Georgische  Literatur Chaos im Kaukasus

Aka Morchiladzes Roman "Die Reise nach Karabach", ein Road-Movie im Jahr 1992, wurde zu Recht zum Kultbuch.

Von Christoph Bartmann

"Alles begann Ende Februar", wird sich der Tifliser Kleinganove Gio später an sein Abenteuer in Karabach im Februar 1992 erinnern, als in Georgien "Bürgerkrieg oder so was" herrschte. Mitten im größten postsowjetischen Durcheinander lässt sich Gio von ein paar Kumpels widerwillig zu einem Trip ins benachbarte Karabach überreden. Bergkarabach, wir erinnern uns dunkel, ist jenes mehrheitlich von Armeniern bewohnte Gebiet im heutigen Aserbaidschan, um das zwischen den beiden Ländern seit damals ein Konflikt schwelt. Die georgischen Gangsterfreunde, nicht eben Vertreter der organisierten Kriminalität, sondern Tagediebe, die ab und zu ein bisschen Geld im Drogenhandel verdienen, wissen wenig von Karabach und seinen Gefahren. Anfang 1992 ist dort Krieg, und wer wie Gio und seine Freunde die Lage so wenig versteht wie die Sprachen, die man dort spricht, hat kaum Chancen auf einen erfolgreichen Deal.

Man versteht, dass dieser Roman ein Kultbuch wurde

Aka Morchiladze, geboren 1966, schrieb 1992 mit der "Reise nach Karabach", die nun erst auf Deutsch erscheint, einen georgischen Best- und Longseller. Die kurze, rasante Geschichte vom Karabach-Abenteuer des simpel gestrickten, aber überlebenstüchtigen Gio traf offenbar den Nerv einer ganzen Gesellschaft, der im georgischen Chaos der frühen Neunzigerjahre der Glaube an Demokratie und andere westliche Werte gründlich abhandengekommen zu sein scheint. Im politischen Vakuum schlägt die Stunde der Ganoven, aber Gio hat wenig Lust auf Stress. Dass er sich auch noch in Jana, eine Ex-Prostituierte, verliebt hat und mit ihr gar eine Familie gründen will, verstört sowohl seinen Vater wie seine Kumpels. Es ist schwer, der "Philosophie von Tbilissi" zu entkommen, die lehrt, dass große Brüder stets besser wissen, was für einen gut ist. So bleibt Gio nichts Besseres übrig als die Reise nach Karabach.

Man versteht, dass Morchiladzes Roman zum Kultbuch geworden ist. In der mal rotzig-aggressiven, dann unversehens lyrischen Erzählstimme seines Helden nimmt eine Generation Gestalt an. Der junge, männliche Homo postsowjeticus, der später oft zum Klischee erstarrt ist, lässt sich hier in einer frühen Erscheinungsform betrachten: fatalistisch, träge und desillusioniert, aber ausgestattet mit guten Reflexen und Instinkten. Oder wie Gio: vielleicht doof, aber tough.

Mit einem Lada und einem Sack Geld nach Karabach zu fahren, um dort Drogen einzukaufen, ist 1992 sicher eine noch verrücktere Idee als je danach. Die Begegnung mit wehrwilligen Tataren hier und armenischen Freischärlern dort einigermaßen unbeschadet zu überstehen, erfordert allerdings ein Maß an Schläue und Robustheit, das über die normalen Tifliser Anforderungen hinaus geht. Während sich Gio an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zieht, fragt man sich, für welche Geschäftsmodelle er und die Seinen ihre Talente seither wohl eingesetzt haben. Politik? Militär? Business? Professionalisierte Kriminalität? Noch ist ja die Gios Generation nicht alt, sie erreicht derzeit etwa das fünfzigste Lebensjahr, sofern sie nicht dem gefährlichen Leben zum Opfer gefallen ist.

Was Morchiladzes Roman wohl auch in den Köpfen seiner Leser festgesetzt hat, ist die Idee von der Kaukasusregion als Raum des politisch-kulturell Absurden. Die Sowjetmacht ist implodiert, nun können sich die alten Konflikte und Fehden beinahe genüsslich neu ausbreiten. Man weiß nicht im Detail, wie nah Morchiladzes "Roadmovie"-Variante der historischen Wahrheit kommt, und hat nicht den Eindruck, dass den Autor die Motive des damaligen, bis heute fortwirkenden Konflikts besonders interessierten. Wie auch, er versteckt sich ja unter der Tarnkappe eines Tifliser Punks, der während seines grenzüberschreitenden Abenteuers selten voll bei Bewusstsein ist.

Ein Don Quijote will der Held dieser Geschichte nicht sein

Entweder wird schwer gesoffen, oder er dämmert frisch verprügelt in irgendeinem Kerker vor sich hin. Eigentlich möchte Gio ja von dieser Welt rein gar nichts wissen, nichts von Karabach, aber auch nichts von der heimischen Welt, aus der ihm eben die Geliebte abhanden kam. Er sei wohl eine Art Don Quijote, schmeichelt ihm einmal eine russische Fotografin, die mit einem Journalisten an einem Buch arbeitet, Titel: "Reise nach Karabach". Nein, er sei kein Don Quijote, entgegnet Gio. "Ich spiele nur seine Rolle. In Wirklichkeit bin ich Goglikos Kumpel und verstehe gar nichts von dieser Welt." "Sehr witzig", erwidert die Journalistin. Ja wirklich, sehr witzig, diese nun doch noch zu entdeckende "Reise nach Karabach".