bedeckt München

Geschichte:Stunden der Abrechnung

Panik, Autosuggestion, Bolschewikenfurcht, Enthemmung: Der junge britische Historiker Mark Jones beleuchtet Gewalt und Straßenpolitik in der deutschen Revolution 1918/19.

Von Jens Bisky

Wir kommen in die Zeiten des Faustrechts zurück", notierte Harry Graf Kessler am 1. Januar 1919: "Die Staatsgewalt ist ganz ohnmächtig." Die Behauptung scheint übertrieben, setzt man sie ins Verhältnis zu den Erlebnissen, die der Diplomat und Kunstsammler an diesem Neujahrstag in seinem großartig beobachtungsreichen Tagebuch festhielt. Im Lokal, in dem er sich zu Tisch setzen wollte, hatten streikende Kellner den Betrieb gestört, mit Schließung gedroht, sollten ihre Forderungen nicht erfüllt werden. Sie führten eine rote Fahne mit, andere Lokale waren geschlossen, gestürmt, demoliert worden. Und am Nachmittag hatten einige Gläubige versucht, dem Kultusminister, einem Unabhängigen Sozialdemokraten, zu Hilfe zu kommen.

Das waren gewiss ungewöhnliche Ereignisse, wenn man im revolutionär aufgeregte Berlin die Maßstäbe des bürgerlichen Alltags heranzog. Aber es waren kleine, keineswegs dramatische Vorfälle, verglichen mit dem jahrelangen Töten an allen Fronten des Krieges, der gerade zu Ende gegangen war, verglichen auch mit der Brutalität des Bürgerkrieges, der seit Monaten im ehemaligen Zarenreich tobte, gemessen an den Schreckbildern revolutionärer Anarchie, die seit 1792 zum europäischen Vorstellungshauhalt gehörten.

Die Angst vor Spartakus beförderte die Eskalation der Gewalt

Kesslers Neujahrstagsurteil wirkt im Rückblick geradezu irrig. Während des Januaraufstands und der Märzunruhen in Berlin, später bei der Niederschlagung der Münchner Räterepublik zeigte sich die Staatsgewalt keineswegs ohnmächtig, gerade weil sie den Freikorps mehr als Faustrecht zugestand, Eskalation beförderte. Gewalt, standrechtliche Erschießungen und politische Morde wurden in diesen Monaten normal in deutschen Städten. Wie es dazu kam, schildert der in Dublin und Berlin forschende Historiker Mark Jones in seiner Studie "Am Anfang war Gewalt".

Er versucht, einzelne Gewaltakte aufzuklären; von den Schüssen auf eine Sparkasse in Kiel, über die blutigen Tumulte am 6. Dezember 1918 in Berlin, den weihnachtlichen "Sturmangriff" auf Schloss und Marstall, den Januaraufstand, die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, den Märzaufstand bis hin zu den Geiselerschießungen in München und dem gegenrevolutionären Terror. Dabei nimmt Jones die Erwartungen und Ängste der Zeitgenossen ebenso ernst wie das tatsächliche Geschehen, soweit es sich aus Akten, Zeitungsberichten, Tagebüchern, Erinnerungen rekonstruieren lässt. Er kann zeigen, wie die Angst vor den Bolschewiken und Spartakus, vor "russischen Verhältnissen" und Anarchie die Eskalation der Gewalt beförderte und ein Klima schuf, in dem Durchgreifen um jeden Preis, Handeln statt Unterhandeln, Totschlagen zur Losung wurde. Jede Gräueltat besaß, wie er schreibt, ihre eigene "Vorgeschichte und Dynamik". Aber sie alle konnten nur geschehen, "weil die politischen Führer der Republik bestimmte politische Entscheidungen getroffen hatten mit dem Ziel, ihre Macht und ihren Herrschaftswillen um jeden Preis zu demonstrieren".

Gefangene Spartakisten in Berlin, 1919

Berlin 1919. Gefangene werden abgeführt. Sie wurden häufig geschlagen oder erschossen.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo/Scherl)

Exemplarisch dafür steht Gustav Noskes Schießbefehl vom 9. März 1918: "Die Grausamkeit und Bestialität der gegen uns kämpfenden Spartakisten zwingen mich zu folgendem Befehl: Jede Person, die mit der Waffe in der Hand gegen Regierungstruppen kämpfend angetroffen wird, ist sofort zu erschießen." Gerechtfertigt wurde der Befehl mit der Meldung, in Lichtenberg hätten die Spartakisten wenigstens 60 Polizeibeamte massakriert. Es war eine Falschmeldung, ein Lügenmärchen, aber zu gut passte es zu Imaginationsroutinen. Der Arbeiterbezirk Lichtenberg lag weit im Osten, der Zentralschlachthof in der Nähe. War nicht die Gesellschaft insgesamt auf dem Weg zur Schlachtbank? Eben deswegen musste nun die Spartakus-Bestie niedergerungen werden. Da im Osten vermutete man ohnehin Menschen zweiter Klasse, Großstadtpöbel, Kleinkriminelle.

Mit guten Gründen weist Jones die beliebte Abwälzung aller Schuld auf den "Bluthund" Noske zurück. Das brutale, rechtswidrige Durchgreifen fand viel Zustimmung, die staatlich sanktionierte Gewalt gewann ein eigenes Charisma, dem die Kommentatoren vom sozialdemokratischen Vorwärts bis zum liberalen Berliner Tageblatt erlagen. Die Kriegsjahre, in denen der Feind so oft als "entmenschtes Ungeheuer" dargestellt worden war, hatten dem Rückschritt vorgearbeitet.

