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Georges-Arthur Goldschmidt:Der gerettete Knabe und das Problem der Rettung

Der Autor entging der Vernichtung, weil ihn seine Eltern aus Deutsch­land fortschickten. Jetzt wird er neunzig.

Den langen, noch immer anhaltenden Erfolg Peter Handkes in Frankreich gäbe es nicht ohne Georges-Arthur Goldschmidt, den Mann, der vom "Hausierer" (1969) bis zum "Don Juan" (2014) zwei Dutzend Werke des Schriftstellers ins Französische übersetzte. Umgekehrt hat Peter Handke mehrere Werke Goldschmidts, darunter den ersten Roman "Der Spiegeltag" (1982), ins Deutsche übertragen. Die beiden Autoren verbindet aber mehr als ein reziprokes Verhältnis zwischen Schriftsteller und Übersetzer: eine rückhaltlose Ehrlichkeit, eine enge Bindung an die literarische Sprache, sei sie nun Deutsch oder Französisch, vor allem aber eine Lebenserfahrung. Denn beide sind in der deutschen Sprache aufgewachsen, um später ein französisches Leben zu führen. Dass dieser Wechsel von der einen Lebenswelt in die andere bei Georges-Arthur Goldschmidt von unvergleichlich härteren Umständen erzwungen wurde - daran erinnert die kleine Reflexion, die Peter Handke seinem Gefährten im Geiste zum neunzigsten Geburtstag an diesem 2. Mai schenkt: Sie handelt von den Aufzeichnungen, die Arthur Goldschmidt, der Vater des Schriftstellers, im Konzentrationslager Theresienstadt anfertigte, und die bis heute vom Sohn verwahrt werden.

Der Vater war Richter in Hamburg gewesen - ein Protestant und so assimiliert, dass er dem Sohn nicht einmal erklärte, was ein "Jude" sein sollte. Zehn Jahre alt war Georges-Arthur (damals noch Jürgen-Arthur), als ihn die Eltern aus Deutschland fortschickten, wonach er zuerst in Florenz Unterschlupf fand, dann in einem Kinderheim in Savoyen, schließlich in derselben Gegend bei einem Bauern und wieder im Internat. Von dieser späten Kindheit und frühen Jugend handelt der Roman "Ein Spiegeltag". Davon handeln auch die Erzählung "Die Absonderung" (1991) und die meisten späteren literarischen Werke, etwa "Die Befreiung" (2010) oder "Der Ausweg" (2014).

Berichte von einer erstaunlichen Rettung, vor dem Hintergrund einer in unmittelbarer Nähe stattfindenden Katastrophe, sind diese Bücher nur an der Oberfläche. Darunter liegen die Dinge weitaus komplizierter. Denn diese Rettung erscheint als etwas völlig Unverdientes, absurd Zufälliges, sie ist bis ins Innerste der Seele mit dem Bewusstsein einer unauslöschlichen Schuld gegenüber den Ermordeten verbunden, und sie wird begleitet durch Berichte von Nötigungen, von physischen, insbesondere sexuellen Quälereien, die das Opfer - wenn es denn nur ein solches wäre - nicht nur hinnimmt, sondern auch begrüßt. Die Sprache, das Aussprechen, Bekennen und Hinschreiben, der Schritt in die Literatur muss für Georges-Arthur Goldschmidt der Weg sein, mit diesen Erfahrungen überhaupt zurechtzukommen, in einem ebenso grandiosen wie von Zweifeln begleiteten Versuch, das Innerste nach außen und das Unterste nach oben zu kehren.

Demselben Impuls scheinen sich die beiden Bücher zu verdanken, die Georges-Arthur Goldschmidt (einmal abgesehen davon, dass er an Pariser Gymnasien lehrte) den Geheimnissen der deutschen und französischen Sprache widmete - und in denen es zweimal, in "Als Freud das Meer sah" (1999) und "Freud wartet auf das Wort" (2006), um die Psychoanalyse geht: Goldschmidt spürt den Wortstämmen, den Präfixen und den Satzbögen nach, um am Ende die Sprache selbst sprechen zu lassen, so als besitze eine jede eine eigene Natur, die es freizulegen und dadurch zu retten gelte.

Die Seele, behauptete Freud, werde im Innersten aus zwei Empfindungen zusammengehalten, aus der Lust und aus dem Schmerz. Goldschmidt hat sein literarisches Leben um diese beiden Pole herum aufgebaut. Die Rettung und die Schuld, die beiden anderen Motive in seinem Werk, sind nur Varianten. Und so treibt er sich herum, im vagen, porösen, flüchtigen und in jeder Beziehung unsicheren Raum dazwischen, mal vom einen, mal vom anderen Pol angezogen. Genug gesprochen ist darin nie.