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Gesellschaftsreform in Schweden:Die Moral wirft sich zur Richterin über die Geschichte auf

Na so was: Weibliche Statuen, erklärt der Experte, sind zwischen den Beinen oft flach.

  • Mit der "Normkritik" wollen schwedische Schulen, Hochschulen, Museen, Behörden und zum Teil auch die Privatwirtschaft "selbstverständliche" gesellschaftliche Normen nach den Maßstäben von Gleichheit und Gleichberechtigung hinterfragen.
  • Im Einzelnen geht es dabei etwa um Geschlechterrollen, um das typisch Schwedische oder alltäglichen Rassismus.
  • Eine Kritik der Normkritik könnte zu dem Ergebnis kommen, dass mit ihr wiederum neue Normen gesetzt werden, die jedoch nicht hinterfragt werden sollen.

Im vergangenen Sommer schrieb die Kommunalverwaltung in Trelleborg, einer Kleinstadt im äußersten Süden Schwedens, sechs Stellen für Schüler aus, die eine Arbeit für die Sommerferien suchten: Drei Wochen lang sollten sie die Skulpturen der Stadt prüfen, also die Kunstwerke, die im örtlichen Museum oder in öffentlichen Anlagen stehen, und zwar nach den Maßstäben der "Normkritik". Zwar wurden die Ergebnisse der Ferienjobs bislang nicht publiziert. Aber auf die konkreten Ergebnisse kam es womöglich gar nicht an: Normkritik, heißt es in einer offiziellen Broschüre der Stadt Göteborg, bedeute "das Selbstverständliche, das ,Normale', in Frage zu stellen", indem man Normen "entdecke" und darüber nachdenke, wie man sie "integrierend" auflösen könne. Dem "Infragestellen" wird offenbar eine größere Bedeutung zugemessen als einem konkreten Befund. Vielleicht soll aber auch mit einem Bekenntnis zur Normkritik das Wichtigste schon getan sein: Auf die Haltung scheint es anzukommen, weniger auf das Ergebnis.

In vielen schwedischen Kommunen gibt es solche Programmerklärungen und nicht nur dort, sondern auch in Schulen und Hochschulen, in Museen und sogar in der Privatwirtschaft: Der Einzelhandelskonzern Åhlens verkaufte schon im Jahr 2016 Oberbekleidung mit dem Slogan "Brecht die Kleidermachtordnung". Das Wirtschaftsministerium veranstaltet normkritische Konferenzen für die Arbeit im Wald. Demnächst dürfte es, im öffentlichen Auftrag, ein Zertifikat für die Bauwirtschaft geben, in dem die Verträglichkeit neuer Architektur mit den Idealen von Gleichheit und Gerechtigkeit festgehalten werden soll. "Normbewusstsein und Normkritik", heißt es in einer Broschüre, mit der die oberste schwedische Schulbehörde ("Skolverket") über ihre "Grundwerte" aufklären will, sei "ein wertvoller Teil der Arbeit in der Schule", wobei es dann im Einzelnen etwa um Geschlechterrollen, um das typisch Schwedische ("svenskhet") oder das Selbstbewusstsein der Mittelschicht geht, aber auch den alltäglichen Rassismus oder das Ankleiden von Kleinkindern. Die Verwaltung der Universitätsstadt Uppsala empfiehlt den in der Kommune ansässigen Vereinen gar, auf "Normjagd" zu gehen, um möglichst viele dieser unerwünschten Geister aufzuspüren.

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Auf der Jagd nach weiblicher Scham und männlicher Gier

Wenn die Normkritik dennoch Resultate zeitigt, sind sie, vermeintlich, nicht selten skurril: Weibliche Statuen, erklärt zum Beispiel der Publizist Inti Chavez Perez, der offenbar erfolgreich als Aufklärer der schwedischen Schulkinder agiert und die Regierung in Jugendfragen berät, seien "zwischen den Beinen oft flach, während männliche Statuen ihre Geschlechtsmerkmale behalten dürfen. Ein männlicher Blick auf den weiblichen Körper hat dessen Geschlecht im Lauf der Geschichte auf die Scheide reduziert, während die äußeren Geschlechtsmerkmale vergessen wurden. Für viele Mädchen, die ich treffe, entsteht dadurch ein Problem. Sie empfinden Scham ..." Wirklich? Und wie viele Mädchen an schwedischen Schulen betrachten häufiger klassische Statuen? Und sie bemerken nicht, dass die männlichen Geschlechtsmerkmale kleiner als in der Natur sind, womöglich, um die Nacktheit vom Begehren zu trennen, so wie bei den Frauen auch, wobei diese immerhin ihre Brüste behalten dürfen? Auch bemerkt der Experte nicht, dass eine realistische Gestaltung der Geschlechtsmerkmale der "Normkritik" ein noch gravierenderes Problem bereiten müsse, in Gestalt des Verdachts nämlich, ob eine naturalistisch dargestellte Scham ein Angebot an die männliche Gier darstellen muss.