Anfangs, nach der Abdankung des Kaisers und der sonstigen regierenden, überforderten Häupter, war es erstaunlich friedlich geblieben. Die Revolution verlief weitgehend gewaltlos. Zu Zwischenfällen kam es meist aufgrund von Ungeschick, Panik. Doch das minderte die Furcht vor der Gewalt, der angeblich unausweichlichen Eskalation nicht. Die Revolutionäre, ob Mehrheitssozialisten oder Unabhängige Sozialdemokraten, Spartakusleute oder kriegsmüde Soldaten, hatten ihre Herrschaft nicht in einem Akt der "Gründungsgewalt" demonstriert. Später, in den Jahren der Weimarer Republik, nach den Bluttaten des Jahres 1919 überzeichnete man die revolutionäre Gewalt. Symbolischer Stellvertreter der nicht stattgefundenen revolutionären Exzesse wurde in den Erinnerungen das Abreißen der Uniformkokarden.

Regierungssoldat während des Spartakusaufstands in Berlin, 1919

Ein Soldat in der Großen Frankfurter Straße.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Diese Studie, die 2016 auf Englisch erschien, ist keine Gesamtgeschichte des Umbruchs 1918/19 und der Gründung der Weimarer Republik. Das will sie auch nicht sein. Es geht um die Rolle, die Gräuel und Gewalt spielten, um das Ineinander von Gerüchten, Furcht, Autosuggestionen. Deswegen wird der berüchtigte Pakt zwischen dem Volksbeauftragten Friedrich Ebert und dem General Wilhelm Groener nur kurz erwähnt, werden die außenpolitischen Probleme zwischen Waffenstillstand und Versailler Vertrag nur gestreift, während die Ermordung von sieben Unterhändlern nach der Aufgabe der Besetzung des Vorwärts-Gebäudes am 11. Januar 1919 und das Gemetzel an Mitgliedern eines katholischen Vereins in München am 6. Mai 1919, die für Spartakisten gehalten wurden, ausführlich geschildert werden.

Die Linke hatte an der Radikalisierung ebenso teil, rhetorisch in der Roten Fahne und auf Flugblättern, praktisch in Straßenkampfaktionen. Jones gelingt es, dem mutigen Karl Liebknecht gerecht zu werden, ohne den Liebknecht-Legenden aufzusitzen. Er würdigt dessen Aufruf, den im Osmanischen Reich verfolgten und hingeschlachteten Armeniern zu helfen, ebenso wie dessen Friedensappelle. Dennoch war der Versuch, die Regierung zu stürzen und eine Räteherrschaft einzurichten, schlecht vorbereitet, selbst in den Räten ohne Rückhalt der Mehrheit, politisch abenteuerlich. Der "reale Liebknecht" erlebte eine Enttäuschung nach der anderen, das "Schreckgespenst Liebknecht" beflügelte Abrechnungs- und Mordfantasien.

"Die vergessene Revolution von 1918/19" hieß ein Sammelband, den Alexander Gallus 2010 herausgegeben hat. Der Titel traf es nicht ganz. Vergessen war die Revolution nie, nicht nur wegen der treuen Leser Kurt Tucholskys oder Alfred Döblins, dessen Meisterwerk "November 1918" das Buch ist, das man über diese dramatischen Wochen gelesen haben muss. In jedem Januar findet in Berlin zum Gedenken an die ermordeten Revolutionäre eine meist gut besuchte Liebknecht-Luxemburg-Demo statt. Auch die Rede vom Verrat der Sozialdemokraten gehört immer noch zur eisernen rhetorischen Reserve.

Leseprobe

Nein, diese Revolution war nie vergessen, aber sie scheint bis heute unbekannt, von Floskeln und ein paar angenommenen Gewissheiten verstellt. Sebastian Haffners zeithistorischer Klassiker aus dem Jahr 1968, "Der Verrat", ist daran nicht unschuldig, das große Buch eines leidenschaftlichen Zeitgenossen, keine abwägende historische Darstellung.

Die staatliche Gewalt wurde 1919 ähnlich legitimiert wie später die NS-Gewalt

Vor zwei Jahren erschien Victor Klemperers "Revolutionstagebuch 1919" über die Münchner Räterepublik, ebenso scharf beobachtet wie angemessen in den Urteilen, was selten ist bei Berichten, die im Angesicht der Ereignisse verfasst werden. Ein kurzes Blättern im Kommentar belehrte, wie folgenreich die wenigen Revolutionswochen waren. Mark Jones formuliert die These, dass die Muster des Straßenterrors, die im Winter 1918/19 entstanden, in den Kämpfen zwischen Nationalsozialisten und Kommunisten während der Weimarer Republik eine Wiedergeburt erlebten. Die staatliche Gewalt 1919 wurde, so Jones, ähnlich legitimiert wie die NS-Gewalt 1933: Es gelte, einen kommunistischen Umsturz abzuwehren. Diese These wäre genauer zu diskutieren. Hatte sich das Bild vom Arbeiter nicht gewandelt?

Auf jeden Fall ermöglicht diese Studie einen genaueren Blick auf 1918/19. Das ist besonders willkommen, solange man sich scheut, diese Revolution neben der von 1848 und der von 1989 zu den Gründungsmomenten der heutigen Republik zu zählen.

Mark Jones: Am Anfang war Gewalt. Die deutsche Revolution 1918/19 und der Beginn der Weimarer Republik. Aus dem Englischen von Karl Heinz Siber. Propyläen Verlag, Berlin 2017. 432 Seiten, 26 Euro. E-Book 20,99 Euro.

© SZ vom 01.06.2017
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema