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Nachruf auf Gerry Marsden:Liverpooler Lokalgröße

Sänger Gerry Marsden gestorben; Sänger Gerry Marsden gestorben

Er fuhr einen Lastwagen und traute sich lange nicht, den Job aufzugeben: der Sänger Gerry Marsden.

(Foto: Dave Thompson/dpa)

Mit "You'll Never Walk Alone" schuf er eine Fußball-Hymne, seiner Heimat Liverpool blieb er ewig verbunden. Zum Tode des britischen Sängers Gerry Marsden.

Von Willi Winkler

Nicht die Beatles, sondern Gerry & the Pacemakers sind die Band, die in Liverpool weltberühmt ist. Vor jedem Heimspiel des Liverpool FC an der Anfield Road kommt ihr Hit "You'll Never Walk Alone" über die Lautsprecher, und aus dem roten Meer aus Schals und Mützen, röter als jede kulturrevolutionäre Peking-Oper, steigt das Lied tausendfach mitgegrölt zum Himmel, und wer da nicht mitgeht, hat kein Herz und von Fußball keine Ahnung. Im vergangenen Frühjahr, zu Beginn der ersten Corona-Welle, wurde das fast sechzig Jahre alte Lied, gesungen von Gerry Marsden, wieder zur Hymne der Saison.

Wie schon sein Vater schuftete Marsden am Bahnhof in Liverpool, er fuhr einen Lastwagen und traute sich lange nicht, den Job aufzugeben. Mit seinem Bruder Fred und zwei Freunden bildete er eine Band, die zuerst Mars Bars heißen sollte, weil sie allen Ernstes glaubten, damit vom Hersteller der Mars-Riegel gesponsert zu werden.

Ein Song zu Ehren von 1989 im Hillsborough Stadium zu Tode gequetschten Fans

Sie hatten trotzdem Glück: Wie die Beatles wurden sie vom Nachtleben in Hamburg angesaugt, spielten im Top Ten, später auch im Star Club, spielten wie die Beatles die Nächte durch, prügelten sich mit Seeleuten und Kellnern und spazierten mit großen Augen durch die Herbertstraße.

Die Beatles rauschten bald davon in die Weltkarriere, nahmen LSD, experimentierten mit der Sitar und indischer Seinsvergessenheit. Mit "Ferry Cross the Mersey" war die Karriere der Pacemakers auch schon wieder zu Ende, aber eine weitere Lokalhymne geboren. Als 1989 im Hillsborough Stadium in Sheffield 95 Liverpool-Fans zu Tode gequetscht wurden, nahm Marsden das alte Lied zusammen mit Paul McCartney noch einmal zu Ehren der Opfer auf.

Nachdem sich die Pacemakers Anfang 1967 aufgelöst hatten, arbeitete Marsden im Fernsehen, wirkte in Musicals mit und ging immer wieder in neuen Formationen auf Tournee. Er blieb die Lokalgröße, kam mit einer einzigen Ehefrau aus, nahm dabei zu an Alter und Liverpooler Röte, konnte sich aber seine einmalige Stimme fast bis zuletzt bewahren.

Wenn also Farbe ins Spiel kommt, wenn aus dem wintertrüben Schwarz-Weiß wieder buntes Leben werden soll, braucht es die Inbrunst von "You'll Never Walk Alone" mit seiner Gewissheit, dass sich wie in Liverpool alles zum Guten wendet. Am Sonntag ist Gerry Marsden, der verdiente Sänger des Volkes, 78-jährig auf der Merseyside gestorben.

© SZ/cag/freu
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