Die "Normkritik" ist das Kind einer sehr speziellen Wissenschaft. In den Siebzigern hatte der französische Philosoph Michel Foucault von der "Fabrikation des Subjekts" durch Macht gesprochen. In den frühen Neunzigern hatte dessen amerikanische Kollegin Judith Butler dargelegt, dass die Teilung der Menschheit in "männlich" und "weiblich" ein Konstrukt sei, das der Etablierung und Aufrechterhaltung von Macht diene. Zudem entstand zu jener Zeit eine "Queer Theory", vertreten vor allem durch die amerikanische Literaturwissenschaftlerin Eve Kosofsky Sedgwick, die meinte, die westliche Kultur sei nicht zuletzt ein Produkt einer männlichen Homophobie. In der Normkritik nun werden solche Vorstellungen in eine institutionelle Praxis übertragen, die in Schweden (und nur dort) offenbar kaum noch Ausnahmen zulässt - in einem direkten Übergang von der Theorie in die praktische Mission, wie es ihn seit dem Vulgärmarxismus der Siebziger nicht mehr gegeben hat, und nahezu ohne öffentliche Debatte.

Die Mission setzt voraus, dass sich Normen, so abstrakt sie sein mögen, als etwas Selbständiges, für sich Gegenständliches behandeln lassen, das man aus dem gesellschaftlichen Leben herauslösen kann. Von einer rechtsphilosophischen Tradition im Umgang mit Normen, von der Dialektik zwischen Norm und Ausnahme etwa, will man in Schweden offenbar nichts wissen. Und auch der Berliner Verfassungsrechtler Christoph Möllers, der in einem vielbeachteten Buch ("Die Möglichkeit der Normen", 2015) erklärt hatte, Normen seien prinzipiell vage und überhaupt eher Möglichkeit denn "von dieser Welt", stieße angesichts einer durchgesetzten Verwaltungspraxis vermutlich auf taube Ohren. Die "Normkritik" gebe dem Personal der Schulen, versichert dagegen "Skolverket", "konkrete Werkzeuge" an die Hand, seinen "pädagogischen Auftrag" und die "Ziele der Lehrpläne" zu erfüllen. So erscheint, wer dennoch Vorbehalte gegen die "Normkritik" hegt, als verstockte Seele, die das Gute und Nützliche verweigert.

Die Moral wirft sich zur Richterin über die Geschichte auf

Ohne Normen, soviel ist gewiss, wäre das Leben der meisten Menschen kurz und von Gewalt geprägt. Das weiß man auch in Schweden, weshalb die Agenturen der "Normkritik" darauf hinweisen, es gehe ihnen lediglich um solche Normen, die der Entstehung und der Erhaltung von Macht dienen (um die Norm des weißen Mannes reifen Alters etwa, die, wie die Stadtverwaltung von Uppsala meint, den - irrigen - Maßstab des Schwedentums bilde). Auch dabei fragt es sich, ob es denn möglich sei, zwischen "ausgrenzenden" und "inkludierenden" Normen zu unterschieden, da Normen in der Regel beides sind: einschließend und ausschließend, trennend und einend zugleich. Zudem fragt es sich, ob diese, jedenfalls insoweit es sich dabei um Verletzungen des Grundrechts auf Gleichheit oder um die Menschenrechte handelt (was etwa die Stadt Göteborg für ihre Politik der Normkritik behauptet), nicht auch Gegenstand der Judikatur oder zumindest von Anstand und Moral sind.

Sind gleichsam gereinigte Wesen, also ideale Staatsbürger das Ziel?

Gewiss, den jugendlichen Schläger und renitenten Lernverweigerer wäre nicht nur jeder Lehrer gern los. Aber muss für die womöglich verwerflichen Normen, die ein Einwandererkind mit seinen "chauvinistischen Idealen von Männlichkeit" für sich gelten lässt, tatsächlich eine eigene Bürokratie aufgebaut werden? Ein Expertenwesen zudem, das dem Glauben anzuhängen scheint, ein solches Verhalten verschwinde, wenn es denn nur mit "normkritischen" Mitteln identifiziert werde? Doch während solche Vorstellungen von einem Kritiker der Normkritik noch als eher alltägliche Fälle magischen Denkens eingestuft werden können, ist das Expertenwesen real: In den geisteswissenschaftlichen und künstlerischen Fächern an schwedischen Hochschulen sowie in den öffentlich-rechtlichen Medien scheint ein offensives Bekenntnis zur "Normkritik" mittlerweile erwartet zu werden. Die entsprechenden Skandale, etwa bei Berufungsverfahren, blieben jedenfalls nicht aus, wobei es an den Universitäten vor allem Studenten zu sein scheinen, die sie hervortreiben, im Namen von "Gleichheit" und "Gerechtigkeit".

