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Gerichtsprozesse im Wandel der Zeit:Ein Paar neue Augen

Cornelia Vismann rückt in ihrer Analyse der juristischen Formen zwei Begriffe in den Vordergrund: die "agonale" und die "theatrale" Anordnung des Gerichts. Dass ein Prozess wie ein Wettkampf auf eine Entscheidung zusteuern muss, ergibt sich aus der Logik des rechtlichen Widerstreits. Die Inszenierung des Verfahrens als Theaterstück jedoch ist weniger naheliegend. Woher rührt diese Bezugnahme?

Kachelmann-Prozess - Urteil

Wie durchlässig die Schicht zwischen Gerichtsprozess und Tribunal ist, hat man in den vergangenen Monaten im Verfahren gegen Jörg Kachelmann erkennen können.

(Foto: dpa)

Überzeugend stellt Vismann heraus, dass die standardisierte Dramaturgie vor Gericht nichts weniger als bloßes Beiwerk ist. Vielmehr weist die strenge Ordnung der Reden auf die innerste Bedeutung des Rechtsprechens. Denn wenn man das Verbrechen als ein Ereignis begreift, das einen Riss zwischen Tat und Wort herbeiführt, das die Erzählbarkeit der Welt für einen Moment unterbricht, dann kommen dem Gericht zwei Aufgaben zu: Natürlich muss es die Tat einem Urheber zuordnen; aber zunächst hat es den Riss in der symbolischen Ordnung zu kitten, das verstörende Geschehen erzählbar zu machen. Das tut die Rechtsprechung, indem sie für alle Verbrechen - und noch für die wüstesten, unvorstellbaren unter ihnen - einen formalisierten Rahmen errichtet.

Die Arbeit des Gerichts, sagt Vismann, ist ein "Zeremoniell der Sprachwerdung". Und genau aus diesem Grund muss die letzte Beratung der Richter und Schöffen, zwischen den Plädoyers und dem Urteilsspruch, jenseits dieses Zeremoniells stattfinden, hinter verschlossenen Türen, vom Protokollzwang ausgeklammert.

Denn diese Beratung markiert den einzigen Moment, in dem sich so etwas wie ein Zaudern des Gerichts zeigen darf, ein Element von Willkür und Improvisation, das nötig ist, um den Sprung vom Zusammentragen der Fakten zum finalen Urteil zu riskieren. Diese prekäre Phase darf vom theatralen Prinzip des Gerichts niemals erfasst werden (und deshalb wird der berühmte Film, der genau dies versucht hat - Sidney Lumets "Die zwölf Geschworenen" - von Vismann als misslungen abgekanzelt).

Als Sonderform der Rechtsprechung erscheint das "Tribunal", im Unterschied zum ordentlichen Gericht. Es gibt für diesen Verfahrenstyp keine rechtliche Definition, wie Vismann schreibt; unbestritten ist nur, dass es hier weniger um das Ermitteln einer noch unsicheren Wahrheit geht als vielmehr um die möglichst sichtbare Präsentation der bereits gefundenen. Tribunale, in denen Richter und Ankläger identisch sind, stellen sich als Gründungsstätten kollektiver Erinnerung dar (wie es die Aufarbeitung der NS-Gräuel in Nürnberg, des RAF-Terrorismus in Stammheim oder des Jugoslawienkriegs in Den Haag belegen).

Am anschaulichsten wird die Differenz von Gericht und Tribunal, wenn man ihr jeweiliges Verhältnis zu technischen Medien im Prozessverlauf beobachtet. Das ordentliche Gericht, in einem geschlossenen, oft fensterlosen Raum, stellt eine hermetische Sphäre her, weil es sich in seiner sprachlichen Rekonstruktion der Ereignisse genügt. Öffentlichkeit begrenzt sich auf die Gemeinschaft anwesender Zuschauer.

Seit dem Aufkommen der Fotografie hat das Gericht jede neue Medientechnologie als Konkurrenz empfunden, denn zur theatralen Anordnung des Prozesses gehört es, dass allein den Worten des Richters die Diskurshoheit im Saal zukommt. Das Fernsehen, das in seiner unmittelbaren Abbildung des Geschehens diese Hoheit in Frage stellen würde, ist deshalb bis heute aus dem Gerichtssaal ausgeschlossen. Nur jene trägen Medien, die eine nachträgliche Übersetzung des Prozessablaufs leisten müssen, sind zugelassen: die Presse und der so anachronistisch wirkende Gerichtszeichner.

Das Tribunal dagegen, das ein Gerichtsverfahren mit einer gültigen Geschichtsversion verbinden will, kann an jedem denkbaren Ort errichtet werden. Sein Hauptanliegen besteht in der Optimierung der öffentlichen Reichweite. Tribunale sind daher seit Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts immer auch Erprobungsforen für avancierte Technologie gewesen (zuletzt die kontinuierliche Online-Übertragung des Milosevic-Prozesses).

In Nürnberg 1945 feierte das Medium Film doppelte Premiere im Gerichtssaal; es war das erste Mal, dass Filmbilder als Beweismittel vorgeführt wurden und Kameras einen Prozess aufnahmen. Zudem wurde die neue Konferenz-Technik der Simultanübersetzung verwendet. Vismanns Überlegungen zum Status der Medien in den Nürnberger Prozessen, zur schockhaften Evidenz der Filme aus den Konzentrationslagern und zur Herrschaft der Übersetzungsanlage, die sogar den Richter zum Befehlsempfänger degradierte, sind ein atemberaubendes Glanzstück des Buches.

Wie durchlässig die Schicht zwischen Gerichtsprozess und Tribunal ist, hat man in den letzten Monaten im Verfahren gegen Jörg Kachelmann erkennen können. Nach der Lektüre dieses Buches sieht man das Wuchern der Berichterstattung rund um den Fall noch einmal unter neuen Gesichtspunkten.

Wie gerne hätte man Cornelia Vismann als Beobachterin dieses Prozesses erlebt! Sie hätte einen Gegenpol gebildet zu all jenen Gerichtsreportern, die ihre Aufgabe inzwischen darin erkennen, möglichst pointiert Partei zu ergreifen, sich an ihrem allenfalls marginalen Anteil an der Urteilsfindung selbst zu berauschen. Vismanns Blick auf die mediale Fabrikation der juristischen Wahrheit wäre in diesem Prozess besonders notwendig gewesen. Doch als die Verhandlung im Juli 2010 begann, hatte die bloß neunundvierzig Jahre alt gewordene Professorin an der Universität Weimar nur noch einige Wochen zu leben.

Ihr Vermächtnis ist dieses Buch, das allen, die sich praktisch oder wissenschaftlich in der Sphäre der Rechtspflege bewegen, ein Paar neue Augen verleiht.

CORNELIA VISMANN: Medien der Rechtsprechung. S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2011, 464 S., 22,95 Euro.

© SZ vom 27.06.2011/rus
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