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Gerd Danigel: Fotos aus der DDR:Kinder ohne Sturzhelm

Ironie, Humor und höchste Bewusstheit im selbstgewählten Medium: Mit seinen Fotos aus der Umbruchphase der DDR erweist sich der Berliner Autodidakt Gerd Danigel als liebevoller Menschenbeobachter und echter Humorist. Nun ist ein Fotoband über ihn erschienen, der einen aus dem Staunen nicht mehr herauskommen lässt.

Gustav Seibt

6 Bilder

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Quelle: Lehmstedt Verlag

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Ironie, Humor und höchste Bewusstheit im selbstgewählten Medium: Mit seinen Fotos aus der Umbruchphase der DDR erweist sich der Berliner Autodidakt Gerd Danigel als liebevoller Menschenbeobachter und echter Humorist. Nun ist ein großartiger Fotoband über ihn erschienen, der einen aus dem Staunen nicht mehr herauskommen lässt.

Gibt es einen zweites Stadtgebiet, das, noch dazu in einem prekären historischen Moment, so intensiv und künstlerisch so hinreißend fotografiert wurde wie Prenzlauer Berg in den letzten Jahren der DDR? Wer die durchweg beeindruckenden und überraschenden Schwarzweiß-Bände betrachtet, die der Leipziger Lehmstedt Verlag unter Federführung von Mathias Bertram seit einigen Jahren herausbringt, wird gewiss sein: Nein, das ist ohne Vergleich. Schon wieder erscheint ein solcher Band, schon wieder steht ein bisher fast unbekannter Künstlername auf dem Titel, und schon wieder kommt man aus dem Staunen nicht heraus. Gerd Danigel, 1959 in Berlin geboren, hat sich das fotografieren selbst beigebracht. Er wuchs auf in der Nähe der Mauer, auf ihrer Ostseite, als Arbeiterkind.

Der ehemalige U-Bahnhof "Dimitroffstraße" im Prenzlauer Berg. Inzwischen heißt der Halt "Eberswalder Straße".

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Quelle: Lehmstedt Verlag

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Nachbarschaftlicher Zufall brachte ihn in Berührung mit Roger Melis, dem großen DDR-Fotografen, dem einzigen, dem das Regime eine gewisse Mondänität zu gestand. Ein weiterer Zufall spielte ihm eine Kamera in die Hände, die seiner Schwester geschenkt worden war. Damit, bald geschult an klassischen Fotobänden etwa August Sanders oder Henri Cartier-Bressons, auf die Melis den Jungen hinwies, begann er Auge und Hand zu trainieren, an der ihm vertrauten Umgebung in jenem melancholisch verfallenden, schwer zu kontrollierenden Häuserriff zwischen Greifswalder Straße und Schönhauser Allee, das sich seit den siebziger Jahren von einem altmodischen Arbeiterbezirk in ein von allerlei Subkulturen besiedelten Biotop der Bohème verwandelte.

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Quelle: Lehmstedt Verlag

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Wie in Bernd Heydens großartigen, etwas früheren Fotos, die wir an dieser Stelle vor zwei Jahren zu rühmen hatten, hält auch Danigel eine stehenbleibende Zeit fest, mit architektonischen Kulissen, die 1910 oder 1930 kaum anders ausgesehen hätten. Denn Prenzlauer Berg war fast unbeschädigt durch den Bombenkrieg gekommen, allerdings war später auch nur wenig zu seiner Erhaltung getan worden. So entwickelte sich hier eine oft düstere, den reichen Graustufen des Schwarzweißmediums entgegenkommende Fassadentinktur, in Tönen der Verfalls, vor denen die mageren Versuche der DDR-Ökonomie, mit Schaufenstern, Parolen und Reklamesprüchen Aufmerksamkeit zu erregen, oft umso komischer wirkten.

Reklamespruch an einer Fassade in Radeberg bei Dresden.

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Quelle: Lehmstedt Verlag

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Gerd Danigel ist ein echter Humorist, in dem altmodischen Sinn, der eine leise Melancholie einschließt und der natürlich auch die Selbstironie der damaligen Bewohner aufgreift. Solche ironische Aufmerksamkeit übertrug er dann auch auf andere Gebiete, so in dem fast Beckettschen Stilleben eines Bernauer Fensters, in dem ein paar leere Eimer unter der Schrift "Unser Angebot" zu sehen sind, oder einem Schaufenster mit der Parole "Alles vom Fisch", das dann aber doch nur "4 Sorten Ölsardinen" annonciert, allerdings von einem blubbernden Fischlogo begleitet und von Danigel mit kunstvoller Spiegelung aufgenommen.

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Quelle: Lehmstedt Verlag

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Dieser Fotograf ist dabei ein liebevoller Menschenbeobachter, dessen bevorzugte Modelle Kinder und Alte sind, teils freundlich in Positur gestellt, teils in unbefangenen Schnappschüssen aufgenommen, mit untrüglicher Sicherheit für den Moment. Man sieht sie ausgesprochen gern, diese Berliner Straßenkinder, die noch ohne Sturzhelme spielten und gewiss ohne Dinkelbrot aufgezogen wurden. Eine auffallende graphische Begabung kommt hinzu, etwa in einem minutiös verästeltelten schönen Baum (an der Dänenstraße) oder einer Fernsehantenne, die genau in den ferne Umriss des Berliner Fernsehturms gerückt ist. Ironie, Humor, Lebensfreundlichkeit, höchste Bewusstheißt im selbstgewählten Medium - daraus wird ein bedeutender Künstler.

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Quelle: Lehmstedt Verlag

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In den letzten Jahren der DDR qualifizierte Danigel sich als Fotograf am "Institut für Kulturbauten", also für eine beschränkten, praktischen Zweck (es ging um Bauten wie das restaurierte Konzerthaus oder die Semperoper). Nach 1989 verschwand diese Stelle und verschwand auch das gewohnte Beobachtungsfeld Danigels. Seine Negative musste er privat sichern, was er gottseidank getan hat. Der Band zeigt auch etliche Bilder aus den neunziger Jahren, die bei veränderter Umgebung eine ungebrochene Begabung erkennen lassen. Trotz der vielen anderen Wege, die zeitgenössisches Fotografieren heute geht, müsste es möglich sein, dieses brachliegende Talent weiter zu nutzen und nicht nur in einem, wenn auch glanzvoll schönen Band zu archivieren.

Gerd Danigel: Schöner unsere Paläste! Berliner Fotografien 1978-1998. Mit einem Vorwort von Marika Bent. Lehmstedt Verlag, Leipzig 2011. 160 Seiten, 24,90.

© SZ vom 12.7.2011/pak
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