Ein Buch, das bereits im Klappentext viermal das Wort „Orient“ gebraucht, ist womöglich nicht der aktuellste Beitrag zur Kolonialismusdebatte. Oder doch? Als Gertrude Bell, britische Imperialistin, todesverachtende Reisende, Archäologin, Agentin, vor allem aber, wie es so oft heißt, „Erfinderin“ des modernen Irak, den Titel einer „Orientsekretärin“ erhielt, war dies noch eine durchaus anerkennend gemeinte Funktion, zumal für eine Frau.
Die Nachwelt aber sah Bell lange im Schatten ihres Freundes T. E. Lawrence, eben jener „von Arabien“, der es durch die Veröffentlichung seiner Autobiografie und gelungene Selbstvermarktung viel früher zu Ruhm und Hollywood-Verklärung gebracht hatte. Erst als Werner Herzog vor ein paar Jahren sein leider katastrophal misslungenes Bell-Biopic „Königin der Wüste“ mit Nicole Kidman als tragischer Gertrude besetzte, trat das Star-Potenzial von „Miss Bell“ zutage.
Mit dem französischen Bestseller-Autor Olivier Guez widmet sich nun jemand dem Leben der nahost-begeisterten Engländerin, dem kein Schicksal zu abgründig, keine Figur zu monströs ist. Guez’ Roman „Das Verschwinden des Josef Mengele“ über die Flucht des KZ-Arztes nach Lateinamerika verband obsessive Recherche mit zugänglicher Präsentation und wurde zum weltweiten Bestseller. Kirill Serebrennikows Verfilmung mit August Diehl läuft gerade in den Kinos.
Das Privatleben von Miss Bell ist eine Tragödie
Guez’ neues Buch führt tiefer in die Vergangenheit und zugleich schmerzhafter in die Gegenwart. In kühnen, manchmal etwas willkürlichen zeitlichen Sprüngen erzählt er von der Tochter eines schwerreichen Industriellen, geboren 1868 im englischen Durham, die in einem Reich heranwuchs, dessen imperialer Überschwang keine Grenzen kannte. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts herrscht England über ein Viertel der Erde und ein Drittel der Menschheit. Die kleine Gertrude muss in die Weltkarte über ihrem Bett immer neue Eroberungen einzeichnen, Birma und Belutschistan, Teile Afghanistans, Ägyptens und sogar Chinas.
Daneben steht das Bild ihrer Mutter, die sie früh verlor, eine der vielen Wunden, die Bell erlitt. Das Privatleben von Miss Bell ist eine Tragödie, auch das wird in Guez’ Buch deutlich. Ihre erste Liebe, der spielsüchtige Henry Cadogan, ertrinkt in einem Fluss. Ihre wahrscheinlich letzte, der verheiratete Major Doughty-Wylie, fällt in der Schlacht von Gallipoli. Nach jedem persönlichen Desaster sucht Bell Trost in der Ferne, bricht auf zu neuen Taten im Dienste des Empire. Man fragt sich, wie der Nahe Osten aussehen würde, hätte diese hochbegabte, hochfahrende, viktorianisch verklemmte Frau ein wenig private Erfüllung gefunden.
Aber natürlich wird die Gleichung Sex statt Geopolitik weder Bell noch ihrer Zeit gerecht. Gertrude Bell, das macht Guez bitter deutlich, hat dem englischen Expansionismus im Nahen Osten mindestens so sehr ihren Stempel aufgedrückt, wie sie selbst ein Geschöpf des imperialen Messianismus war. Sie, die sich in Oxford als eine der ersten Studentinnen mit dem Rücken zum Dozenten setzen musste, um diesen nicht durch ihre Blicke aus dem Konzept zu bringen, die Persisch, Türkisch und natürlich Arabisch beherrschte, akzeptierte weder die Grenzen einer zutiefst frauenfeindlichen Gesellschaft für ihre eigene Entfaltung noch Hindernisse auf dem Weg zur zivilisatorischen Bestimmung ihres Landes. Selbstberauscht schrieb sie an ihre Familie: „Wir sind ein wirklich bemerkenswertes Volk. Wir bewahren unterdrückte Nationen vor der Zerstörung, wir setzten uns großzügig für sie ein, verbessern mühsam ihre hygienischen Lebensbedingungen.“
Innerhalb von Tagen werden ganze Staaten aus dem Boden gestampft
Ihre lebensgefährlichen Expeditionen, ihre Weltreisen streift Guez nur am Rande. Er konzentriert sich auf Bells Ringen um Mesopotamien, den heutigen Irak, der die Krönung ihres Schaffens sein sollte. 1917 eroberten es die Briten nach 400 Jahren osmanischer Herrschaft, für Bell „ein prometheisches, heiliges Erlösungsvorhaben, die Apotheose des imperialen Projektes“, so Guez. In einem Brief an ihren Vater schreibt Bell aus Bagdad: „Ich liebe dieses Land, niemand kennt es so gut wie ich, und meine Hand gestaltet seine Zukunft.“
Spätestens da hat man allerdings ein paar Fragen, und zwar nicht nur an Bell, sondern auch an den Autor. Gewiss, Olivier Guez beschreibt die Resteverwertung des Osmanischen Reiches nach dem Ersten Weltkrieg als diplomatische Kammerspiele auf höchstem Intrigen-Niveau. Auf Konferenzen in Paris und Kairo belauern sich Frankreich und England, schachern um Städte, Straßen und ein paar Millionen Menschen, während Winston Churchill in Kairo Sitzungen schwänzt, um Bilder der Pyramiden zu malen.

