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Geschwister-Scholl-Preis:Der Preisträger wird fehlen

Ahmet Altan

Zeigt laut Jury mit seinem Buch auf „ruhige, klare Weise“, wie es um die Türkei steht: Ahmed Altan.

(Foto: Jan Woitas/dpa)

Zustandbeschreibung eines Landes in Angst: Der Geschwister-Scholl-Preis geht in diesem Jahr an den in der Türkei inhaftierten Autor Ahmet Altan für sein Buch "Ich werde die Welt nie wiedersehen".

Wenn am 25. November in München der renommierte Geschwister-Scholl-Preis verliehen wird, dann wird der Preisträger fehlen. Denn Ahmet Altan, einer der herausragenden Schriftsteller der Türkei, sitzt schon seit gut drei Jahren im Gefängnis. Er wurde kurz nach dem Putschversuch vom Juli 2016 festgenommen und 2018 in einem zweifelhaften Gerichtsverfahren zu lebenslanger Haft verurteilt. "Mit dem politisch motivierten Urteil wurde ein kritischer Kommentator des Geschehens in der Türkei seiner Freiheit beraubt", heißt es in der Preisbegründung. Altan, 69 Jahre alt, wird für sein Buch "Ich werde die Welt nie wiedersehen" (S. Fischer, 2018) ausgezeichnet. Darin erzählt er von seinen Erfahrungen im Gerichtssaal und im Gefängnis.

Altans Texte zeugten von "großer Standhaftigkeit, vom Entschluss, trotz allen Entbehrungen stärker zu sein als die Vernehmer, Ankläger und Richter", so die Jury. Sie zeigten auf "ruhige, klare Weise", wie es um die Türkei stehe. Er schreibe für alle, die unter schwierigsten Bedingungen die Freiheit verteidigten. Dies erinnere an das Vermächtnis der Geschwister Scholl, die während der Nazizeit der studentischen Widerstandsgruppe Weiße Rose in München angehörten.

Altans Buch ist ein bewegender Bericht aus dem Inneren einer Gesellschaft, in der die Angst umgeht

Das Hochsicherheitsgefängnis von Silivri, in dem Altan in einer Einzelzelle sitzt, ist das größte der Türkei. In seiner Zelle unternimmt Altan, wie man in seinem Buch nachlesen kann, fantasievolle Zeitreisen, zurück in die Vergangenheit und in eine luzide Zukunft. Er ist eigentlich Romancier, hatte mit Liebesgeschichten ein Millionenpublikum erobert, bevor er sich in politische Debatten einmischte, zeitweise auch als Zeitungschefredakteur. In seiner Verteidigungsrede vor Gericht spottete er: "Bravo! Sperrt sie alle ein! Das ist eure Zeit. Aber Zeiten ändern sich, Zeiten ändern sich immer."

Altan wurde im Februar 2018 sogar zu "erschwerter lebenslanger Haft" verurteilt, die in der Türkei die abgeschaffte Todesstrafe ersetzt. Ihm wurde vorgeworfen, er habe den Putschversuch im Juli 2016 unterstützt, weil er zuvor in einer Fernsehsendung sagte: "Die AKP wird ihre Macht verlieren. Und sie wird vor Gericht gestellt werden." Die AKP ist die Partei von Präsident Recep Tayyip Erdoğan, die seit 2002 das Land regiert. Ein Berufungsgericht hob dieses Urteil im Juli auf. Es gebe keinen Beweis dafür, dass Altan die verfassungsgemäße Ordnung der Türkei stürzen wollte, so das Gericht. Aber der Schriftsteller kam nicht frei, jetzt liegt die Sache wieder bei einer unteren Instanz. "Gerechtigkeit ist wie ein Vorortzug. Wenn er nicht pünktlich ist, kann man nie wissen, wann und ober er überhaupt kommt", sagte Altan vor einem Jahr der Süddeutschen Zeitung.

Altans Buch ist ein bewegender Bericht aus dem Inneren einer Gesellschaft, in der die Angst umgeht, geschrieben von einem, der sich nicht Bange machen lässt, der die Regierenden in Ankara auch als Angeklagter noch daran erinnert, dass Rechtsstaatlichkeit und Wohlergehen miteinander verbunden sind. "Repressive Regierungen", sagte er vor der Richterbank, "sind wie Streichhölzer. Während sie alles zu Asche verbrennen, fangen auch sie selbst Feuer und werden von ihm aufgefressen." Und: "Dieses Land wird mit einer wirtschaftlichen Katastrophe dafür bezahlen, dass es sich von den europäischen Werten distanziert." Inzwischen ist die Wirtschaftskrise da.

© SZ vom 04.10.2019

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