Gerhard Richter:Gescheiter und stärker als der Verstand

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SZ: Und Sie verarbeiteten diese Erfahrungen mit Gemälden wie "Tote", "Bomber", "Düsenjäger", "Stukas", "Mustang-Staffel", alle aus den Jahren 1963/64?

Richter: Also, bewusst war mir das ganz und gar nicht, und damals hätte ich das auch abgestritten. Dieses Thema wäre mir auch eine viel zu schwere Bürde für die Bilder gewesen. Heute sehe ich das anders, inzwischen erkenne ich den Zusammenhang der Bilder mit meiner erlebten Geschichte.

SZ: "Meine Bilder sind klüger als ich selbst", meinten Sie einmal. Führte Ihr Unterbewusstsein Regie?

Richter: Das Unterbewusste - ja. Es ist gescheiter, stärker, sicherer im Erfassen als der Verstand.

SZ: Weshalb Sie sich von ihm lieber leiten lassen?

Richter: Ja doch, so weit das möglich ist. Und manchmal bin ich dann überrascht, wie richtig etwas war, das ich ganz intuitiv entschieden hatte. Das ist dann ein großes Geschenk.

SZ: Wann wissen Sie eigentlich, dass ein Bild gut ist?

Richter: Die Gretchenfrage. Aber eine wichtigere als die nach gut und schlecht gibt es nicht. Also: Man wächst heran, lernt, eignet sich Vorbilder an und versucht zu verstehen, was an diesen eigentlich gut ist. Welche Qualität wir da schätzen, besonders, wenn sie auch noch die Jahrhunderte überdauert. Es ist eine Qualität, die Übereinstimmung schafft, die also einen sozialen und gesellschaftlichen Wert darstellt. Solche Kunstwerke besitzen wir ja.

SZ: Bitte ein Beispiel!

Richter: Es gibt so viele. All die wunderbaren Werke von den alten Griechen über Velásquez, Goya, Dürer, Friedrich, Manet, Cézanne, Pollock, Serra, und und und. Aber begründen, weshalb sie so gut sind, das kann ich nicht, das kann wahrscheinlich niemand. Als ich vor vielen Jahren Theodor Adornos "Ästhetische Theorie" las, wunderbar klug gedacht und geschrieben, war ich hinterher ein bisschen enttäuscht, weil selbst dieser große Denker keine Kriterien für gute oder schlechte Kunst bietet. Also, ich denke, dass das grundsätzlich unmöglich ist, und dass es gut ist, dass wir es nicht erklären kön-nen. Aber allein schon, dass wir an etwas teilhaben dürfen, das uns überragt, das ist doch ein Trost.

SZ: Soll ich eine Definition versuchen?

Richter: Nur zu!

SZ: Kunst, wenn sie gut ist, schafft einen Freiraum für die Imagination. Man findet ihn in Ihren Bildern. Sie besitzen eine Sphäre, die eigene Assoziationen und Vorstellungen herausfordert. Auch Emotionen.

Richter: Das haben Sie sehr gut gesagt, denn ohne Emotionen läuft ja gar nichts. Sie müssen nur gut verpackt werden, sonst haben wir so eine sentimentale Authentizität, die die Betrachter nur noch nervt.

SZ: Das stimmt. Aber auf subversive Emotionalität reagieren Betrachter mit eigenen Gefühlen. Das ist die Aura guter Bilder, egal, ob figurativ oder abstrakt. Wobei wir bei Ihren abstrakten Gemälden wären. Wie ist das Verhältnis zwischen den gegenständlichen und den abstrakten Gemälden?

Richter: Sie meinen quantitativ? Es täuscht. Nicht einmal ein Drittel meiner Bilder ist gegenständlich. Sie finden eben mehr Beachtung, sie erzählen mehr, sind leichter beschreibbar und leichter zu erinnern. Auf großen Ausstellungen sah das Nebeneinander von abstrakten und gegenständlichen Bildern immer irgendwie interessant aus. Schlimmstenfalls unterhaltsam. Das wollte ich ändern.

SZ: Warum?

Richter: Ungegenständliche Malerei kann genauso spannend sein wie zum Beispiel Instrumentalmusik, wenn man sich auf sie einlässt. Bei einem gegenständlichen Bild male ich den Anblick einer vorhandenen Sache, bei einem abstrakten formt sich allmählich das Bild einer Landschaft, die ich nicht kenne. Aber die Mittel sind die gleichen, also die Farben, Formen, Proportionen, Strukturen sind die gleichen wie beim Entstehen einer real existierenden Szene. Deshalb sollten abstrakte Bilder auch genauso betrachtet werden wie die fotorealistischsten Motive.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, was am Rande des Gegenständlichen passiert.

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