Innerhalb von Tagen werden so ganze Staaten aus dem Boden gestampft, eine „neue Welt“, wie Bell jubelt. Ihr Meisterstück ist die Schaffung des Irak. Als „Orientsekretärin“ des Politischen Kommissars Sir Percy Cox, der das britische Mandatsgebiet leitet, setzt sie durch, dass die einst osmanischen Provinzen um das sunnitische Bagdad, das kurdische Mossul und das schiitische Basra zusammengefügt werden. Sie bringt mit dem Haschemiten-Sprössling Faisal sogar einen König ihrer Wahl an die Macht, der als Sunnit über ein mehrheitlich schiitisches Land herrschen soll, in dem er nie zuvor war. Nimmt man alles zusammen, hatte sie in wenigen Tagen den Grundstein für Verheerungen bis in die Gegenwart gelegt.
Das alles beschreibt Guez aufs Süffigste, lässt keinen Zweifel daran, dass die Araber entgegen aller Versprechen um die Selbstbestimmung betrogen wurden. Und immer hat er genug Zeit für hübsche Details wie die Pläne des deutschen Kaisers vor dem Ersten Weltkrieg für einen deutschen „Dschihad“, die Mobilisierung der muslimischen Massen, um das sieche osmanische Reich ins Wanken zu bringen und die britische Herrschaft in Indien hinwegzufegen. Dafür ließ er sogar das Gerücht in die Welt setzen, er sei zum Islam übergetreten.
Die Parallelen zur Gegenwart springen einen geradezu an
Die Preußen scheiterten mit ihren Aufstandshoffnungen, so wie vor ein paar Wochen die Aufstandshoffnungen Israels und der USA in Iran scheiterten. Und das ist nur eine der vielen Parallelen, die einen beim Lesen geradezu anspringen. Vieles, was den Nahen Osten zu einer so gewalttätigen, so leidenden Weltgegend macht – der Gegensatz zwischen Israel und Palästina, die ewige Konkurrenz von Islamismus und Militärherrschaft, der Aufstieg Irans – verdankt sich der Arroganz von Bell und ihren Mitimperialisten.
Umso erstaunlicher ist, dass die Nahost-Politik der Gegenwart trotz nachgewiesener Unbrauchbarkeit mit praktisch denselben Methoden wie damals operiert: die Idee der Marionetten-Regime, der Verrat von Volks- oder Religionsgruppen, die Gier nach Öl. Noch in den Heilsversprechen der US-Neocons nach dem Sturz Saddams hallte Bells Euphorie über die Schaffung einer neuen Welt nach. So wie die Engländerin wurden auch die Amerikaner von der Revolte der vermeintlich Beglückten kalt erwischt.
Was also wusste Bell wirklich von Millionen Arabern, die sie betrachtete wie Kinder und denen sie jedes Recht auf Selbstbestimmung absprach? War ihre angeblich so große Liebe zum Nahen Osten nicht eher eine oberflächliche Begeisterung für „Exotik“ und Folklore? Und wie viel Abstand hat der Autor? Wenn Guez eine Welt kolonialer Herrlichkeit mit Wäldern voller duftender Zypressen, rumpelnden Ochsenwagen und „fröhlich dreinblickenden Hirten“ beschreibt, dann ist dies eine literarische Beschwörung eines „Orients“, die 50 Jahre nach Edward Said, milde ausgedrückt, doch befremdet.
Einmal vergleicht er seine Heldin mit den Beduinen, schließlich seien beide, die Engländerin und die Nomaden, gleichermaßen „unzugänglich, romantisch, rebellisch und konservativ“. Das ist nicht nur Unsinn, es ist eine Projektion. Auf über 400 Seiten gibt es nicht eine arabische oder persische Figur, sei es Mann oder Frau, die Bell wirklich nahekommt, es gibt überhaupt keine arabische Perspektive, abgesehen von ein paar Würdenträgern. Guez’ Buch erzählt ein Kapitel Kolonialgeschichte aus der Sicht der Kolonisatoren, nur dass eine von ihnen eine Frau war.
Gertrude Bell selbst sah sich übrigens nie als Frauenrechtlerin. Das Wahlrecht für Frauen lehnte sie ab. Womöglich war die Verachtung ihres Geschlechts ihr größter historischer Irrtum.