So wirft sich eine moralische Weltanschauung zur Richterin über die Geschichte auf, und es entstehen Dinge wie die Informationstafeln im jüngst restaurierten Nationalmuseum in Stockholm: Dort steht neben den auch in Deutschland sehr beliebten Werken des Nationalromantikers Carl Larsson der Hinweis, dass die darin dargestellte Welt "von den patriarchalischen Geschlechterrollen des Nationalismus" geprägt sei. Es folgt der denunziatorische Hinweis, Carl Larsson habe in einem Himmelbett im größten Raum seines Hauses geschlafen, während seine Frau auf einer Pritsche bei den Kindern genächtigt habe (die Missachtung des Werks zugunsten von biografischen und gesellschaftskritischen Kommentaren hat hier System). Zu einem Gemälde, auf dem Gustave Courbet seine irische Geliebte mit offenem Haar darstellte, lautet der Kommentar, weibliche Modelle hätten einen "niedrigen Status" besessen. "Sie wurden als Tauschobjekt und Eigentum der männlichen Künstler betrachtet." Und Anders Zorns "Mittsommertanz" aus dem Jahr 1897, eine der Ikonen der schwedischen Nationalromantik, wird durch das Werk eines zeitgenössischen Künstlers karikiert, in dem zersägte Souvenirs aus Dalarna ("Dalahästar"), in Scheiben geschnitten, in Fleischverpackungen aus dem Supermarkt ausgestellt sind - was vermutlich eine Kritik an Warenkult und Tourismus sein soll. Die Normkritik scheint über alle Vergangenheiten zu richten. Ohne sich selbst als Norm wahrzunehmen. Sie muss universell und ewig gültig sein, ein absolutes Wissen, das sich im Handumdrehen erwerben lässt.

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Wie die Normkritik auch selbst zur Norm wird, die allerdings über der Kritik steht

Geschlechterforschung, sei es in Gestalt von eigenständigen "Gender Studies" oder als Moment einer anderen Disziplin, der Kulturwissenschaften etwa, der Soziologie oder auch einer nationalen Philologie, gibt es längst in allen westlichen Ländern. Gleiches gilt für eine Bürokratie, die in Institutionen und mittlerweile oft auch in Unternehmen den landläufigen Diskriminierungen entgegenwirken soll. Dass aus der Verbindung von sozialem Konstruktivismus und Gleichheitsgedanken ein umfänglicher Erwerbszweig hervorgeht, der dann, mit offensiver staatlicher Unterstützung und institutionell verankert, die gesamte Gesellschaft durchdringt, scheint indessen eine schwedische Besonderheit zu sein. Ihr geht eine seit hundert Jahren betriebene und im Kern sozialdemokratische Vorstellung voraus, der zufolge sich die Gesellschaft mit einer Art von Ingenieurwesen verändern lasse: In ihr wurde zuerst die Idee kultiviert, Normen stellten so etwas wie einen ideellen Apparat dar, den man mithilfe überlegenen Wissens (und guten Willens) so justieren könne, dass keine Störungen mehr auftreten. Wobei man sich allerdings fragt, was aus den von ihren (falschen) Normen befreiten Menschen werden soll: Sind sie dann um ihr Fehlverhalten reduzierte, gleichsam gereinigte Wesen, also ideale Staatsbürger?

Wenn schwedische Schulen, Kommunen, Ministerien und Unternehmen die Normkritik einfordern, kann die kritisierte Norm schon längst nicht mehr allgemeingültig sein. Bei den Normen, die Gegenstand der schwedischen Normkritik sein sollen, handelt es sich folglich entweder um die Norm von Minderheiten, ganz gleich, ob es dabei um ältere weiße Männer oder um Heranwachsende mit "chauvinistischen" Idealen von Männlichkeit geht. Oder sie gehören der Vergangenheit an, wie die "patriarchalische Geschlechterordnung" bei Carl Larsson. Wenn die Normkritik daraufhin so tut, als begehrte sie gegen ein Vorherrschendes auf, betreibt sie Heuchelei.

Die Normkritik hat die Macht und setzt die Norm - die nun wiederum nicht kritisiert werden soll. Eine solche Normkritik kann also letztlich nur eine Aufforderung zur "Jagd" sein: Fort mit allem, fordert sie, was eine Norm im verpönten Sinn verkörpert, und das heißt: etwas anderes als "unsere" Norm. Unter dem Vorwand der Humanität wird also das Gegenteil des Beanspruchten durchgesetzt: nicht nur das Aussortieren des Abweichenden, sondern auch die Banalisierung des Komplexen.

© SZ vom 20.01.2020/khil
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