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Zum Tod von Gerd Bulthaup:Raumkünstler und großer Menschenfreund

Aus der vom Vater geerbten Möbelfabrik formte Gerd Bulthaup die heute weltweit bekannte Marke.

(Foto: Bulthaup)

Gerd Bulthaup machte die Küche zu einem Ort, an dem es nicht nur ums Kochen geht, sondern ums Zuhausesein. Nun ist der Unternehmer im Alter von 75 Jahren gestorben.

Zu erfahren, dass Gerd Bulthaup soeben, wie seine Tochter Antje mitteilt, nach Wochen unsagbaren Leidens gestorben ist, schmerzt - auch wenn das Leid beendet ist. Denn Bulthaup war nicht nur ein großer Menschenfreund, sondern auch derjenige, der in den Achtzigerjahren mit futuristischem Gespür etwas wieder ins Leben gerufen hat: Als Industrieller hat er die Wohnküche bautypologisch reanimiert.

So wurde die Küche, die seit Beginn der Moderne räumlich abgehängt und reduziert auf das Fabrikhafte der Essenszubereitung ein bald schon trauriges Schattendasein führte (und mit ihr das Hauptpersonal der Küche im 20. Jahrhundert: die Frau), wieder in einen zentralen Lebensraum umgedeutet. Dass es heute die Küche ist, von der viele Wohngrundrisse dominiert werden, vom Einfamilienhaus bis zum Loft, ist auch Bulthaup zu verdanken.

Vom Mercedes unter den Küchen zum Bulthaup unter den Automobilen

Darin und in der auch gegen die Widerstände eines Massenmarktes vorangetriebenen Einheit von ästhetischem Anspruch, wertiger Materialität und ingeniöser Fügung, die letztlich in den Gedanken einer so funktionalen wie raumatmosphärisch bedeutsamen, zudem ökologischen Nachhaltigkeit mündet, liegt Bulthaups Verdienst. Was Mercedes einst für das Auto war (ein technikkultureller Katalysator von Rang), ist Bulthaup für die Küche. Wenn man bedenkt, dass Küchen als Chiffren der Distinktion bereits den Auto-Fetisch ablösen, müsste man den Satz, wonach Bulthaup der Mercedes unter den Küchen ist, eigentlich umformulieren: Man könnte ein Auto eher mit dem Hinweis, es sei der Bulthaup unter den Automobilen, vermarkten.

Wichtiger aber ist: Auch in der Ikea-Küche, die man sich üblicherweise eher wird leisten können als eine Küche aus der Edelmanufaktur (man wird die Billigvariante aber möglicherweise auch eher ersetzen müssen), sind Innovationen vorhanden, die auf Gerd Bulthaup und seine kongeniale Zusammenarbeit mit dem einflussreichen Gestalter Otl Aicher zurückgehen.

Nach Aichers Auffassung sollten Küchen nicht allein funktionale, sondern kommunikative Orte sein. So entstanden Küchen, losgelöst von der vor allem an der Wand orientierten Einbauidee, zunehmend als frei bespielbare Architekturen, als inspirierte Raumkunst. Die Küchenwerkbank, Vorläufer der Kücheninsel, sowie das zum Teil sichtbar aufbewahrte Instrumentarium, das sich Aicher und Bulthaup von den Profiküchen der Gastronomie abschauten, sind Folgen dieses Denkens. Und bestimmen heute das Vokabular der meisten Küchen, in denen man sich gern aufhält - weil es darin nicht allein ums Kochen, sondern mehr noch ums Zuhausesein geht.