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Geschenke in letzter Minute:Ständig drohen Katastrophen

Julia Franck (Schriftstellerin): Von vielen unbemerkt starb in diesem Jahr die von mir tief verehrte Schriftstellerin Ágota Kristóf. Ihre Poetologie ist die der genauen Wahrnehmung und knappen Beschreibung äußerer Ereignisse, unerbittlich eröffnet ihr Blick unseren ins Innere, hinein in die Abgründe des Menschen entlang europäischer Kriege und Grenzen. Ihr zentrales Werk, die Trilogie um "Das große Heft"(20. Aufl., Piper, 2010), legt die Nerven blank, es öffnet den Zugang zu Schrecken, Ekel und Schmerz, doch rührt es ebenso an unsere Fähigkeit zu Liebe und Freiheit.

Geschenke Tipps: Peter Handke Literatur Geschenke Tipps

Für den österreichischen Schriftsteller Peter Handke ist "Bostjans Flug" von Florjan Lipu das Buch des Jahres.

(Foto: dpa)

Luca Giuliani (Archäologe und Rektor des Wissenschaftskollegs in Berlin):

Im Zentrum des hinreißenden neuen Buches "The Swerve: How the World Became Modern" (Norton, 2011) von Stephen Greenblatt steht ein alter, schwieriger, sehr jung gebliebener Text: das Lehrgedicht des Lukrez über die Natur der Dinge; darin beschreibt Lukrez eine Welt ohne Götter, die nur aus Atomen besteht, in der ständig Katastrophen drohen - und worin der Mensch doch nicht dazu verurteilt ist, unglücklich zu sein. Greenblatt schildert das Milieu der römischen Republik, in dem das Gedicht seine ersten Leser fand; er erzählt, wie der Text verloren ging, vor 600 Jahren in einer einzigen Handschrift wiedergefunden wurde und eine neue Wirkung entfaltete - bis hin zu diesem Buch. So schreibt Greenblatt über Lukrez und gleichzeitig über sich selbst als dessen Leser. Mit ihm erfahren wir die zeitüberdauernde Kraft eines großen Gedichts, das eine zutiefst pessimistische Weltanschauung verkündet und dennoch zum irdischen Lebensglück anleitet.

Friedrich Wilhelm Graf (Theologe):

Wer Europa will, muss Jürgen Habermas' Essay "Zur Verfassung Europas" (Suhrkamp, 2011) lesen. Gewiss, die Kritik an dem "postdemokratischen Exekutivföderalismus" von "Merkozy" ist übertrieben. Aber wer die weitere Regression Europas in nationalstaatlichen Partikularismus verhindern möchte, findet hier Spannendes. Eine entscheidende Frage bleibt: Wie bildet sich eine europaweite demokratische Öffentlichkeit?

Peter Handke (Schriftsteller und Übersetzer):

"Bostjans Flug" von Florjan Lipus (Wieser Verlag, 2005), eine Geschichte vom Lichte, Bitternis, Verlassenheit, Wut - eine Gegengeschichte nicht nur zur Kärntner slowenischen Geschichte, keine "Buchhändler"-Literatur, wie Michael Krüger, der es ja wissen muss, das einmal genannt hat, kein Buchpreisbuch, nichts Leserfreundliches, sondern im Gegenteil, schlicht ein Sprachwerk sondergleichen, etwas zum Lesen, wie "Als ich im Sterben lag" von William Faulkner, wie "Der Llano in Flammen" von Juan Rulfo, wie die Bücher von Elio Vittorini und Ivo Andric und Inoue - statt internationaler Ideal-Standard-Literatur: Weltliteratur!

Elke Heidenreich (Schriftstellerin, Literaturkritikerin und Moderatorin):

Für Catalin Dorian Florescus Roman "Jacob beschließt zu lieben" (C.H. Beck 2011) gab es im deutschen Feuilleton (außer von mir) nur mäkelige Kritiken. Umso schöner, dass der in der Schweiz lebende gebürtige Rumäne dafür jetzt den Schweizer Buchpreis bekam. Der Roman reicht vom Dreißigjährigen Krieg bis in die Neuzeit und wirkt auf mich wie ein Bild von Breughel: grausames, pralles Leben, und in der Mitte leuchtet warm Hoffnung. Der liebende Jacob bleibt in einem irrsinnigen Jahrhundert voller Kriege und Brutalität einfach ein Mensch.

Hans Joas (Soziologe und Sozialphilosoph):

Eine Weltgeschichte der Religion in ihren frühen Phasen: Das ist das Thema des Buches "Religion in Human Evolution. From the Paleolithic to the Axial Age" (Harvard University Press, 2011), mit dem der weltberühmte Religionssoziologe Robert N. Bellah sein Lebenswerk krönt. Gegen eine biologisch argumentierende Religionskritik und gegen allen westlichen Triumphalismus wird hier dargestellt, wie Religion als Komplex menschlicher Erfahrungen, Symbole, Rituale und Mythen sich entwickelte und im antiken Judentum, Griechenland, Indien und China die Traditionen hervorbrachte, aus denen wir auch heute noch schöpfen.

Wolfgang Kemp (Kunsthistoriker):

Die Ephrussis, erst Kornhändler in Odessa, dann Bankiers und Finanziers in Paris und Wien: eine der jüdischen Familien, die es zu Weltgeltung gebracht haben - gleich nach den Rothschilds, sagte man. Edmund de Waal, über seine Mutter ein Ephrussi, schreibt in "Der Hase mit den Bernsteinaugen. Das verborgene Erbe der Familie Ephrussi" (Zsolnay, 2011) die Geschichte dieser Familie anhand der Wanderungen einer Sammlung von Netsuke (sprich: Netske), diesen kleinen japanischen Figuren aus Elfenbein oder hartem Holz, Menschen oder Tiere zeigend - darunter auch der Hase mit den Bernsteinaugen, der im Titel steht. Wie diese mehr als 200 Objekte herumkamen, von Japan nach Paris nach Wien nach Japan nach London, das ist höchst ereignisreich, ja unglaublich. Sie entgingen sogar den Nazis. Alles musste erforscht werden, denn anders als die Netsuke entkamen die meisten Familiendokumente und Sammlungen dem Jahr 1938 in Wien nicht. Aber der Autor macht aus seinen Funden und aus seinem fortgesetzten Erkundungsgang durch 150 Jahre und zwei Kontinente eine höchst anregende und lehrreiche Erzählung.

Georg Klein (Schriftsteller):

Das ist ein starkes Stück: Anke Feuchtenbergers "Grano Blu" (Edizione Canicola, 2011) geht als offensichtliches Fragment einem erst kommenden Buch voraus! Unvollendet erzählt es in großen Bildern und strengen Sätzen davon, wie seltsam es uns anmutet, als die einzigen Tiere dieses Planeten im Bewusstsein der eigenen Zukünftigkeit zu leben.