"German Pop" in der Frankfurter Schirn Ungewollt provinziell

Groß, grell und bunt: So wie die Installation von Ferdinand Kriwet kann "German Pop" auch aussehen.

(Foto: dpa)

Pop-Art gab es in Deutschland dank einiger guter Künstler tatsächlich. Aber man müsste sie anders zeigen als die "German Pop" in der Frankfurter Schirn. So überzeugen vor allem Lippenstifte und Hakenkreuze.

Von Georg Imdahl, Frankfurt

Es gibt Ausstellungen, bei denen schon der Titel suggeriert, es hätte sie eigentlich schon längst mal geben sollen. "German Pop" in der Schirn Kunsthalle Frankfurt ist so eine Schau. Egal, dass in den letzten Jahren diverse Museen auf Spurensuche gegangen sind, um vergessene Künstler und einst ignorierte Künstlerinnen wiederzuentdecken oder ganze Ausstellungen aus den frühen Sechzigerjahren zu rekonstruieren - erst mit dem englischen Label kommt dieses deutsche Phänomen publikumswirksam auf die Tagesordnung. Typisch clevere Schirn, denkt man: Der hochtourigen Ausstellungsmaschine gelingt es eben immer wieder, eigene Marken zu produzieren.

Der ganze Mist des Alltags

Doch in diesem Fall hat sich nicht etwa die Schirn den griffigen Titel einfallen lassen, er findet sich schon 1963 in der Bemerkung eines unbekannten Malers namens Gerhard Richter. Der propagierte damals mit Mitstreitern im Rheinland einen fröhlichen "Kapitalistischen Realismus" und rief Amerika selbstbewusst zu, die Pop-Art sei dort ja wohl nicht allein erfunden worden; sie sei für ihn auch "kein Importartikel". Richter war aus der DDR in den Westen gekommen, er hatte noch den sozialistischen Realismus praktiziert und malte nun in Düsseldorf Bilder, für die er Worte ins Spiel brachte wie Junk-Culture, Naturalismus und eben - German Pop. Da er dies kundtat, kam er soeben von einem heute legendären Fluxus-Event in der Kunstakademie Düsseldorf und ließ sich von dessen "Freiheitsimpuls" anstecken.

Ganz ähnliche Vokabeln hatte schon 1959 Claes Oldenburg über die "popular culture" notiert, er verstand darunter die Stadt, den Lärm, den Dreck, also Junk, und wollte eine Kunst, die sich "auf den ganzen Mist des Alltags einlässt und doch gewinnt". Der junge Oldenburg war da soeben in den Bann des New Yorker Happening geraten, das dem europäischen Fluxus vorangegangen war: Auch hier machte die Verschmelzung von Kunst und Leben in der Aktion den besonderen Kick aus.

Pop-Art war definitiv ein Import aus den USA. Wichtig ist, was hier die Künstler daraus machten

Wenn die Ausstellung "German Pop" eines ganz deutlich demonstriert, dann dies: Pop-Art in Deutschland war definitiv ein Import. Was die Bedeutung der frühen Arbeiten von Richter, Sigmar Polke, Konrad Fischer-Lueg nicht im Geringsten schmälert. Es kam nur darauf an, was die Künstler daraus machten: ob sie im Mittelmaß steckenblieben wie beträchtlich viele Künstler der Frankfurter Schau - oder eben eigenes Kapital daraus schlagen konnten. Der Ertrag konnte nur nachhaltig sein, wenn Pop-Art mehr sein sollte als eine Umarmung des Alltags in all seiner Banalität. Die Frau, die sich entkleidet und ihre Unterwäsche dem Blick preisgibt oder das Damenhaupt mit Lockenwickler; allerlei futuristische Fabelwesen mit Hosenträgern; stilisierte Figuren mit Kreis und Landschaft als Kopf und Bauch oder Fußballfans im Zerrspiegel sind Sujets von Künstlern, deren Werke man hier nicht dem Vergessen entreißen müsste.

Auch dann nicht, wenn sie, gut gemeint, als Collagen gegen Krieg und Konsum aufbegehren. Es gibt Ausnahmen wie die Stillleben mit aufblasbaren Fröschen, Enten und Seepferdchen von Christa Dichgans. Sie sind motivisch so dreist, ja dummdreist, dass sie tatsächlich noch immer provozieren. Das will etwas heißen. Regelrecht postmodern.