land geworden zu sein. Gerade was die Aufarbeitung des Dritten Reichs betrifft, sahen sich die Österreicher immer schon gerne als Opfer. Auch in der Schule hat man das noch jahrelang so vermittelt bekommen.

SZ: Aber das Theaterstück Heldenplatz, in dem sich Thomas Bernhard genau damit auseinandersetzt, wird ja mittlerweile selbst auf Wiener Volksbühnen aufgeführt. Und anders als bei seiner Uraufführung am Burgtheater 1988 regt sich niemand mehr darüber auf.

Seidl: Ich habe dennoch das Gefühl, dass eine kollektive Aufarbeitung der Nazizeit auf österreichischer Seite - anders als in Deutschland - bis heute nicht vorgenommen wurde.

SZ: In dem Haus, in dem Sie aufgewachsen sind, im Waldviertel an der tschechischen Grenze, gab es dort einen Keller?

Seidl: Ja, den gab es. Und als Kinder hatten wir furchtbare Angst, dorthin zu gehen. Er war kalt, finster und eignete sich dazu, jemanden einzusperren. Ich selbst bin dort oft eingesperrt worden.

SZ: Wäre es für Sie als Filmemacher auch interessant, den Keller zu betreten, in dem Natascha Kampusch gefangen gehalten wurde?

Seidl: Nein. Dieser Keller ist medial so belastet und wird so vermarktet, dass es in ihm keine Wahrheit mehr zu finden gibt. Jedes Wort, das Natascha Kampusch sagt, wird von anderen vorausgewählt, juristisch überprüft und dann vermarktet. So kommt es mir zumindest vor. Ein wahrhaftiges Gespräch ist da nicht mehr möglich. Aber natürlich: Auch der Fall Fritzl ist so unvorstellbar, dass von ihm eine Art Faszination ausgeht. Er zeigt uns, zu was Menschen fähig sind.

SZ: Das britische Boulevardblatt Sun will von Fritzls Zellengenossen erfahren haben, dass der Amstettener plante, die Mitglieder seiner Familie im Säurebad aufzulösen.

Seidl: Und angeblich will er sich jetzt ja von seiner Frau scheiden lassen. Jeder möchte wissen: Wie tickt so ein Mensch? Wie konnte er das, was er gemacht hat, über Jahre hinweg tun und gleichzeitig als unbescholtener Mann ein Doppelleben führen? Die Fälle Fritzl und Kampusch sind sicher außergewöhnlich. Bei Recherchen haben wir immer wieder Familiensituationen gefunden, wo Ehepaare auf zwei Ebenen leben: Die Frau wohnt jahrelang oben, der Mann drunter im Keller. Sie benutzt die Türe im Erdgeschoss, er die Türe im Untergeschoss. Genau hier beginnt das Grauen des Alltags.

© SZ vom 20.11.2010/lena
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