Süddeutsche Zeitung

Gesellschaftstheorie:Denken für die Menschheit

Von Horkheimer bis Habermas: Der britische Publizist Stuart Jeffries führt durch die Geschichte der Frankfurter Schule, die einer ihrer Kritiker als "Grand Hotel Abgrund" ironisierte.

Mit dem Geld eines Kapitalisten wurde 1924 in Frankfurt am Main das kapitalismuskritische Institut für Sozialforschung gegründet. Als "Frankfurter Schule" wurde die dort entwickelte kritische Theorie weltberühmt, auch weil sie zehn Jahre später von den Nationalsozialisten ins amerikanische Exil getrieben wurde. Um sie auf eine Formel zu bringen, obwohl die unterschiedlichen Denker der kritischen Theorie formelhaftes Marketing hassten: Das Institut für Sozialforschung verband eine zwischen Pessimismus und Utopie changierende, jedenfalls nicht-revolutionäre Lektüre von Karl Marx mit einer von Sigmund Freud inspirierten Sozialpsychologie der modernen Gesellschaft.

Heute finanzieren Internetkonzerne Ethikinstitute. Und heute gibt es drei Problembereiche, in denen wieder neu an die Schriften der Frankfurter Schule angeknüpft wird. Erstens die Frage nach dem "autoritären Charakter": Warum wollen in halbwegs freien, marktwirtschaftlichen Gesellschaften wieder mehr Bürger von intoleranten Rechtspopulisten beherrscht werden?

Zweitens scheinen die düsteren Beschreibungen einer "Kulturindustrie", die Theodor W. Adorno und andere in der Mitte des 20. Jahrhunderts entwarfen, erst in den Apparaturen des kalifornischen Netz-Kapitalismus so richtig zu greifen: die Verzahnung von ständiger Selbstdarstellung und gezielter Weckung von Konsumbedürfnissen; die digitale Individualität, die zur Konformität wird.

Und drittens, damit zusammenhängend, ist die schwierige Verständigung darüber im Gang, welchen "Strukturwandel der Öffentlichkeit" die digitale Kommunikation eigentlich mit sich bringt - so hieß die 1962 erschienene Habilitationsschrift von Jürgen Habermas. Gibt es überhaupt einen demokratischen Debattenraum, der nicht vollkommen fragmentiert oder, wie Habermas damals schrieb, "vermachtet" ist? Was verändert sich, wenn die "One-to-many"-Kommunikation der Massenmedien in die "Many-to-many"-Kommunikation im Internet übergeht?

Zu all diesen Fragen der Aktualisierbarkeit äußert sich der linke britische Publizist Stuart Jeffries in seiner Geschichte der Frankfurter Schule. Es sind aber leider die schwächeren Passagen seines Buches, weil sie das kulturkritische Klagen einfach in die Gegenwart perpetuieren, und weil weder die historischen Differenzen noch andere soziologische Perspektiven zur Sprache kommen. "Man kann wohl sagen", schreibt Jeffries, "dass wir noch immer in einer Welt leben, die derjenigen ähnelt, die von den Frankfurter Theoretikern so harsch kritisiert wurde - auch wenn wir mehr Wahlfreiheiten haben als je zuvor." Ja, das kann man wohl sagen, aber lieber wüsste man es etwas genauer.

Wer denkt, verhält sich als Privilegierter

Stark hingegen ist der gesamte erzählerische Zugriff des Buches. Es heißt "Grand Hotel Abgrund", weil einst der marxistische Literaturtheoretiker und Philosoph Georg Lukács den Frankfurtern mit dieser Benennung vorwarf, sie hätten sich zu folgenlos und feinsinnig in der dialektischen Negativität ihrer Gesellschaftskritik eingerichtet. Das ist das Dilemma, das Adorno selbst in den im Exil geschriebenen "Minima Moralia" als Problem der kritischen Theoretiker formuliert hat: "Indem sie überhaupt noch das Denken gegenüber der nackten Reproduktion des Daseins sich gestatten, verhalten sie sich als Privilegierte; indem sie es beim Denken belassen, deklarieren sie die Nichtigkeit ihres Privilegs." Max Horkheimer, sein Kompagnon und Ko-Autor der "Dialektik der Aufklärung", schrieb ebenfalls im Exil 1937, mit nicht sehr viel mehr Hoffnung, es sei "die Aufgabe des kritischen Theoretikers, die Spannung zwischen seiner Einsicht und der unterdrückten Menschheit, für die er denkt, zu verringern".

In genau dieser Spannung nun erzählt Stuart Jeffries seine Geschichte als eine "Gruppenbiographie". Er führt wirklich sehr lebendig und kundig, und trotz großer Verehrung auch gar nicht unkritisch, durch die Theorie- und Zeitgeschichte: Walter Benjamin in Neapel und Marseille, das Verhältnis von Ästhetik und Zeitkritik, Denk- und Schreib-Stile, das kalifornische Exil zwischen Hollywood und Doktor Faustus, die Zerwürfnisse im Zuge des Kalten Kriegs und der Studentenbewegung nebst einer kleinen Ehrenrettung für den etwas kitschigen Erich Fromm.

Fachleute werden da vieles zu rasant und pauschal finden und die ideengeschichtlichen Werke von Martin Jay, Rolf Wiggershaus und anderen sowie die einschlägigen Biografien bevorzugen, die Stuart Jeffries dankbar auswertet. Dafür dürfte dies die unterhaltsamste, am leichtesten zu lesende Einführung in die Frankfurter Schule sein, die zugleich genug zu denken gibt. Und mindestens eine gute Einstimmung für zwei weitere Bücher, die im November erscheinen werden: Eine neue Biografie über die "graue Eminenz" Friedrich Pollock sowie Jürgen Habermas' monumentales Alterswerk über die Genealogie von Glauben und Wissen.

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Quelle:
SZ vom 15.10.2019
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