Geschichte einer Ehe Daseinswach, geisteshell

Die Briefe Peter Suhrkamps und seiner Frau Annemarie Seidel von 1935 bis 1959 geben Einblick in die Verlagsgeschichte.

Von Erdmut Wizisla

Dass ein nie erschienenes Buch unangefochten durch Bibliotheksdatenbanken geistert, hätte der zuverlässige Peter Suhrkamp wohl mit einer wegwerfenden Handbewegung quittiert. Als "Briefe an Mirl" war 2009 ein Band mit etwa dreihundert Schreiben des Verlegers an seine Frau Annemarie Seidel angekündigt, ein Konvolut, um dessen Veröffentlichung der Suhrkamp-Verlag sich lange bemüht hatte. War schon die Überlieferung der Dokumente ein Glücksfall, so gelang dem Herausgeber Wolfgang Schopf im Mai 2009 eine Entdeckung, die es ermöglichte, Zerstreutes zusammenzutragen. Unter den Papieren ihrer Nachlassverwalterin fand er mehr als vierzig Briefe von Annemarie Seidel an ihren Mann aus der Zeit von April 1944 bis Februar 1945, die Peter Suhrkamp aufgrund einer Denunziation in Gestapo-Gefängnissen und den Konzentrationslagern Ravensbrück und Sachsenhausen verbringen musste. Plötzlich gab es - zumindest für diese Monate - einen echten Briefwechsel. Er ist das Herzstück dieses nun ganz anders erschienenen Buches, das die 2009 angekündigten "Briefe an Mirl" auf ewig zu einer lediglich virtuellen Existenz verdammt.

Annemarie Seidel arbeitete als Lektorin und Übersetzerin, etwa von T.S. Eliot und Truman Capote

Mirl, eine bayerische Variante zu Maria, ist der Name, mit dem die aus München stammende Schauspielerin Annemarie Seidel von all ihren Freunden genannt wurde. Es galt als Auszeichnung, zum "Mirl-Kreis" zu gehören, erzählte Carl Zuckmayer, der Anfang der Zwanzigerjahre mit ihr zusammengelebt hat. Peter Suhrkamp hat sie etwa 1918 kennengelernt, als Mirl die Rolle der Anna in Hanns Johsts Stück "Der Einsame" an den Münchner Kammerspielen übernommen hatte. Eine Konstellation: bei Johst, dem späteren Präsidenten der Reichsschrifttumskammer, traf Suhrkamp im Juli 1920 Brecht, der dreißig Jahre später einer der wichtigsten Autoren seines Verlages wurde und damals Verfasser des Stücks "Baal" war, eines Gegenentwurfs zu "Der Einsame".

"Es sitzt ein junger, dünnlippiger, kühl-ironisch blickender Herr herum", notierte Brecht im Tagebuch: "Suhrkamp, der, wie Johst sagt: sauber ist im Dichterischen." Dass Suhrkamp nicht nur einen seiner Klassiker der Moderne, sondern auch Annemarie Seidel bei Johst kennengelernt hat, erfährt man von Wolfgang Schopf, der diese Edition mit Sorgfalt und seltener Findigkeit erarbeitet hat.

Am 12. September 1935 heirateten Suhrkamp und Annemarie Seidel, es ist ihre zweite und seine vierte Ehe. Zuckmayer war entzückt von den Metamorphosen der beiden Jungvermählten: "Seit vierzehn Jahren!!", schreibt er über seine frühere Geliebte, "sah ich sie nicht so aufgeschlossen, lebendig, unverbohrt, unmystisch, daseinswach und geisteshell". Und auch bei ihm: "nichts von Mufflertum und Brödelei, - nichts vom faustischen Hilfslehrer und visionären Deichgräber. Klug, humorvoll, herzlich und mit allen möglichen Energien geladen."

Peter Suhrkamp, der Bauernsohn aus dem Oldenburgischen, arbeitete als Dramaturg und Regisseur in Darmstadt, Leiter der Freien Schulgemeinde Wickersdorf und Redakteur in Berlin, ehe er Ende 1932 Herausgeber der bei S. Fischer erscheinenden Neuen Rundschau wurde. Annemarie Seidel war die Schwester von Ina Seidel und die Nichte von Heinrich Seidel, der die Geschichten von "Leberecht Hühnchen" geschrieben und das Dach des Anhalter Bahnhofs konstruiert hat. Ihre Karriere gab sie gesundheitsbedingt auf und arbeitete forthin als Lektorin, gelegentliche Autorin und Übersetzerin, unter anderem von T. S. Eliot und Truman Capote ("Die Grasharfe", mit Friedrich Podszus).

