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Geschichte:Warlords und Wasserleitungen

Die britische Althistorikerin Kathryn Lomas erzählt souverän von den Anfängen und vom Aufstieg Roms.

Von Stefan Rebenich

Aeneas Arriving in Italy Dawn of the Roman Empire Oil on canvas Claude c1604 1682 Claude Gel

Die Gründungsmythen Roms gehören zu den großen europäischen Erzählungen. Wie in diesem Gemälde von Claude Lorrain.

(Foto: imago/United Archives International)

Sieben, fünf, drei - Rom schlüpft aus dem Ei. Der alte Merkspruch hat Generationen von Altertumswissenschaftlern nur noch ein müdes Lächeln entlockt. Gerade deutsche Forscher haben längst die Hoffnung aufgegeben, Licht in das Dunkel der Gründung Roms zu bringen. Worauf sollte man sich auch stützen? Die literarischen Nachrichten zur legendären Königszeit (8. bis 6. Jahrhundert v. Chr.) und zur frühen Geschichte der römischen Republik (5. und 4. Jahrhundert v. Chr.) entstammen fast durchweg einer wesentlich späteren historiographischen Tradition und (re-)konstruieren die römische Frühzeit unter den Bedingungen ihrer eigenen Zeit. Sie sind damit eine wichtige Quelle für das zeitgenössische Verständnis eines lange vergangenen Äons, nicht aber für die Epoche, die zu schildern sie vorgeben.

Enthalten wenigstens die vertrauten Gründungsmythen einen wahren Kern? Wir kennen sie alle: die Flucht des Aeneas aus dem brennenden Troja, die Fürsorge der Wölfin für die ausgesetzten Zwillinge, die Gründung der Stadt durch den Brudermörder Romulus, die Vertreibung des letzten Königs Tarquinius Superbus, der Selbstmord der Lucretia und der Beginn der Republik. Seit dem 19. Jahrhundert wissen wir, dass auch diese Erzählungen das Ergebnis späterer Überformungen sind.

Bleiben die archäologischen Quellen, die durch Grabungen in den letzten Jahrzehnten immer zahlreicher, aber auch vielfältiger geworden sind. Doch die Bodenfunde werden erst durch die literarische Tradition zum Sprechen gebracht und können folglich die Einseitigkeit des historischen Materials nicht ohne Weiteres korrigieren.

Das Buch ist mithin ein starkes Plädoyer für die Einheit der römischen Frühgeschichte

Soll man also auf die Rekonstruktion der frühen Geschichte Roms verzichten und die Diskussion um die Entstehung der Ewigen Stadt anderen überlassen? Die glänzende Monografie der britischen Althistorikerin Kathryn Lomas, die nun auch in deutscher Übersetzung vorliegt, belehrt uns eines Besseren. Sie ist in mehrfacher Hinsicht richtungweisend.

Zunächst wird keine römische, sondern eine italische Geschichte entworfen. Die Ausgangsprämisse ist damit offenkundig: Roms Entwicklung kann nur im Kontext der übergreifenden Prozesse in ganz Italien verstanden werden. Also vergleicht Lomas die Siedlung am Tiber systematisch mit den nördlichen Regionen, die zuerst die Etrusker und dann die Kelten prägten, sowie mit den blühenden griechischen Städten im Süden der Halbinsel. Wesentliche Transformationen seit der Bronzezeit beschreibt die Autorin an Beispielen in Italien und prüft ihre Ergebnisse dann an den spärlichen Quellen, die für die römische Frühzeit existieren. Der komparatistische Ansatz erlaubt überzeugendere Aussagen als eine strikte Fokussierung auf die stadtrömische Evidenz.

Sodann überschreitet die Historikerin die traditionelle Grenze zwischen dem monarchischen Rom der ersten Jahrhunderte und der frühen römischen Republik. Ihre Darstellung reicht bis zur Niederwerfung der Samniten zu Beginn des 3. Jahrhunderts v. Chr., die Roms Anspruch auf Vorherrschaft in Italien infrage stellten, und dem Sieg über den König Pyrrhus von Epirus 275 v. Chr., der in Süditalien ein eigenes Reich gründen wollte. Aus Institutionen der späteren Zeit zieht Lomas Rückschlüsse auf ältere Verhältnisse.

Sie zeigt zugleich, dass die Gründe für Roms Aufstieg zunächst zur Regional- und dann zur Weltmacht nur überzeugend zu benennen sind, wenn die Anfänge des Stadtstaates in den Blick genommen werden. Das Buch ist mithin ein starkes Plädoyer für die Einheit der römischen Frühgeschichte - über die Zäsur des Jahres 509 v. Chr. hinweg, als die res publica das Licht der Weltgeschichte erblickte.

Schließlich fasst Kathryn Lomas die inzwischen weitverzweigte Forschung souverän zusammen und nimmt unaufgeregt Stellung zu zahlreichen Kontroversen. Dabei hat sie das Glück, mit Uwe Walter einen althistorischen Kollegen als Übersetzer gefunden zu haben, der nicht nur selbst den behandelten Gegenstand hervorragend beherrscht, sondern auch ein glänzender Stilist ist, dem es gelingt, die deutsche Fassung zu einem Lektüregenuss zu machen. Walter hat auch ein informatives Nachwort verfasst, das die Positionen der britischen Historikerin pointiert zusammenfasst und in eine über zweihundertjährige Forschungsgeschichte integriert.

