100. Geburtstag des Schriftstellers Gert Ledig:Schwarzer Spiegel

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100. Geburtstag des Schriftstellers Gert Ledig: "Die Mutter an der Mauer schrie nicht. Sie hatte keine Zeit dazu. Hier war kein Spielplatz für Kinder. Neben der Mutter stand eine Frau und brannte wie eine Fackel. Sie schrie." - Cover von "Vergeltung", des einzigen derzeit lieferbaren frühen Romans von Gert Ledig.

"Die Mutter an der Mauer schrie nicht. Sie hatte keine Zeit dazu. Hier war kein Spielplatz für Kinder. Neben der Mutter stand eine Frau und brannte wie eine Fackel. Sie schrie." - Cover von "Vergeltung", des einzigen derzeit lieferbaren frühen Romans von Gert Ledig.

(Foto: Suhrkamp)

Er erinnerte die junge Bundesrepublik an die Schrecken des Krieges. Vor 100 Jahren wurde der Schriftsteller Gert Ledig geboren.

Von Nicolas Freund

Gert Ledig veröffentlichte in den Fünfzigerjahren kurz nacheinander drei Romane - 1955 "Die Stalinorgel", 1956 "Vergeltung" und 1957 "Faustrecht" - mit denen er sich in die erste Reihe der deutschen Nachkriegsliteratur bugsierte. Geboren war er 1921 in Leipzig, aufgewachsen in Wien, 1939 meldete er sich mit 18 Jahren und gerade erst abgeschlossener Elektrotechniker-Ausbildung zur Wehrmacht. Er kämpfte in der Schlacht um Leningrad, wurde wegen "Hetzrede" in eine Strafkompanie versetzt und schwer verwundet zurück nach Deutschland geschickt. Als Schiffsbauingenieur war er dort für Zulieferbetriebe der Marine in Bayern zuständig und erlebte in dieser Zeit mehrere Luftangriffe, unter anderem auf München.

Diese Ausnahmeerfahrungen, die damals nicht ungewöhnlich waren, wurden das Thema seiner Romane, die ihm viel Lob und ebenso viel Kritik einbrachten. In kühlen, knappen Sätzen erzählt Ledig aus Dutzenden Perspektiven von der Gewalt des Krieges, in der "Stalinorgel" von der Ostfront, in "Vergeltung" vom Luftangriff auf eine deutsche Großstadt. "In der Luft dröhnten plötzlich Motoren. Ein Pfeilregen von Magnesiumstäben bohrte sich zischend in den Asphalt. In der nächsten Sekunde platzten sie auseinander. Wo eben noch Asphalt war, prasselten Flammen. Der Handwagen wurde von der Luftwelle umgeworfen. Die Deichsel flog in den Himmel, aus einer Decke entrollte sich ein Kind. Die Mutter an der Mauer schrie nicht. Sie hatte keine Zeit dazu. Hier war kein Spielplatz für Kinder. Neben der Mutter stand eine Frau und brannte wie eine Fackel. Sie schrie. Die Mutter blickte sie hilflos an, dann schrumpfte sie zusammen. Eine Explosionswelle barst an der Friedhofsmauer entlang, und in diesem Augenblick brannte auch die Straße. Der Asphalt, die Steine, die Luft. Das geschah am Friedhof."

Wegen einer Kriegsverletzung konnte er nie selbst aus seinen Werken lesen

"Die Stalinorgel" wurde von Siegfried Lenz gelobt, und die Kritik wollte gleich eines der besten Bücher ausgemacht haben, das "je über den Krieg geschrieben wurde". Es folgten Übersetzungen in mehr als ein Dutzend Sprachen. Der Journalist und Kritiker Volker Hage schrieb, der Roman sei "in der deutschen Nachkriegsliteratur ohne Beispiel". Nur zu eben jener Nachkriegsliteratur fand Ledig trotz dieser Erfolge keinen richtigen Zugang. Wegen einer Kriegsverletzung konnte er nie selbst aus seinen Werken lesen, bei einem Auftritt vor der Gruppe 47 vertrat ihn der Lyriker Günter Eich. Und die Kritik blieb nicht so wohlwollend.

Schon beim zweiten Roman "Vergeltung", aus dem das obige Zitat stammt, ging er nach Meinung vieler zu weit, "makabre Schreckensmalerei" gehörte noch zu den höflicheren Urteilen. Heute kann man gar nicht anders, als in dieser Ablehnung denselben Verdrängungsmechanismus zu erkennen, der die Aufarbeitung der Verbrechen und Schrecken des Krieges oft noch immer verhindert.

Ledig zog sich bald zurück, interessierte sich kurz für den Kommunismus und arbeitete dann, von der DDR enttäuscht, im Westen als Rundfunkjournalist und Technikautor. Ende der Neunziger entdeckte Volker Hage den in Vergessenheit geratenen Ledig neu, es folgten Wiederauflagen und wesentlich wohlwollendere Kritiken. Neues gab es nicht mehr. 1999 starb Ledig. 2019 erschien aus dem Nachlass ein Entwurf, "Die Kanonen von Korčula", in dem sich die Kraft der frühen Romane aber nur noch erahnen lässt.

Den Wahnsinn hat keiner alleine entfacht, und doch finden sich alle einzeln in ihm wieder

Deren knapper, zugleich eindringlicher und bescheidener Stil war es, der Ledigs Aufstieg und Fall zugrunde lag. Was ihm als Zynismus vorgeworfen wurde, als Horrorshow, ist keine Effekthascherei. Ledig macht einfache Aussagen, er zeigt Bilder, die wirken, ohne dass noch viel gesagt werden muss. Brennende Menschen muss man nicht erklären.

Rechtsradikale versuchen heute regelmäßig, die Bombardierungen deutscher Städte durch die Alliierten zu einem Opfermythos umzudeuten. Man möchte ihnen "Vergeltung" schenken, denn dem Roman ist jeder Nationalismus fremd. Ledig ging es nicht um die Darstellung von Gewalt und Tod, um Helden und Opfer. Davon musste man nicht mehr erzählen. Es ging ihm auch nicht um "die Deutschen". Es ging ihm um die Menschen in den Feuerstürmen, egal ob sie Frauen, Kinder, Soldaten oder Pfarrer waren, Schwarze oder Weiße, Amerikaner oder Deutsche.

All ihre Perspektiven nimmt die Erzählung in "Vergeltung" ein, und indem alle zu Wort kommen, verwischen sich die Fronten, denn den Wahnsinn hat keiner von ihnen alleine entfacht, und doch finden sich alle einzeln in ihm wieder. Der Roman erzählt von Menschen, die vernichtet werden. Ob bei einem Luftangriff oder auf andere Art, ist dabei nicht entscheidend.

"Vergeltung" ist noch in einer kommentierten Ausgabe bei Suhrkamp erhältlich, "Die Stalinorgel" und "Faustrecht" gibt es derzeit bloß antiquarisch. Die englischen, französischen und spanischen Übersetzungen sind lieferbar. Am 4. November wäre Gert Ledig 100 Jahre alt geworden.

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