Georges-Arthur Goldschmidt: "Der versperrte Weg":Geboren 1924

Begleitend zur Besprechung des Romans "Der versperrte Weg". Pressematerial des Wallstein-Verlags

Georges-Arthur, damals noch Jürgen-Arthur (links) und Erich Goldschmidt in Settignano, nahe Florenz, im August 1938.

(Foto: privat)

Wie Krieg und Verfolgung zwei Brüder entfremdet haben: Georges-Arthur Goldschmidt erzählt die Geschichte einer gestohlenen Kindheit.

Von Christian Mayer

Uwe Timm hat vor einiger Zeit beschrieben, warum er sich erst sehr spät an die Geschichte seines Bruders herangetraut hat. Eine Geschichte, die er seit seiner Kindheit mit sich herumtrug. Der 16 Jahre ältere Bruder Karl-Heinz hatte sich im Dezember 1942 freiwillig zur Waffen-SS gemeldet; Ende September 1943 wurde er in der Ukraine schwer verwundet und starb wenig später. Auch Jahrzehnte danach blieben die Fragen: Warum wollte der Bruder unbedingt zur SS und das Töten lernen? Welche Sehnsüchte hatte er, welches Menschenbild, welche Rolle spielte dabei die Erziehung zu Hause?

In der Trauer seiner Eltern, die wie viele aus ihrer Generation Meister im Verdrängen waren, lebte der Sohn weiter, deshalb war es lange undenkbar für den Schriftsteller, sich mit seinem Bruder literarisch auseinanderzusetzen. Schließlich stand für die Mutter fest: Tote soll man ruhen lassen. Erst nachdem sie gestorben war, fühlte sich der Autor frei genug, sich an das heikelste Kapitel seiner Familiengeschichte zu wagen. Das Buch "Am Beispiel meines Bruders" rührte auch deshalb ein großes Publikum, weil Uwe Timm nichts verurteilte, nur verstehen wollte, auch sich selbst.

Man muss unweigerlich an Timms Erzählung aus dem Jahr 2003 denken, wenn man Georges-Arthur Goldschmidts neues Buch "Der versperrte Weg" liest, den "Roman des Bruders", wie es im Untertitel heißt. Allein schon deshalb, weil der deutsch-französische Schriftsteller, Essayist und Übersetzer (unter anderem der Werke Peter Handkes) es für durchaus wahrscheinlich hält, dass auch sein Bruder ein überzeugter Nationalsozialist geworden wäre - unter anderen Umständen.

Es geht um einen vom historischen Unglück gezeichneten Menschen

"Ich war ein Schwarzfahrer des Schicksals", hat der heute 93-jährige Goldschmidt in einem Interview gesagt. Und damit das Glück im Unglück beschrieben, als Kind einer ursprünglich jüdischen, aber schon lange zum Protestantismus konvertierten Familie überlebt zu haben. Die schmerzhaften Jahre von der Flucht aus Deutschland bis zum erlösenden Kriegsende in Frankreich stehen im Zentrum seiner Bücher, etwa in "Die Absonderung", für das er 1991 mit dem Geschwister-Scholl-Preis geehrte wurde. Auch der neue, schmale Band "Der versperrte Weg", der in diesem Jahr auf der Longlist des Deutschen Buchpreises stand, erzählt die Geschichte einer gestohlenen Kindheit. Dieses Mal allerdings aus der Perspektive seines Bruders Erich, der wie Karl-Heinz Timm Jahrgang 1924 war.

Uwe Timm konnte, als er die Geschichte seines Bruders schrieb, auf dessen Feldpostbriefe und das Kriegstagebuch zurückgreifen. Goldschmidt bleibt nur die Möglichkeit, sich in Erich hineinzuversetzen und aus den gemeinsam erlebten Erfahrungen und einigen wenigen Gesprächen nach dem Krieg eine literarische Biografie zu machen.

"Es geht hier darum, das Leben eines vom historischen Unglück zutiefst gezeichneten Menschen nachzuerzählen", schreibt der Autor. Zugleich ist er sich bewusst, wie sehr sich die Erinnerungen und die späteren "Gedächtnisbilder" vermischen, wenn zwischen dem Erlebten und dem Erinnerten achtzig Jahre, also ein ganzes Menschenalter liegen.

Georges-Arthur Goldschmidt: "Der versperrte Weg": Georges-Arthur Goldschmidt: Der versperrte Weg. Roman des Bruders. Wallstein Verlag, Göttingen 2021. 111 Seiten, 20 Euro.

