Süddeutsche Zeitung

Ausstellung in New York:Gegen das Verstehen

Gerhard Richters Zyklus zu Birkenau steht im Zentrum seiner Schau in New York - es ist die erste umfassende Ausstellung des Malers in den USA seit fast zwanzig Jahren.

Von Sebastian Moll

Gerhard Richter hat es nicht geschafft, noch einmal die Reise nach New York anzutreten, die Eröffnung seiner Werkschau fand ohne den Künstler statt. Die New Yorker Kunstwelt musste sich bei der Vernissage am Met Breuer, dem Ableger für zeitgenössische Kunst des Metropolitan Museum, mit der stellvertretenden Anwesenheit von Richters Kindern und Enkeln begnügen. Richter ist 88, man sah es ihm gerne nach, zumal ihm große öffentliche Auftritte ohnehin nicht sonderlich behagen. Dennoch war seine Präsenz bei der Retrospektive, die sich über die enorme Zeitspanne von 1957 bis 2017 ausdehnt, der ersten Schau mit einem solch umfassenden Anspruch in den USA seit fast zwanzig Jahren, deutlich zu spüren.

Wenn man dem Gastkurator, dem Harvard-Kunsthistoriker Benjamin Buchloh glauben darf, dann hatte Richter nämlich bei der Konzeption der Ausstellung weit mehr als nur eine beratende Rolle. In den drei Jahren, in denen die Retrospektive geplant wurde, ist Richter regelmäßig in New York gewesen. Oder er hat wenigstens mit seinem langjährigen Freund Buchloh und dessen Co-Kuratorinnen Sheena Wagstaff und Brinda Kumar in Köln zusammengesessen und darüber nachgedacht, wie man die Räume in dem kühnen Betonklotz an der Madison Avenue nutzen kann, um in 100 Werken die Geschichte einer einzigartigen Karriere zu erzählen.

Es sei Richter wichtig gewesen, "extrem wichtig", wie Buchloh sagt, wie er in Amerika wahrgenommen werde, wo sein Name in den letzten Jahren vor allem mit Rekordpreisen bei den einschlägigen Auktionshäusern in Verbindung gebracht wird und mit dem Kinofilm von Florian Henckel von Donnersmarck, der zwischen seiner Biografie und seinem Werk simplifizierende Verbindungen herstellt.

Bei der Rezeption durch den amerikanischen Kunstbetrieb klafft hingegen eine Lücke von 18 Jahren. Bis auf kleine Ausstellungen in seiner Galerie in New York und einzelnen Werken im Zusammenhang thematischer Ausstellungen war in den Vereinigten Staaten seit 2002 von Richter nicht viel zu sehen. Es war eine andere Zeit, die deutsche Kunst schlug in New York große Wellen, man hatte in den Neunzigerjahren Polke, Kiefer und Baselitz entdeckt. Und Richter war der Nachzügler in dem Quartett, das bis heute für das US-Publikum, wie Buchloh amüsiert bemerkt, so etwas wie die deutsche Nationalmannschaft der Kunst repräsentiert. Die damalige Ausstellung war ein durchschlagender Erfolg. So etwas hatte man noch nicht gesehen in den USA. Richter leuchtete Amerika ein - insbesondere im Fahrwasser von 9/11, das nicht einmal fünf Monate vorher New York erschüttert und tief traumatisiert hatte.

Im Zentrum der damaligen Ausstellung stand der Stammheim-Zyklus, und Amerika, für das Terrorismus eine gänzlich neue Erfahrung war, rang damit, wie man über Terror denn überhaupt sprechen kann. Da erschien Richter wie eine Offenbarung: Der Zyklus, so die New York Times damals, sei schlicht das einzige große Kunstwerk, dass es bislang überhaupt zum Thema Terror gebe. Seitdem ist viel passiert, Gerhard Richter ist nicht nur, zu seinem eigenen Unbehagen, zur Weltmarke auf dem Kunstmarkt aufgestiegen. Er hat sich auch trotz seines fortschreitenden Alters unermüdlich weiterentwickelt.

Die Spur der Evidenz wird bis zur vollkommenen Unauffindbarkeit vergraben

So erzählt Richter in New York gemeinsam mit den Kuratoren seine Werksgeschichte von der Gegenwart aus oder zumindest von dem, was ihn zuletzt am stärksten bewegte. Die New Yorker Ausstellung mündet in einen Raum, der ausschließlich dem Birkenau-Zyklus von 2014 gewidmet ist. Es entsteht der Eindruck, als wären die gesamten 60 Jahre seines Schaffens auf diesen Moment zugelaufen, in dem sich diese Malerei direkt mit einem Motiv des Holocaust befasst. Dabei ist, nach den Kontroversen um die Birkenau-Arbeit in Deutschland, auf die Präsentation allergrößte Sorgfalt verwendet worden. Richter und die Kuratoren haben gleich mehrere Sicherheitsstufen eingebaut, um Vorwürfen der Spektakularisierung, die Gerhard Richter immer vermeiden wollte, zu entgehen. Großflächige Wandtafeln, auf denen Richter die Originalfotografien aus dem Konzentrationslager Schicht um Schicht in Schwarz- und Rottönen übermalt und verwischt hat, werden den digitalisierten Drucken derselben Bilder gegenübergehängt. Der ursprünglichen Transposition des fotografischen Dokuments wird eine weitere hinzugefügt. Die Spur der Evidenz wird bis zur vollkommenen Unauffindbarkeit vergraben.

