Geschichte Der Eroberer

Der Autor Peter Heather wirft einen neuen Blick auf das "Zeitalter Justinians" - die Regentschaft Kaisers Justinian I. und seiner Frau Theodora.

Von Joachim Käppner

Man kann ihm noch immer ins Gesicht sehen, nach fast anderthalb Jahrtausenden. Ernst, die Brauen leicht zusammengezogen, blicken er und die Kaiserin Theodora hinunter auf die Besucher der Kirche San Vitale in Ravenna, wo die schönsten Mosaike der Spätantike erhalten sind. Kaiser und Kaiserin bringen Opfergaben zum Altar Gottes, der, wie sie glaubten, seine Hand schützend über sie hielt. Nur leicht idealisiert, ist er als der Herrscher zu erkennen, den der Chronist Malalas beschrieb: "Er war klein, mit breiter Brust, heller Haut, lockigem Haar, rundem Gesicht, gut aussehend, mit zurückweichendem Haaransatz, gerötetem Teint. Haar und Bart wurden bereits grau." Es ist Justinian I., Kaiser des wiedervereinten römischen Imperiums im 6. Jahrhundert.

In vielen Geschichtsbüchern, im Schulunterricht verschwindet die lange Epoche zwischen der Absetzung des letzten weströmischen Kaisers 476 durch den germanischen Warlord Odoaker und dem Sturm des Islam durch die Mittelmeerwelt ab 632 wie in einem schwarzen Loch. Aber der britische Historiker Peter Heather, einer der besten Kenner der Spätantike, nimmt den Leser mit auf eine Reise mitten hinein in die Abendblüte der antiken Kultur. In dieser Welt ist das Römische Imperium 476 nicht untergegangen, es lebt im Osten fort, im oströmischen Reich, das später das byzantinische genannt wurde und erst 1453 sein Ende fand. In der prachtvollen und von der stärksten Befestigungsanlage der Antike geschützten Metropole Konstantinopel regierte Kaiser Justinian von 527 bis 565, damals fast ein Menschenalter lang.

Heather zeigt präzise, wie römisches Denken und römische Staatsphilosophie sein Handeln und das seines immer noch beeindruckenden Staates - er umfasst 527 vom Balkan über Palästina bis Ägypten den gesamten östlichen Mittelmeerraum - bestimmten. Justinians Feldherren, vor allem Belisar aus Cäsarea, eroberten weite Teile des verlorenen Westens. Die Waffen Ostroms drehten das Rad der Zeit zurück, Rom und Karthago gehörten wieder zum Imperium Romanum.

All dem, so nahmen Generationen von Historikern an, habe ein Plan des Kaisers zugrundelegen, die Ideologie von der Wiederherstellung des Imperiums; Justinian erscheint als Romantiker einer verlorenen Welt. Seine Kriege aber hätten in einer bösen Paradoxie des Schicksals auch Ostrom beinahe zugrunde gerichtet, so dass es, als ein Jahrhundert später die Heere des Islam vor den Toren standen, alle Provinzen außer Kleinasien und Griechenland verlor.

Präzise, eher politikwissenschaftlich untersucht Heather das Handeln Ostroms

Peter Heather ist ein hervorragend schreibender Autor, der uns das ganze Drama dieser dem Untergang geweihten Welt der Spätantike nahebringt. So lagen im Frühsommer 533 vor der alten sizilischen Griechenstadt Taormina 600 Schiffe aus Ostrom, die einen Schlag gegen die Vandalen Nordafrikas führen sollen. Diese Invasion war aber, so Heather, gar nicht als erster Akt zur Rückeroberung des Westens gedacht - anders als sie meist verstanden wird. Ein solches Projekt schien im sechsten Regierungsjahr Justinians noch unmöglich zu sein. In Taormina erhielt der Feldherr Belisar die Nachricht, dass das Gros der gefürchteten vandalischen Flotte, die 468 eine gewaltige weströmische Expeditionsstreitmacht vernichtet hatte, nach Sardinien unterwegs war, um dort einen Aufstand niederzuschlagen. Belisar, im Besitz aller Vollmachten Justinians, erkannte sofort: Ein solcher Moment würde nie wiederkommen. Heather: "Erst jetzt und hier wurde Justinians Plan geboren, den gesamten römischen Westen anzugreifen." Das Vandalenreich zerbrach überraschend, und nun, wieder im Besitz der reichen afrikanischen Provinzen, war die oströmische Position eine ganz andere. Nun rückten die Ostgoten Italiens ins Visier - doch diesmal sollte der Krieg nicht Wochen, sondern Jahrzehnte dauern.

Präzise, eher politikwissenschaftlich untersucht Heather das Handeln Ostroms. Am Vorabend des durch den Historiker und Augenzeugen Prokop so lebendig überlieferten Vandalenkrieges stand die Legitimität des jungen Kaisers auf tönernen Füßen. Seine Bemühungen, die Reichskirche zu einen, waren gescheitert, ein Feldzug gegen die persische Großmacht 531 zum Desaster geraten. Und Anfang 532 hatte Justinian eine Erhebung der politischen Parteien, den Nikaaufstand, durch Belisars Eliteeinheiten in Strömen von Blut ertränken lassen: "Im Frühjahr 532 war Justinians Regime verzweifelt auf der Suche nach einem politischen Erfolg", schreibt Heather, "und diesen sollte ihm eine militärische Intervention in Nordafrika bescheren."