Vor 125 Jahren, am 28. März 1891, wurde Peter Suhrkamp auf dem Land nahe Oldenburg geboren. Er starb 1959 in Frankfurt am Main, wenige Monate vor Annemarie Seidel, mit der er seit 1935 verheiratet war.

(Foto: Suhrkamp / DLA Marbach)

Im Dezember 1944 schickte Peter Suhrkamp Mirl ein Porträt aus Bruchstücken, das nichts von den Zermürbungen der Einzelhaft erkennen ließ: "Dein Spiel. Deine Verwandlungslust. Deine Entrücktheiten. Deine Zerstreutheiten. Deine Besessenheiten. Deine Ekstasen. Deine Nähe zu den Märchen. Deine Vertrautheit mit den ägyptischen Finsternissen und Plagen. Und mit dem Freund Hein. Und das lebendige Fluidum um all das, das Licht. Wie Kindheit, Eigensinn und Schweigsamkeit. Die Schwierigkeiten im Reflektieren. Intuition im Urteilen. Das Absolute der Gesinnungen. Das Nachtwandlerische in den elementaren menschlichen Beziehungen. Die Zartheit, das Rührende. Die Kleinheit, Unscheinbarkeit und die empfindliche Hoheit. Und in dem allen ist, bei Anfälligkeiten und labilen Momenten, eine bezwingende ursprüngliche Kraft, die Dich zeitweilig niederbricht, aber auch immer wieder aufstellt." Es ist der Wille, die Gefährtin aus ihrer Verzweiflung zu holen, der eine solche Liste möglich und notwendig machte. Ein Gespräch verwandter Seelen, die um die Fallhöhe von befreitem Ich bis zum Absturz wissen. Was Suhrkamp hier schreibt, verdankte sich seiner unbestechlichen Beobachtungsgabe, die nirgends schärfer war als da, wo es um ihn selbst ging.

Peter Suhrkamp, Freunde hatten das berichtet, hier ist es nun unmittelbar zu erfahren, bewegte sich stets zwischen Zweifeln am Tun, Einsamkeit, Menschenscheu und Todesnähe auf der einen, Lebensbejahung, Genuss und Lust an Begegnungen auf der anderen Seite - ein "Schmerzensmann", wie Schopf sagt, "ein Grandseigneur, der als möblierter Herr lebte" (Max Frisch). Hermann Hesse war der Ansicht, von den beiden "Lebenstemperaturen" habe am Ende "die passive und resignierende die Oberhand gewonnen". Die Briefe an Mirl legen viel von der anderen Seite offen: vom Pol "einer kühnen Aktivität, eines schöpferischen und erzieherischen Wirkenwollens".

Für ihn galt Gustav Mahlers Satz: "Ich kann nur arbeiten. Etwas anderes habe ich nicht gelernt."

Suhrkamps frühe Briefe sind geprägt von Leidenschaft, Anhänglichkeit und gelegentlich "patriarchalischer Besorgtheit", (Max Frisch): "ich liebe Dich . . . / Das sagt sich so leicht hin; die Art, wie's geschieht, ist gar nicht so leicht: eine regelrechte Revolution ist's; einschneidender als eine politische Revolution je sein kann", schreibt er im Brief vom 27. Mai 1935, mit dem das Buch beginnt. Wir wissen nicht, was Mirl in diesen Jahren antwortete, stellen es uns aber als Beitrag zu einem Zwiegespräch vor - mit einer Rollenverteilung, die sie als Umherschweifende und ihn als den Hausvater sah. Zunehmend füllt die Arbeit für die Zeitschrift und den Verlag die Seiten.

