bedeckt München

Geschichte der Kinderliteratur:Das ist ja Friede

Cover für das Literatur Spezial

Jella Lepman: Die Kinderbuchbrücke. Kunstmann Verlag, München 2020. 280 Seiten, 25 Euro.

In "Die Kinderbuchbrücke" erzählt Jella Lepman, wie sie nach dem Krieg Kinderbücher aus der ganzen Welt sammelt und die Internationale Jugendbibliothek gründet.

Von Sybil Gräfin Schönfeldt

München lag im Sommer 1945 wie die meisten Großstädte in Deutschland in Schutt und Asche, und als ich zum ersten Mal Jella Lepman begegnete, sah ich sie in der Majorsuniform der Vereinigten Staaten im Trümmerstaub stehen, den der Wind durch die leeren, verlassenen Straßen fegte, ein Kinderbuch in der Hand. Sie war, als Jüdin, Emigrantin, Journalistin in London, im Herbst 1945 als "Special Advisor for Women's and Youth Affairs" ins US-Hauptquartier nach Bad Homburg geschickt worden. Sie hatte lange mit sich gekämpft, ob sie in das Land der Mörder auch ihrer Familie zurückkehren wollte, ihr Thema war die re-education. Die Sieger, vor allem diejenigen, die diese Rückerziehung im ganzen Land planen und finanzieren sollten, fragten sich mit Recht immer wieder: Wer waren diese Deutschen, die Besiegten? Alles noch Nazis? Und wenn sie es leugneten, wenn sie es vertuschten, wie konnte man sie entlarven, wem konnte man trauen?

So gehörte Jella Lepman zu denen, die in diesem Sommer 1945 im Jeep durch das Land reisten, um sich so gut zu informieren, wie es ging. Sie sah die Hungernden, die Ausgebombten, sah Kinder wie kleine Gespenster, die zwischen die Trümmer kletterten, um vielleicht noch etwas Verwendbares oder Essbares zu finden. Sie sah die Überlebenden aus Krieg, Folterkammern und Konzentrationslagern, sah die Freunde aus der Vorkriegszeit, und sie kam zu dem gleichen Schluss wie Erich Kästner, den Jella Lepman bald kennenlernen sollte: Vergiss die Erwachsenen, die eingefleischten Nazis kannst du nicht mehr ändern. Konzentriere dich auf die Kinder, auf die Zukunft.

Jella Lepman brauchte ein Haus für Kinder und Bücher

Jella Lepman hatte schon einmal über Bücher nachgedacht, über ihre Kraft, Brücken zwischen den Menschen zu schlagen. Die Bücher sollten nun Kinderbücher sein aus der ganzen Welt, in allen Sprachen, und es sollte ein Haus für all diese Bücher und Kinder geben. In "Die Kinderbuchbrücke", gerade wieder neu aufgelegt, hat sie aufgeschrieben, wie sie aus dieser Idee einen festen Plan machte und wie sie ihn verwirklichte. Und während sie berichtete, wie sie in einer Zeit ohne Internet und Handy, nur mit Telefon und selbst getippten Briefen diese Brücke zu bauen begann, wird die ganze Nachkriegszeit lebendig, in der unsere Welt den Atem angehalten hatte, alles möglich schien, weil vor allem bei den Kindern die Angst verschwunden war, weil sie ohne Zwang und Befehle in Freiheit leben konnten. Sie schrieb Briefe an alle westlichen Länder der Welt und bat um Kinderbücher, der fremden Sprachen wegen vor allem um Bilderbücher. Sie brauchte Geld und praktische Hilfe, und sie redete überall von ihrer Idee, begeisterte Generäle der Besatzungsmacht ebenso wie die Kollegen der Rundfunkanstalten und der Zeitungen und Zeitschriften, die wieder zu arbeiten begonnen hatten. Von allen Seiten strömten nun Bücherpakete aus der ganzen Welt herbei, und sie schaffte es tatsächlich, im Juli 1946 die erste große Ausstellung in München, im Haus der Deutschen Kunst, zu eröffnen. Die nächste in Stuttgart, die dritte auf speziellen Wunsch des Chefs der Militärregierung im Oktober in Frankfurt im Städel. Die letzte Ausstellung dieses Jahres fand in Berlin statt, und Jella Lepman beschrieb eine Szene, die ihr und sicher auch ihren Mitarbeitern immer wieder die Kraft gab, die Kinder nicht im Stich zu lassen: "Die schönste und kürzeste Rede hielt unwissentlich ein kleines Mädchen, als es am 6. Dezember 1946 vormittags die mit Santa Claus und seinem Rentierschlitten ausgemalte Treppenhalle zur Ausstellungseröffnung hinaufging. Plötzlich stand es still, atmete tief und sagte: 'Das ist ja Friede', und noch einmal: 'Das ist ja Friede'."

Und so ging es weiter. Jella Lepman brauchte ein Haus für Kinder und Bücher, einen Ort zum friedlichen Lesen, Spielen, Malen, Theaterspielen und Sprachunterricht. Und sie gründete in München die Internationale Jugendbibliothek in der Kaulbachstraße. Dazu 1953 - da waren schon Astrid Lindgren und Erich Kästner dabei - die IBBY (International Board on Books for Young People) aus der 1956 der Arbeitskreis für Jugendliteratur als westdeutsche Sektion hervorging. Er vergibt jährlich die Jugendbuchpreise.

Im ersten Jahr war die junge Bundesregierung der Stifter des Preises und der Bundespräsident Theodor Heuss hielt die Laudatio. Sie zeigte, wie es damals noch um die einheimische Jugendliteratur stand. Heuss schwärmte von seiner Karl-May-Lektüre. Als jedoch nach der Währungsreform die Verlage nicht mehr Papier bei den Besatzungskräften beantragen mussten, zeigte sich, dass Jella Lepman der künftigen Kinder- und Jugendliteratur eine Form gegeben hatte, die sie von den Literaturen aller anderen Länder unterschied. So konnten Verlage fortführen, was Jella Lepman begonnen hatte. So ist die deutsche Kinderliteratur von Anfang an international gewesen. Ihr Buch wünsche ich in die Hände aller, die Kinder und ihre Bücher lieben.

© SZ vom 13.10.2020
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema