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Gérard Depardieu wird 70:Angst vor der Einsamkeit

Mammuth

Extrem, grob und verletzlich. So war Depardieu 2010 im Film "Mammuth" unterwegs: durch die Provinz und zurück in die Vergangenheit des Helden.

(Foto: arte, Editions Dargaud)
  • Hinter dem animalischen Kraftkerl, als der Gérard Depardieu Karriere gemacht hat, stecken Sensibilität und Bildung.
  • In den vergangenen zehn Jahren hat der Schauspieler die Kraftmeierei zu einer Art System gemacht. In der Presse gilt er seitdem als lächerliche Figur.
  • Am wichtigsten war Depardieu stets die Zusammenarbeit mit Freunden und Kollegen. Nun wird er 70 Jahre alt.

Von Fritz Göttler

Ich will nur, dass man mich liebt, sagt der junge Pariser Polizist Mangin, Gérard Depardieu, in dem Film "Police" von Maurice Pialat. Vielleicht ist das der große Drang, das geheime Movens, das jeden Kriminaler treibt, in jedem Kriminalfilm der Welt, durch den das Genre bestimmt ist, die Sehnsucht nach Liebe, die Angst vor der Einsamkeit, vor dem Ausgeschlossensein. Es scheint jedenfalls die Figuren zu motivieren, die Depardieu auf der Leinwand verkörpert, mehr als zweihundert bislang.

Die Momente, mit denen er die Erzählungen von seiner Jugend bestückt, immer aufs Neue, passen dazu. Eine arme Familie, beengte Räumlichkeiten, Kerouac-Lektüre, Hehlereien, Gelegenheitsjobs, an der Côte d'Azur Sonnenschirme aufgestellt, mit zwei Nutten zusammengewohnt, in Paris schließlich wird er fürs Theater entdeckt. "In Paris verlor ich meine Sprache, machte nur noch Geräusche . . ." Er hat sie wiedergefunden durch die Klassiker, Corneille und Racine, mit denen sein algerischer Sprachlehrer ihn vertraut machte.

Der große Naive, der Naturbursche, der animalische Kraftkerl, als der Depardieu Karriere machte, ist ein synthetisches Geschöpf, da steckt durchaus Sensibilität darin und Bildung. Wir mussten ihm mit seiner Lust zur Provokation stets hinterher sein, erzählt Regisseur Bertrand Blier von den Dreharbeiten zu "Les Valseuses", dem ersten Erfolg von Depardieu, er trieb sich in den verrufensten Vierteln herum.

In den vergangenen zehn Jahren hat Depardieu die Kraftmeiereien zu einer Art System gemacht - exzessiver Weinkonsum, das Jammern über hohe Steuern, die Verachtung für die französischen Politiker, der Rückzug nach Russland, Putins Geschenk der russischen Staatsbürgerschaft. Man hat ihn in der Presse zur lächerlichen Figur erklärt, und das hat ihm mächtig Spaß gemacht. Zuletzt gab es Vorwürfe, er habe eine junge Kollegin vergewaltigt, die Depardieu energisch zurückwies. Depardieu, das Enfant terrible, in Lederjacke und auf dem Motorrad, er spielt diese Rolle virtuos. Schauspieler, sagt er, sind dazu autorisiert, Kinder zu sein. Und Regisseure haben Angst davor, Kinder zu sein. Daher brauchen sie die Schauspieler.

Wenn Depardieu in Truffauts "Die Frau nebenan" sich in Fanny Ardant verliebt, dann meint man dieses verzweifelt brennende Verlangen in sich selbst zu spüren.

Viele seiner Filme findet er Scheiße, aber wichtiger als der einzelne Film war ihm stets die Zusammenarbeit mit Freunden und Kollegen. Um 1980 herum hat er in einigen der wichtigsten französischen Filme gespielt, dreimal für Marguerite Duras, zweimal für Alain Resnais und François Truffaut und Maurice Pialat, auch in Peter Handkes "Die linkshändige Frau" war er dabei. Es war eine Übergangszeit im französischen Kino, die Nouvelle Vague, Depardieu löste Jean-Pierre Léaud ab, für den die Liebe immer etwas Spielerisches, fast Intellektuelles hatte. Wenn Depardieu in Truffauts "Die Frau nebenan" sich in Fanny Ardant verliebt, die Frau seines Nachbarn, dann meint man dieses verzweifelt brennende Verlangen in sich selbst zu spüren, und wenn er in Resnais' "Mein Onkel aus Amerika" von einem Konkurrenten im Büro und in der Ehe immer stärker auf Dutzendformat beschränkt wird, wird man beim Zuschauen von Beklemmung und Atemnot gepeinigt.

Keiner hat fürs Kino so viele große Figuren aus Geschichte und Literatur verkörpert wie Depardieu, lebenslustige, durchtriebene, fiese, sie seiner wuchtigen Leibesfülle angepasst. Rasputin und Stalin, Danton und Columbus, Rodin und Tartuffe, Balzac und Strauß-Kahn, Alexandre Dumas und viele seiner Figuren, D'Artagnan und Porthos und der Graf von Monte Cristo. 1990 durfte Depardieu den Cyrano de Bergerac spielen, den romantischen Haudegen, der mit einer unförmigen Nase ausgestattet ist und deshalb bei den Frauen wenig Erfolg hat. Aber wunderschöne poetische Briefe schreibt er für einen Freund, souffliert so einer Liebe, die er selber nicht leben darf. Depardieu kommt federleicht daher in dieser Rolle, die lange Nase verschiebt den Schwerpunkt seiner Gestalt. Er hätte den Oscar kriegen müssen für diese Rolle, war nominiert, aber dann kam kurz vor der Verleihung ein Artikel um Missbrauchsgeschichten in der Jugend. Und die Hollywood Academy machte, was sie noch immer gern tut, sie zog den Schwanz ein. Depardieu kam nie wieder in Betracht. Am heutigen Donnerstag wird er nun siebzig Jahre alt.

© SZ vom 27.12.2018/cag

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