Richter hatte diesen Trick, den Status sowohl des Originals als auch der Kopie infrage zu stellen, bereits angewandt, als er den Zyklus 2015 zum ersten Mal in Dresden zeigte. Die Installation in New York fügt jedoch eine weitere Schicht der Komplexität hinzu. Man wagt es in New York, die Originalfotos zu zeigen, als digitale Drucke aus dem Archiv von Auschwitz.

Die vierte Wand des Raums gehört dann einem grauen Spiegel, einer Glasarbeit von 2018. Der Spiegel setzt den Betrachter selbst in das Zentrum der Installation, die als Einheit erfahren wird. Thema des Werks wird somit das Betrachten selbst, die mühevolle Suche nach dem Signifikat von Richters Schaffen, dass sich, wie stets bei ihm, desto mehr verflüchtigt, je mehr man es zu fassen versucht. Mit dem Birkenau-Zyklus als Zielpunkt der Ausstellung legt das Met Breuer die großen Themen der Erinnerung und der Grenzen der Darstellbarkeit als roten Faden durch die Werkschau, Themen, die sich, wie der Direktor des Metropolitan Museum Max Hollein bei der Eröffnung betonte, mit den großen Themen der modernen Kunst decken.

Deshalb definiert Max Hollein wohl auch die Richter-Ausstellung als gelungenen End- und Höhepunkt des Experiments "Met Breuer". Das Metropolitan Museum hatte vor vier Jahren den Bau vom Whitney Museum übernommen, um sich dort mit experimentellen Ausstellungen auf dem Gebiet der zeitgenössischen Kunst zu profilieren. Nach Richter gibt das Met den Bau nun aus Kostengründen wieder auf und integriert seine Bemühungen um die Moderne in das im Umbau befindliche Haupthaus an der Fifth Avenue.

Richters Œuvre erscheint als ein unabschließbares Plagen mit der Unzulänglichkeit der Kunst, speziell der Malerei

Dass das Experiment ausgerechnet mit der Soloshow eines etablierten, männlichen und auch noch europäischen Künstlers zu Ende geht, ist indes ein scharfer Gegenpol zu den ersten Soloausstellungen des Met Breuer, bei denen die Inderin Nasreen Mohamedi und der Afroamerikaner Kerry James Marshall gewürdigt wurden. Hollein rechtfertigt den Schwenk mit der Universalität Richters. Diese Position als Ausrufezeichen für das Met-Breuer-Projekt zu setzen, bleibt dennoch ein Statement. Allerdings eines, das trefflich zum aktuellen politischen Kontext passt. Das erste Werk, dem man in der Richter-Ausstellung begegnet, ist neben einem weiteren Spiegel das Bild "September". Es ist eine Arbeit Richters aus dem Jahr 2005, in dem er sich mit dem 11. September 2001 beschäftigt und der Undurchdringlichkeit der Bilder, die an jenem Tag um die Welt gingen.

Dieses Bild ist ebenso Widerstand gegen ein vermeintlich einfaches Verstehen wie Richters Arbeiten zur deutschen Vergangenheit. Es setzt den Ursprung der Welt, in der wir heute leben, als Rätsel und als Quelle von Fragen, auf die es keine Antworten geben kann. Dieses Werk setzt den Ton für die Präsentation von Richter als Meister der unauflösbaren Ambivalenz. Sein Œuvre erscheint als ein unabschließbares Plagen mit der Unzulänglichkeit der Kunst, speziell der Malerei. Gerhard Richter hat zeit seines Lebens trotz dieser Unzulänglichkeit an der Malerei festgehalten. Der Titel der Ausstellung, "Painting After All", verweist darauf, dass Richter immer wieder bei dem Medium angekommen ist, dem er sich allen Entwicklungen in der Kunst zum Trotz am stärksten verbunden gefühlt hat. Aber "After All" will noch mehr sagen, der Titel deutet auch an, dass Malen für Richter ein finaler Akt ist. Es ist das, was am Ende von allem übrig bleibt.

So steht im Zentrum des ersten Stockwerks der Ausstellung Richters "Cage"-Zyklus, seine monumentale Meditation über John Cage und die Macht des Zufalls aus dem Jahr 2006. Die Chronologie des Stockwerks suggeriert, dass auch dieses Werk, wie Birkenau, das Ende eines Prozesses ist, der von Richters frühen Arbeiten mit Zeitungs- und Familienfotos über seine Landschaften mit einer gewissen Zwangsläufigkeit genau zu Cage geführt hat. Wenn man Buchloh glauben darf, hat Richter das genauso gewollt, dass zwei große abstrakte Zyklen - Birkenau und Cage - im Zentrum seiner Werkschau stehen. Es ist das, was am Ende einer langen Laufbahn übrig bleiben soll. Painting after all.

Gerhard Richter. Painting After All, im Met Breuer Museum, New York, bis zum 5. Juli. Der Katalog kostet 50 Dollar.

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SZ vom 05.03.2020
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