Süddeutsche Zeitung

Geschichte des Feminismus:Churchill und sein Badeschwamm

In "Große Reden großer Frauen" versammelt die Herausgeberin Anna Russell Zeugnisse des Feminismus von Frauenaktivistinnen und Politikerinnen der letzten 200 Jahre.

Von Susan Vahabzadeh

Nachdem das Parlament im kanadischen Manitoba 1914 das Frauenwahlrecht abgelehnt hatte, spielte die kanadische Suffragette Nellie McClung Parlament im Theater: Eine Frauenregierung empfängt eine Männerdelegation, die um Wahlrecht bittet, und wird höflich und voll beschützender Zuneigung abgeschmettert. Nette Männer wählen nicht. Um Himmels willen! Der Mann wurde für Höheres und Heiligeres geschaffen. Grölendes Gelächter für die echte Regierung.

Nellie McClungs Rede, die Ablehnung des Männerwahlrechts, die sie von einer Bühne herab sprach, steht in dem Jugendbuch "Wenn nicht ich, wer dann? Große Reden großer Frauen" der amerikanischen Journalistin Anna Russell. Sie hat darin allerhand historische Auftritte zusammengetragen, in oft recht stark gekürzten Reden und kleinen biografischen Texten, die ihnen vorangestellt sind, von Marie Curie bis zur pakistanischen Bildungsrechtlerin und Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai, von der Abolitionistin Fanny Wright bis zur britischen Abgeordneten Nancy Astor, die in den 1920er-Jahren für ihren Schlagabtausch mit Winston Churchill berüchtigt war. Als er einmal beklagte, er empfände ihren Einzug ins Parlament, als habe sie ihn im Bad überrascht, wo er nicht mal einen Schwamm zur Verteidigung habe, meinte sie, er sei nicht gut aussehend genug, um sich solche Sorgen zu machen. Die beiden blieben einander nichts schuldig - manche der Bonmots, mit denen er ihr witzig über den Mund fuhr, kursieren noch heute (Auf ihr "Wären Sie mein Mann, würde ich Ihren Drink vergiften" antwortete er: "Wäre ich Ihr Mann, würde ich ihn trinken".) Russell beklagt in ihrer Einleitung, dass jede Generation von Frauen ein Ritual wiederholt: Es gibt immer noch keine Gleichberechtigung, und die jungen Frauen werfen das den alten Frauen vor und wissen in Wirklichkeit nur sehr wenig über das, was diese schon erkämpft haben. Russell will also jungen Mädchen einen historischen Blick eröffnen, ein bisschen Feminismusgeschichte ans Herz legen: Man müsste manche Debatte nicht zum dritten Mal führen, würde manchen Holzweg meiden, gäbe es feminismusgeschichtliches Grundwissen. Russels Redensammlung will da ein Grundstein sein - sie stellt schon einmal das Personal vor, das den Kampf um Gleichberechtigung in den vergangenen zweihundert Jahren vorangetrieben hat. Schadet auch Jungen nicht, wenn sie von all diesen Damen schon einmal gehört haben. Es ist eine schöne Sammlung von Reden, die Russell zusammengestellt hat, einige Klassiker stehen da neben solchen, die es werden wollen.

Julia Gillard beispielsweise ist bei uns kaum bekannt - sie war von 2010 bis 2013 Premierministerin von Australien und war dort, man ahnt es, die erste Regierungschefin. 2012 trat sie vors Parlament und hielt eine ausgefeilte Rede, mit der sie dann im englischsprachigen Raum Schlagzeilen machte. Der Oppositionsführer hatte die Absetzung des Parlamentspräsidenten wegen schlüpfriger Textnachrichten verlangt. "Wenn er wissen will", sagte sie, "wie Frauenfeindlichkeit im modernen Australien aussieht, braucht er keinen Parlamentsantrag, er braucht nur einen Spiegel."

Es werden allerdings auch nach der Lektüre dieser Reden noch historische Lücken bleiben, die es bitte zu schließen gilt. Simone de Beauvoir wird nur im Anhang auf wenigen Zeilen verhandelt; und ausgerechnet Susan B. Anthony, die den Zusatz zur amerikanischen Verfassung formuliert hat, der den Frauen das Wahlrecht gab, hat gar nicht in dieses Buch gefunden. Aber das hat ja auch etwas ungeheuer Beruhigendes: Wenigstens passen die größten Heldinnen des Feminismus nicht alle in ein Buch. Es sind eben inzwischen doch ganz schön viele.

Anna Russell Große Reden großer Frauen. Aus dem Englischen von Tracy J. Evans u.a. Mit Illustrationen von Camila Pinheiro. Sieveking Verlag, München 2019. 176 Seiten, 22 Euro.

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SZ vom 28.06.2021
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