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Geschichte für junge Leser:Lucy trifft Calamity Jane

Kerstin Lücker / Ute Daenschel: Weltgeschichte für junge Leserinnen. Kein & Aber Verlag, Zürich 2017. 517 Seiten, 25 Euro. E-Book 20,99 Euro.

In ihrer "Weltgeschichte für junge Leserinnen" schreiben Kerstin Lücker und Ute Daenschel gegen die antiquierte Formel "Männer machen Geschichte" an. Leider tun sie das mit unzulänglichen Mitteln.

Von Volker Breidecker

"Männer machen die Geschichte": Der berüchtigte Ausspruch des Historikers Heinrich von Treitschke steht für eine Geschichtsauffassung, die Macht und Gewalt mit "Größe" und "Manneskraft" gleichsetzte und ihren Helden Siegesalleen und Ruhmeshallen errichtete. Zur Zielscheibe des Spotts wurde der Historismus des 19. Jahrhunderts durch Heinrich Heine, der einen reisenden Engländer an Myladys Seite ein Skulpturenkabinett der Kaiser, Könige und Feldherren besichtigen ließ: "Da aber der arme Engländer die Reihe von oben anfing, statt von unten, wie es der Guide de voyageurs voraussetzte, so geriet er in die ergötzlichsten Verwechslungen, die noch komischer wurden, wenn er an eine Frauenstatue kam, die er für einen Mann hielt und umgekehrt."

Torheit kennt kein Geschlecht, Machtgier auch nicht. Was heute keinem Herrn Treitschke mehr recht sein darf, sollte auch Frau Treitschke nicht billig sein. Ungestraft könnte kein Historiker mehr eine komplette "Weltgeschichte" als Versammlung "großer Männer" und ihrer tollkühnen Taten an den Mann oder die Frau bringen. Im machtstaatsfixierten Deutschland hat es zwar lange gedauert, eine auf persönliche Akteure zentrierte Geschichtsschreibung zu überwinden, doch kann nicht "ausgleichende Gerechtigkeit" dort reklamiert werden, wo ein feministisches Nachholbedürfnis den verblassten Unsinn männlicher Vorgänger wiederaufbereitet - mit umgekehrten Vorzeichen oder unter vertauschten Rollen.

Die katholischen Marien, Mary Tudor und Mary Stuart, kommen ganz schlecht weg

Im Blick auf Marktlücken, wie sie das Genre der "Reiseführer für Frauen" bereits füllt, und animiert von einem unübertroffenen Klassiker - Ernst H. Gombrichs "Eine kurze (!) Weltgeschichte für junge Leser" -, haben sich zwei Berliner Hobbyhistorikerinnen arglos gleich eine ganze "Weltgeschichte für junge Leserinnen" vorgelegt. Den Adressatinnen sei das ansonsten hübsch und gediegen aufgemachte Buch nicht einmal für die Märchenstunde zugemutet. Unerfindlich bleibt auch nach der Lektüre, worin der Gewinn einer Geschichtsschreibung bestehen soll, die in Wiedergutmachung des Unrechts, das historiografisch vernachlässigten, vergessenen, verdrängten Frauengestalten widerfahren ist - als seien männliche Verlierer der Geschichte unter der Hand der Sieger je glimpflicher davongekommen -, beinahe jedem historischen Helden (oder Tyrannen) eine vermeintlich ebenbürtige Heldin (oder Tyrannin) an die Seite stellt. Partnerschaftliche Ergänzung findet Ötzi durch Lucy, Hernán Cortez durch die Mayasklavin Malintzin, Buffalo Bill durch Calamity Jane, Karl Marx durch Mathilde Anneke und Adolf Hitler durch Leni Riefenstahl.

Ehrenrettung wird dem berüchtigten Borgia-Papst Alexander VI. und seiner Tochter Lucrezia zuteil, wohingegen die katholischen Marien, Mary Tudor ("Bloody Mary") und Mary Stuart, ganz schlecht wegkommen, weil die Autorinnen da kritiklos der protestantischen Gräuelpropaganda auf den Leim gehen. Denn Quellenkritik ist ihnen fremd, nichts wird nachgewiesen, alles ist nach Gusto zusammengeschrieben: "Als die Titanic nach ihrer Begegnung mit dem Eisberg im Atlantik versank, hatte Marie Curie bereits zwei Nobelpreise erhalten, einen in Physik und einen in Chemie." Anekdote reiht sich an Anekdote, Legende an Legende, Klischee an Klischee ("In der DDR fuhren alle einen Trabant."), und es finden sich nur wenige Figuren - wie die spätmittelalterliche Poetin und Philosophin Christine de Pizan -, über die man mit Gewinn etwas erfährt.

Cromwells Sieg im englischen Bürgerkrieg wird mit der "Glorious Revolution" verwechselt

Hingegen häufen sich die Fehler und Halbwahrheiten: Ausgerechnet Isabella von Kastilien, die in ihrer spanischen Reichshälfte Juden und Mauren grausam verfolgen ließ, soll sich über die Blut- und Raffgier der überseeischen Eroberer "entsetzt" gezeigt haben. Oliver Cromwells Sieg im englischen Bürgerkrieg wird mit der "Glorious Revolution", die "Boston Tea Party" mit einer Abstinenzbewegung verwechselt.

Der unerwähnte Genozid an der armenischen Bevölkerung des Osmanischen Reiches wird zum türkischen "Befreiungskrieg gegen Armenien" verdreht. Und blindlings geglaubt wird dem Wegschauargument, wonach die Nazis ihre Vernichtungslager "meist im Wald versteckt" hätten. So bieder und betulich, wie dieses Buch daherkommt, fehlt ihm auch jedweder Aufklärungswert für die jungen Leserinnen. Viel ist zwar von Gender und Geschlecht die Rede, an keiner Stelle aber auch nur andeutungsweise von Sexualität - als hätte sie keine Geschichte.

© SZ vom 06.03.2018

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