Gesellschaft zur Rettung Starker Verben sagen, sug, gesugen

Im Internet hat sich eine illustre "Gesellschaft zur Stärkung der Verben" zusammen gefunden. Sie will den vom Aussterben bedrohten starken Verben so etwas wie ein sprachliches Fitness-Studio sein. Das kann man jetzt "erlirchten" zur Kenntnis nehmen. Oder es aber lassen.

Von Bernd Graff

"Das Verb muskelt den Satz." Ein Apodiktum, das man auf höheren Journalistenschulen oft und gerne hört. Und ein Satz, der an sich beweisen möchte, was er aussagt: Selbst ein Strauß aus Substantiv-Mauerblümchen, so die Behauptung, wirkt mit einem Male sexy, wenn sie sich an ein zum Terminator aufgepumptes Verb wie "muskeln" anschmiegen dürfen. Weniger wäre ja dann auch leer.

Mitsprechen: ich horche, ich hurch, ich hürche, ich habe gehurchen. Na? Ging doch.

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Damit aber die Verben im Garten der verliebten Substantive vor Kraft kaum laufen können, müssen sie trainiert werden. Und dazu schickt man sie in ein Fitness-Studio. Ein solches findet man naturgemäß im Internet. Hier hat sich eine "Gesellschaft zur Stärkung der Verben" zusammen gefunden. Sie begreift sich als "Anlaufstelle für schwache und geknochtene Verben, denen der Weg in die Unregelmäßigkeit erlirchten werden soll." Um es für Untrainierte zu sagen: Diese Gesellschaft will festgestellt haben, dass in der wunderbaren Welt der Grammatik ein gnadenloser Verdrängungskampf tobt. Verben mit unregelmäßigen Flexionsformen, die - leider nur! - so genannten Starken Verben, werden entweder gar nicht mehr benutzt. Oder aber sie werden in das Korsett einer schwachen Standardkonjugation gepresst, die sogar für "bersten" oder "glimmen" Unformen wie "berstete" und "glimmte" schnüren lassen möchte. Klar, dass da keine Verbenbrust mehr vor Stolz birst. Da ist doch jede Sprachglut verglommen.

Jetzt sind wir etwas abgeschwiffen ... Gegen dies' Ungemach will die Gesellschaft antreten - und zwar in drei Disziplinen. Zuerst im Kraftraum: Hier werden schwache Verben gelistet, für die man eigens unregelmäßige Stammformen ersonnen hat. Sauber vor die Trainingsgeräte "Infinitiv", "Indikativ Präteritum", "Konjunktiv Präteritum" und "Partizip II" gestellt, hantelt sich dann das unscheinbare "bellen" zu "boll, bölle, gebollen" in ungeahnte Body-Buildings hinein. Eine klasse Figur macht nun auch "erquicken" mit "erquack, erquäcke, erquocken". Auch "horchen" läßt mit "hurch, hürche, gehurchen" Aufhorchen. Oder "fürchten" mit "forcht, förchte, geforchten." Unangefochten spitze aber "stürzen" mit "starz, stärze, gestorzen". In der zweiten Disziplin trainiert man schwache Verben, welche mit ihren "hinderlichen Doppelvokalen" die Stammformungs-Arbeit in besonderer Weise verkomplizieren. Hier begeistert man sich mit "begirst, begirste, begirsten" für "begeistern". Man feiert mit "firr, firre, gefirren" des "Feierns" fröhliche Urständ. Oder erleichtert "erleichtern" mit "erlircht, erlirchte, erlirchten" den Weg in die Zukunft. In der dritten Kategorie wird nicht trainiert, sondern nur noch gehegt. Man gedenkt gewissermaßen der seligen Zeiten, als man Brot noch "buk", nicht backte. Als man "hieb", nicht haute, als man "sog", nicht saugte. In diesem Licht betrachtet fällt nun aber das Satz-Amphetamin "muskeln" ganz schlaff in sich zusammen. Düpierte Substantive würden es gewiss erlirchten zur Kenntnis nehmen, wenn sich "muskeln" zu "mosk, moske, gemosken" aufhant..., aufmanteln könnte.