Das weit ausgreifende archäologische Panorama setzt mit der mittleren Bronzezeit (ca. 1700 bis 1350 v. Chr.) und den ersten nachweisbaren Siedlungen auf dem Gebiet der späteren Stadt ein. Über die nächsten Jahrhunderte war Rom nichts anderes als eine unbedeutende Ansammlung von strohbedeckten Hütten am südlichen Ufer des Tibers. Hinweise auf eine urbane Gemeinschaft, die komplexer organisiert war, finden sich erst im 6. Jahrhundert v. Chr. Die Stadt war durch Immigration rasch gewachsen. Ein gepflastertes Forum bildete das Zentrum, in dessen unmittelbarer Nähe Häuser reicher Aristokraten nachgewiesen werden konnten.

Drawing of the Etruscan bronze of the she-wolf suckling Romulus and Remus, 5th century BC, in the Capitoline Museum, 1552 (engraving)

Die Kapitolinische Wölfin mit Romulus und Remus, gezeichnet von Antonio Lafreri im Jahr 1552.

(Foto: The Stapleton Collection)

Imposante Tempel schmückten die prosperierende Stadt. Zu dieser Zeit entstanden in ganz Italien Stadtstaaten, deren Geschicke eine wohlhabende Elite lenkte. Ihren Anspruch auf Exzellenz leiteten diese Eliten nicht allein von kriegerischen Leistungen, sondern von Herkunft, Reichtum und Ämtern ab. Ethnische und kulturelle Diversität kennzeichneten diese Gemeinwesen. Rom bildete keine Ausnahme. Eine dauerhafte monarchische Ordnung wurde jedoch nicht errichtet. Die sieben kanonischen Könige waren eher "warlords", die mobile Kriegergruppen anführten, oder Clanführer mit schwankender Machtbasis, die vom lokalen Adel teils unterstützt, teils bekämpft wurden. Alleinherrschaft im frühen Rom war folglich immer prekär.

Die Vertreibung der letzten Herrscher aus der Tarquinierdynastie am Ende des 6. Jahrhunderts v. Chr. führte zu Unruhen, die Roms Position als Regionalmacht gefährdeten. Doch das Experiment einer gewählten Regierung, so argumentiert Lomas schlüssig, stabilisierte die politische Ordnung, in der monarchische wie aristokratische Elemente miteinander verbunden wurden. Der Anspruch auf exklusive Herrschaft war nicht durch dynastische Sukzession oder einen göttlichen Auftrag zu begründen, sondern musste immer wieder neu erkämpft und durch Wahl bestätigt werden.

Es wäre indes ein Fehler, eine lineare Entwicklung zu postulieren. Die frühe Republik war vielmehr eine Phase des Ausprobierens. Gesellschaftliche Verwerfungen und Versorgungskrisen erschütterten die Stadt, und über die Frage, wer die politische Verantwortung zu übernehmen habe, gab es heftigen Streit. Soziale Konflikte mussten entschärft werden. Die Zahl, Befugnisse und Bezeichnungen der obersten Amtsträger - Konsuln und Prätoren - wurden erst 367 v. Chr. festgesetzt. Wichtig für den weiteren Aufstieg Roms war der Wandel der soziopolitischen Elite von einem patrizischen Erbadel zu einer oligarchischen Nobilität; zu diesem "Amtsadel", der durch die Übernahme von zeitlich befristeten Magistraturen charakterisiert war, hatten auch ambitionierte und vermögende Aufsteiger Zugang. Zugleich schützte sich das Volk zwischen dem 5. und 3. Jahrhundert v. Chr. durch eigene Institutionen gegen die Willkür der Mächtigen und gewann Anteil an politischen Entscheidungsprozessen. Durch diesen "Sonderweg" konnten blutige Bürgerkriege, wie sie viele griechische Stadtstaaten damals erschütterten, vermieden werden.

Die leistungsorientierte und kompetitive Nobilität bewirkte seit Mitte des 4. Jahrhunderts v. Chr. den rücksichtslosen Aufstieg Roms zur Hegemonialmacht erst in Latium, dann in Italien und schließlich im gesamten Mittelmeerraum. Das aristokratische Standesethos beruhte vor allem auf dem Nachweis von Verdiensten für die res publica, und hier in erster Linie von militärischen Leistungen. Eroberungskriege, aber auch Beutezüge waren damit programmiert.

Im dritten Jahrhundert war Rom zu einer der größten Städte in ganz Italien geworden. Eine mächtige Befestigungsanlage schützte die Siedlung vor Angriffen. Monumentale Tempel und repräsentative öffentliche Bauten waren errichtet worden. Ein ausgeklügeltes Entwässerungssystem, ausgebaute Straßen und verzweigte Wasserleitungen gehörten zu den Annehmlichkeiten der stetig wachsenden Bevölkerung, zu der zahlreiche Zuwanderer aus anderen Teilen Italiens und der Welt zählten.

Lomas nennt einen letzten Grund für Roms Aufstieg, der bis in die Frühzeit zurückreicht: Roms Offenheit für Fremde und die offensive Vergabe des Bürgerrechts, wovon nicht nur Einzelpersonen, sondern ganze Gruppen und gar Gemeinwesen profitierten. Damit wurde die Bürgerschaft vergrößert und die Wehrkraft gestärkt. Parallel baute Rom ein höchst differenziertes und effizientes politisches, militärisches und völkerrechtliches Bündnissystem auf, das ganz Italien umfasste und seine hegemonialen Ansprüche stützte. Das Buch ist ein großer Wurf. Der spannenden Rekonstruktion des Aufstiegs der Stadt am Tiber zur italischen Hegemonialmacht wünscht man viele Leserinnen und Leser.

© SZ vom 04.10.2019

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