Über Suhrkamps Schreibtisch hätte Gustav Mahlers Satz stehen können: "Ich kann nur arbeiten. Etwas anderes habe ich nicht gelernt." Hier kümmerte sich einer Tag für Tag um sein Werk. Die Briefe bekommen gelegentlich etwas Rapportartiges, Strohtrockenes, was allerdings ihren Erkenntniswert für die Chronik der Verlage S. Fischer und des späteren von Suhrkamp ungemein erhöht. Suhrkamp gibt detailliert Einblick in das Tagesgeschäft. Er hat zuverlässige Mitarbeiter, aber die Fäden hält er in der Hand: vom ersten Autorengespräch über die Programmplanung, Vertragsverhandlungen, Lektorat, Herstellung, Buchhaltung, Vertrieb bis zur Werbung und Präsentation in der Öffentlichkeit. Suhrkamp schreibt Mirl, welche Texte er drucken wird und warum, sodass sich unterschwellig ein Gespür für die Unabhängigkeit seines literarischen Urteils einstellt. Er erzählt ihr von Begegnungen mit Autoren wie Hermann Hesse, Oskar Loerke, Rudolf Alexander Schröder, Hermann Kasack, Ernst Penzoldt, T. S. Eliot, Bertolt Brecht oder Max Frisch. Dieses Buch vermittelt eine Ahnung, warum Suhrkamp einer der großen Verleger des zwanzigsten Jahrhunderts war.

Leseprobe

Einen Auszug aus dem Buch Nun leb wohl! Und habs gut! stellt der Verlag hier zur Verfügung.

Und es macht Verlagsgeschichte als Kulturgeschichte lebendig. Die Vorgeschichte des Suhrkamp-Verlags bekommt ein neues Gesicht: die Übernahme der Verlagsleitung bei der Emigration der Familie Fischer, Suhrkamps hartnäckige Bemühungen, den Verlag durch den Naziterror zu steuern, 1942 die erzwungene Ersetzung des Namens S. Fischer durch den eigenen, die Suhrkamp, wie er an Penzoldt schrieb, "sehr gegen meinen persönlichen Geschmack und gegen mein Gefühl" ging, seine verzweifelt vergeblichen Versuche, aus der Haft Direktiven für die Verlagsarbeit zu geben. Suhrkamps Rolle in den Jahren 1933 bis 1945 wird noch manchen Anlass zu Untersuchungen geben.

Das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda wusste, dass es auf diesen Mann nicht bauen konnte, und listet Vorwürfe auf: die "starke Mitarbeit jüdischer Literaten", "Angriffe gegen den Führer und den Nationalsozialismus auch noch nach der Machtübernahme" und dass Suhrkamp "auch persönlich auf dem Boden einer jüdisch-marxistischen Weltanschauung steht". Beim Lesen der Briefe spürt man "die Verengung des Handlungsspielraums", sagt Schopf; "geistiger Abstand zum Nationalsozialismus und praktische Nähe zu seinen Organen gehen ständig miteinander einher."

Dass Peter Suhrkamp im NS-Staat auf einem schmalen Grat wandelte, ist offenkundig

Die Verhaftung zeigt, dass die Anpassung misslang, vielleicht nicht gründlich, denn immerhin konnte Suhrkamp den Verlag über die Zeit bringen, ohne dass man seiner Produktion Verrat vorwerfen könnte. Gespenstisch bleibt das Taktieren dennoch. Die Anthologie "Deutscher Geist" wurde 1940 offiziell als Lesebuch für die Ordensburgen der NSDAP anerkannt, womit der Verlag geschützt war. Es ist schon eine subtile Umdeutung der Geschichte, wenn der Klappentext zur Neuausgabe im Jahr 1953 behauptete, das Lesebuch sei 1940 "als Kundgebung gegen den Ungeist der Zeit begrüßt und angenommen" worden. Aber dass Peter Suhrkamp auf einem schmalen Grat wandelte, ist offenkundig.

Auch im Persönlichen. Unter den vielen Möglichkeiten, dieses Buch zu lesen, ist die Geschichte einer Ehe die vielleicht aufregendste. "Du bist mir ein einziger Kummer und eine einzige Zärtlichkeit", schreibt Mirl im Advent 1944 ins Gestapo-Gefängnis in der Lehrter Straße in Berlin. In dieser Zeit perfektioniert das Paar die Kunst, einander zu ermutigen, das ersehnte Gegenüber herbeizurufen, der Hoffnungslosigkeit zu begegnen. Das half. Aber es hat beiden zu viel abverlangt. Und so ist die Korrespondenz auch ein Dokument der Trennung und des Abschieds, den schon der Titel des Buches markiert. Ein Rückzug ins Schweigen und der Verzicht auf Deutung. "Ich aber erkannte dich nicht", heißt es in einem Gedicht, das der inhaftierte Peter Mirl 1944 zum Geburtstag schickte.

Peter Suhrkamp / Annemarie Seidel: "Nun leb wohl! Und hab's gut!" Briefe 1935 - 1959. Herausgegeben von Wolfgang Schopf. Suhrkamp Verlag, Berlin 2016. 847 Seiten, 48 Euro.