Eine gewonnene Schlacht, Tributzahlungen aus Karthago - derlei war das Ziel des innenpolitisch motivierten Angriffs, der zum größten römischen Triumph seit Menschengedenken wurde. Dass die Vandalen, die der Kaiser unter einem Vorwand attackieren ließ und die fast ein Jahrhundert lang als unbesiegbar gegolten hatten, so schnell kollabieren würden, damit hatten Ostroms Strategen kaum gerechnet.

Peter Heather ist so etwas wie der Intimfeind der historischen Cultural Turn-Theoretiker, die durch seinen Einspruch erheblich an modernistischem Glanz verloren haben. Und so ist auch dieses Buch zu lesen. Die Idee der Kulturwende geht von dem an sich sinnvollen Gedanken aus, unsere Rezeption der Antike sei zu sehr von der Perspektive ihrer Hochkulturen geprägt. Die Römer verfügten über Schrift, Recht, Literatur, ihr Blick dominiert unser Bild jener Völker, die aus ihrer Sicht Barbaren waren, der Germanen, Kelten, Numider, sogar der Perser, deren Reich und Zivilisation jener Roms wenig nachstanden. Die Kulturwende-Vertreter empfinden Unterscheidungen zwischen Hochkulturen und anderen an sich als diskriminierend. Es sei allerdings, wie Heather oder Bryan Ward-Perkins argumentieren, ein kolossales Missverständnis, etwa den Kollaps Westroms im fünften Jahrhundert auf eine Art Diversity-Ereignis zu reduzieren. Nicht die Unterdrückten erhielten damals endlich eine Stimme, vielmehr starb eine Welt, oft genug in Flammen, Zerstörung und Tod.

Heather führt Justinians Politik auf das Grundprinzip der römischen Kaiserzeit zurück. Im Selbstverständnis der Römer waren sie dank ihrer gesellschaftlichen Institutionen den Barbaren grenzenlos überlegen. Es war Roms Aufgabe, die Welt zu ordnen: "Das erklärt auch, wie die Römer zur Überzeugung gelangen konnten, das Göttliche habe ein einzigartiges Interesse an ihrem Staat und seinem Schicksal."

Das toxische Vermächtnis des Eroberers der Völker: ein Teufelskreis neuer Kriege

Ging es diesem Staat gut, genoss er göttliche Unterstützung. Litt er unter Seuchen, Krisen, fremden Eroberern, dann versagte der eine christliche Gott seine Gunst: "Der allmächtige Gott konnte kein deutlicheres Zeichen seiner Gunst senden als einen kolossalen militärischen Sieg über die den Römern innerhalb der göttlichen Schöpfungsordnung per definitionem untergeordneten Barbaren." Das war die Herrschaftsideologie, die Justinians Kriege befeuerte.

Als er 565 starb, blieb die Gunst des Himmels bald aus. Das vergrößerte Reich litt unter einem klassischen imperial overstretch, die Pest, die Kriegssteuern und ein mörderischer Einfall der Perser 540 hatten die Finanzen erschöpft. Am schlimmsten wirkte sich aus, dass Ostroms Armee - die Heather entgegen alter Vorurteile nicht als Söldnerhaufen, sondern als hochdisziplinierte, effektive Truppe beschreibt, ohne die das Teilreich schon früh das Schicksal des Westens geteilt hätte - in Ost und West zu gefordert war, um auch noch die Donaugrenze zu bewachen. Hier begann, in einer nächsten Welle der Völkerwanderung, die Invasion slawischer Stämme, die bald fast den gesamten Balkan beherrschten. Erstmals gingen oströmische Provinzen dauerhaft verloren und auch ihre antike Kultur.

Dennoch kommt Heather zu einem überraschenden Schluss: Trotz aller Verluste, aller Toten, aller Verwüstungen stand das Imperium bei Justinians Tod noch immer sehr gut da, wie die Archäologen belegen, auf hohem Wohlstandsniveau in den verschont gebliebenen Kernprovinzen. "Justinians Politik", schreibt er in kühner Herausforderung der geltenden Historikerlehre, "unterminierte nicht die allgemeine strategische Sicherheit des gesamten Imperiums." Sie markiere nicht zwangsläufig den Anfang vom Ende. Als "Eroberer von Völkern" jedoch habe er seinen Nachfolgern ein "toxisches Vermächtnis" hinterlassen. Sie, die nun hätten aufbauen und die Grenzen sichern müssen, hatten wie er "den militärischen Sieg als ultimativen Garanten der göttlichen Legitimität eines Kaisers" zu suchen. So habe "der fünfzigjährige Teufelskreis" neuer Kriege gegen die Perser und die Slawen begonnen, an denen das Reich fast zerbrochen wäre. Als dann die Araber in die Mittelmeerwelt einfielen, war es gerade noch stark genug, um sein Überleben zu sichern.

Peter Heather: Die letzte Blüte Roms. Das Zeitalter Justinians. Aus dem Englischen von Cornelius Hartz. Wbg Theiss, Darmstadt 2019. 448 Seiten, 35 Euro.