Georges-Arthur Goldschmidt: Der versperrte Weg. Roman des Bruders. Wallstein Verlag, Göttingen 2021. 111 Seiten, 20 Euro.

Die Goldschmidt-Kinder wachsen in einer bürgerlichen Familie in Reinbek in Holstein auf. Der Vater ist Oberlandesgerichtsrat, stramm konservativ und national eingestellt. Für den älteren Erich ist der kleine Bruder, der damals noch den deutschen Namen Jürgen-Arthur trägt, ein lästiger Konkurrent, eine wahre Nervensäge. Das Leben der Familie gerät aus den Fugen, als die Nationalsozialisten den Vater wegen seiner jüdischen Herkunft 1933 entlassen. Für den ehrgeizigen Musterschüler Erich, der sich das Weinen selbst abtrainieren möchte, ist die schleichende Ausgrenzung in den Anfangsjahren der NS-Zeit vollkommen unbegreiflich. "Er war stolz, ein richtiger aufrichtiger Deutscher zu sein, damit brüstete er sich vor sich selber: Deutscher."

Wer etwas erfahren möchte über die innere Zerrissenheit und die Scham der Überlebenden, wer die Kinder des Krieges und ihre traumatischen Erfahrungen verstehen will, sollte dieses Buch lesen. "Der versperrte Weg" ist die vorsichtige Annäherung an einen jungen Menschen, der sich dagegen sträubt, dass er Jude sein soll, eine Geschichte des unterdrückten Heimwehs, der trotzigen Selbstbehauptung, der erzwungenen Neuerfindung - geschrieben mit einer Klarheit und Knappheit, die jedes Pathos vermeidet.

Im Mai 1938 verlassen die beiden Brüder Deutschland gerade noch rechtzeitig. Die Eltern schicken sie nach Italien, wo sie in Florenz für einige Monate bei Freunden der Familie unterkommen, später ziehen sie weiter ins vermeintlich sichere Frankreich. Allerdings kommen sie dort nicht wie erhofft bei einer reichen Verwandten in Hochsavoyen unter, sondern landen in einem Kinderheim inmitten einer schroffen Berglandschaft. Nachdem Nazi-Deutschland Frankreich besiegt hat, kontrollieren erst noch die Italiener den Südosten des Landes. Doch ab 1943 übernehmen die Deutschen die Kontrolle, die Gestapo fährt durch die Dörfer und macht Jagd auf Juden. Die Goldschmidt-Brüder schweben nun wieder in höchster Gefahr, nur mit viel Glück und der Hilfe französischer Bauern und eines Priesters entgehen sie dem Zugriff der Besatzer.

Nach einem versuchten Staatsstreich kommt Erichs Karriere ins Stocken

Erich schließt sich der Résistance an und beteiligt sich später an der Befreiung von Paris. Doch er ist "weder Fisch noch Fleisch", wie Goldschmidt schreibt, noch kein Franzose, aber auch kein Deutscher mehr, immer irgendwie dazwischen. Erst die Uniform befreit ihn von seiner tief empfundenen Scham und dem Gefühl, eine fremde Identität annehmen zu müssen; die Uniform schützt ihn zugleich vor dem "Selbstverlust", sie ist der Panzer gegen die fremden Blicke, gegen das Mitleid der Gutmeinenden und den Hass der Antisemiten.

Ein ziviles Leben kommt für Erich nach den Erfahrungen des Krieges nicht infrage. Er meldet sich freiwillig zur Fremdenlegion, kämpft in Indochina für die Kolonialmacht Frankreich und erlebt so manche Niederlage, etwa als er 1961 beim versuchten Staatsstreich einiger Generäle gegen die Republik auf der falschen Seite steht und seine Karriere ins Stocken gerät.

Georges-Arthur Goldschmidt, der jüngere Bruder, hatte ein friedlicheres Leben, vielleicht einfach auch mehr Lebensglück. Er arbeitete lange als Lehrer in Paris, bevor er anfing, das Gefühl der Entwurzelung, die Zeit im Kinderheim und seine abenteuerlichen Fluchten erfolgreich in Literatur zu verwandeln. Seinem Bruder blieb es verwehrt, auf diese Weise Frieden mit der eigenen Vergangenheit zu schließen. "Der versperrte Weg" ist eine Hommage an ihn, der Versuch, diesen fremd gewordenen Menschen zu verstehen.

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